|
Deutsche Wirtschaft schrumpft im Mai trotz steigender Exporte
Ergebnisse auf einen Blick:
HCOB Flash Deutschland Composite PMI(1) bei 48,6 (April: 50,1). 5-Monatstief.
HCOB Flash Deutschland Services PMI(2) bei 47,2 (April: 49,0). 30-Monatstief.
HCOB Flash Deutschland Industrie Index Produktion(4) bei 51,5 (April: 52,3). 3-Monatstief.
HCOB Flash Deutschland Industrie PMI(3) bei 48,8 (April: 48,4). 33-Monatshoch.
Die deutsche Wirtschaft ist im Mai erneut geschrumpft, hauptsächlich wegen der beschleunigten Talfahrt des Servicesektors.
Die Industrieproduktion wurde hingegen abermals gesteigert, nicht zuletzt aufgrund steigender Exportneuaufträge. Die
Geschäftsaussichten binnen Jahresfrist verbesserten sich gegenüber dem jüngsten April-Tief wieder, während die
Beschäftigung leicht sank.
Der Anstieg der Verkaufspreise für Güter und Dienstleistungen sank auf ein 7-Monatstief, da die Angebotspreise der
Serviceanbieter mit abgeschwächter Rate angehoben und die Verkaufspreise in der Industrie erstmals wieder reduziert wurden.
Mit 48,6 Punkten nach 50,1 im April signalisierte der HCOB Flash Deutschland Composite PMI, dass die deutsche Wirtschaft
erstmals seit Jahresbeginn wieder leichte Wachstumseinbußen zu verzeichnen hatte. Ausschlaggebend hierfür war, dass die
Geschäftstätigkeit im Servicesektor wegen der anhaltenden Nachfrageschwäche zum zweiten Mal hintereinander und so stark
zurückging wie seit zweieinhalb Jahren nicht mehr (Index bei 47,2). Im Gegensatz dazu wurde die Industrieproduktion den
dritten Monat in Folge gesteigert, wenngleich nicht mehr ganz so stark wie in den beiden Vormonaten (Index bei 51,5).
Triebfeder für die Ausweitung der Industrieproduktion in der größten Volkswirtschaft der Eurozone war der Zuwachs beim
Auftragseingang, und hier insbesondere die Exportneuaufträge, die im Mai so stark zulegten wie seit Anfang 2022 nicht mehr.
Zahlreichen Unternehmen zufolge zogen die Exporte an Industrieerzeugnissen in Richtung USA an, aber auch nach Europa.
Im Gegensatz dazu fiel der neunte Auftragsrückgang in Folge bei den Serviceanbietern wegen der Unsicherheit auf
Kundenseite so gravierend aus wie seit letztem September nicht mehr. Obwohl nur moderat, war der Auftragsrückgang von
Industrie und Servicesektor zusammengenommen stärker als in den drei Vormonaten.
Die Auftragsbestände nahmen im Mai auf breiter Front und noch etwas stärker ab als im April, hauptsächlich wegen des
nachlassenden Kapazitätsdrucks im Servicesektor. Im verarbeitenden Gewerbe verringerten sich die Auftragsbestände nur
geringfügig und mit der niedrigsten Rate seit knapp drei Jahren ab und blieben damit nahezu konstant.
Die Beschäftigung sank in der deutschen Wirtschaft im Berichtsmonat insgesamt leicht. So wurden die moderat steigenden
Beschäftigtenzahlen bei den Dienstleistern vom anhaltenden Rückgang in der Industrie überkompensiert, wenngleich dieser so
schwach ausfiel wie seit Januar 2024 nicht mehr.
Nachdem sie im April wegen der weit verbreiteten Besorgnis über Zölle und der Verunsicherung in der Wirtschaft auf ein 6-
Monatstief gesunken waren, berappelten sich die Geschäftsaussichten binnen Jahresfrist im Mai wieder. Markant gestiegen
ist die Zuversicht vor allem im verarbeitenden Gewerbe, hier blicken die Unternehmen aktuell so optimistisch auf ihre
zukünftigen Geschäfte wie seit Februar 2022 nicht mehr. Überdies trug die Erwartung eines Nachfrageschubs durch verstärkte
Investitionen des öffentlichen Sektors, die Hoffnung auf ein Handelsabkommen zwischen den USA und der EU und die
allgemein besseren Konjunkturaussichten in Europa zur gestiegenen Zuversicht bei. Bei den Serviceanbietern stiegen die
Erwartungen hingegen nur leicht und fielen damit weniger optimistisch aus als im langjährigen Mittel.
Der Inflationsdruck nahm im Mai ab. So verlangsamte sich der Anstieg der Verkaufs- bzw. Angebotspreise für Güter und
Dienstleistungen zum dritten Mal hintereinander und fiel so schwach aus wie zuletzt im Oktober 2024. Im Servicesektor sank
der Index Angebotspreise auf ein 7-Monatstief (wenngleich er noch immer weit über seinen Langzeit-Durchschnittswert
notierte), in der Industrie wurden die Verkaufspreise nach dem erstmaligen Anstieg seit knapp zwei Jahren im April wieder
reduziert. Der Index Einkaufspreise notierte unverändert auf dem 6-Monatstief des Vormonats, hier wurde der leicht
abgeschwächte Kostenauftrieb im Servicesektor vom verlangsamten Rückgang der Einkaufspreise in der Industrie
überkompensiert.
Dr. Cyrus de la Rubia, Chefökonom der Hamburg Commercial Bank, kommentiert:
„Diese Zahlen zeichnen ein gemischtes Bild – es gibt sowohl Licht als auch Schatten. Positiv anzumerken ist, dass sich die
Industrie besser entwickelt, da die Produktion drei Monate in Folge gestiegen ist und die Auftragseingänge diesem Trend
folgen. Im Servicesektor hingegen ist die Geschäftstätigkeit stärker zurückgegangen. Da Dienstleistungen einen großen Teil
der Wirtschaft ausmachen, hat dieser Rückgang den Composite-PMI deutlich unter die 50-Punkte-Marke gedrückt, was auf
eine Kontraktion hindeutet. Angesichts des moderaten Wachstums im ersten Quartal entsprechen diese jüngsten Daten den
Prognosen des Sachverständigenrats der Bundesregierung für die deutsche Wirtschaft, wonach diese in diesem Jahr
möglicherweise auf der Stelle treten wird.
Im verarbeitenden Gewerbe sieht es besser aus. Der PMI befindet sich zwar weiterhin im roten Bereich, steigt aber seit fünf
Monaten sukzessive an. Dieser Aufwärtstrend dürfte auf eine Mischung aus kurzfristigen Impulsen – wie Unternehmen, die
vor dem Inkrafttreten von Zöllen ihre Bestellungen vorziehen – und einer breiteren zyklischen Verbesserung aufgrund der
Zinssenkungen der EZB zurückzuführen sein. Mit Blick auf die Zukunft könnten höhere Verteidigungsausgaben und ein
konkreteres Infrastrukturpaket dem Sektor zusätzlichen Auftrieb geben. Außerdem dürften sinkende Kosten aufgrund
niedrigerer Energiepreise den Herstellern etwas Luft verschaffen.
Die Dienstleister könnten in einen Abschwungmodus kommen. Die Aktivität geht seit zwei Monaten zurück, beim
Neugeschäft hat sich der Rückgang beschleunigt und an der Preisfront kann man nicht mehr allzu große Erhöhungen
durchsetzen. Gleichzeitig steigen die Kosten immer noch recht stark an, was an den Gewinnmargen nagen dürfte. Dessen
ungeachtet stellen die Dienstleister weiter Personal ein, sodass die Beschäftigung wächst. Positiv ist zudem, dass sich der
Geschäftsausblick leicht aufgehellt hat, wobei der Optimismus noch deutlich unter dem langjährigen Durchschnitt bleibt.
Insgesamt geht unser Nowcast-Modell - das unter anderem den PMI mit einbezieht - davon aus, dass die Geschäftstätigkeit
der Dienstleister im zweiten Quartal kaum zunehmen wird.“
|