OMV nimmt neuen Kurs auf: Chemie soll Wachstum bringen
Seele: "Die Welt hat sich gedreht" - Borealis-Chef Stern ab
April im OMV-Vorstand - Coronajahr 2020 brachte Umsatz- und
Gewinneinbruch - GRAFIK
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AKTUALISIERUNGS-HINWEIS
Neu: Zusammenfassung (komplette Neufassung) mit u.a. Details zur
Umbildung des OMV-Vorstands, Verkauf des
Borealis-Düngemittelgeschäfts
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Auch beim Öl- und Gaskonzern OMV hat die Coronakrise
wie erwartet tiefe Spuren hinterlassen, Umsatz und Gewinn brachen
2020 um rund ein Drittel ein, dennoch wird die Dividende von 1,75
auf 1,85 Euro je Aktie angehoben. Aufhorchen lässt OMV-Chef Rainer
Seele mit einer Kurskorrektur: Das Wachstum soll künftig vor allem
aus dem Chemiebereich kommen, das Produktionsziel wird deutlich
reduziert, und der Chef der Chemie-Tochter Borealis, Alfred Stern,
zieht in den OMV-Vorstand ein.
"Die Welt hat sich gedreht", erklärte der OMV-Chef am Donnerstag
den Strategiewechsel. "Wir gehen davon aus, dass die
Elektrifizierung der Mobilität und des Transports greifen wird. Wir
gehen davon aus, dass auch andere Antriebe zukünftig diesen Markt
bestimmen werden und erwarten dementsprechend eine Konsolidierung im
Raffineriegeschäft, und das global."
Deshalb nimmt Seele seine im Jahr 2018 formulierten Ziele für Öl-
und Gasproduktion deutlich zurück: "Das langfristige Ziel von
600.000 Barrel am Tag und die Reserven-Verdoppelung wird die OMV
strategisch nicht mehr weiterverfolgen", sagte er am Donnerstag zur
APA. Künftig strebe man ein Produktionsniveau von 480.000 bis
500.000 Barrel am Tag an. Das entspricht etwa dem aktuellen
Produktionsniveau.
"Chemicals & Materials ist das Wachstumssegment", erklärte Seele
- und das soll sich auch in der Zusammensetzung des OMV-Vorstands
widerspiegeln. Der bisherige Chef der OMV-Chemietochter Borealis,
Alfred Stern (56), wird ab 1. April 2021 in den Vorstand der
Konzernmutter einziehen und den gesamten Chemiebereich verantworten.
Der bisherige Bereich Refining & Petrochemical Operations, für den
derzeit Thomas Gangl als Vorstand zuständig ist, wird in Refining
und Chemicals & Materials getrennt. Gangl bleibt vorerst im
OMV-Vorstand - wer künftig die Borealis leiten soll, wollte Seele
heute bei der Präsentation der Ergebniszahlen für 2020 noch nicht
verraten.
Die Borealis selbst soll ihr Düngemittel-Geschäft, das mit rund
2.000 Mitarbeitern etwa 15 Prozent des Borealis-Umsatzes
erwirtschaftet, noch im Laufe dieses Jahres verkaufen. "Wir haben
mit dem Düngemittelgeschäft einfach keine wettbewerbsfähige Größe",
sagte Seele zur APA. Die OMV hatte erst vor kurzem ihre Beteiligung
an der Borealis um 4,1 Mrd. Euro auf 75 Prozent aufgestockt und den
Wert des ursprünglichen 36-Prozent-Anteil in den Büchern deutlich
nach oben berichtigt.
Von dem im Vorjahr angekündigten Verkaufsprogramm mit einem
Volumen von 2 Mrd. Euro habe man bereits über eine Milliarde
abgearbeitet, sagte Seele. Das waren die noch verbliebenen Anteile
an der Pipelinetochter Gas Connect Austria (GCA), das
Tankstellennetz in Deutschland und die Ölproduktion in Kasachstan.
"Das Closing und damit die positiven Cash-Effekte erwarten wir im
Laufe des Jahres 2021", sagte Seele. Offen sei nun noch der Verkauf
der Tankstellenkette in Slowenien und eben das Düngemittelgeschäft
der Borealis. "Über die Tankstellenkette in Slowenien verkaufen wir
nicht unser eigenes Benzin und Diesel, deshalb haben wir gesagt, wir
reduzieren das."
2020 ging die Gesamtproduktion der OMV um 5 Prozent auf 463.000
Fass pro Tag (Öl-Äquivalente) zurück. "Wir hatten keine Produktion
in Libyen, das ist der Grund, warum wir im letzten Jahr einen
Rückgang der Produktion hatten", sagte Seele. "Libyen ist aber im
vierten Quartal jetzt wieder zurückgekommen und die Produktion dort
läuft stabil, deshalb wird die Produktion im Jahr 2021 ansteigen."
Für heuer wird mit einer Tagesproduktion von 480.000 Fass gerechnet.
"Mit der Pipeline an Investitionen, die wir jetzt haben, wollen
wir dieses Produktionsniveau halten. Die Verdoppelung unserer
Reservenbasis wird nicht mehr verfolgt." Man plane daher auch eine
Großakquisitionen von Öl- und Gasfeldern.
Dass dies das endgültige Aus für die einst geplante Beteiligung
am den russischen Fördergebieten IV und V der Achimov-Formation im
Öl-, Gas- und Kondensatfeld Urengoy (Urengoj) bedeute, wollte Seele
heute so klar nicht sagen - das Projekt sei "nicht aufgegeben,
sondern eine Option geworden", erklärte er in einer
Online-Pressekonferenz. Vorerst denke man nicht an Akquisitionen,
sondern an Devestitionen.
Für Österreich sind in der Mittelfristplanung laut Seele
Investitionen in Höhe von 3 Mrd. Euro vorgesehen, davon ein Drittel
für nachhaltige Projekte, "für das Kunststoff-Recycling, für
erneuerbare Energie und für die Erzeugung von grünem Wasserstoff".
Auch die Eigenproduktion von Öl- und Gas in Österreich werde man
nicht vernachlässigen. Laut Upstream-Vorstand Johann Pleininger
sollen in Österreich heuer rund 20.000 Fass Öl-Äquivalent produziert
werden, das entspreche je einem Zehntel des heimischen Bedarfs an Öl
und Gas.
Der niedrige Ölpreis hat der OMV im Vorjahr schwer zu schaffen
gemacht: Der Umsatz ging um 29 Prozent auf 16,55 Mrd. Euro zurück,
das um Lagerhaltungseffekte bereinigte CCS Operative Ergebnis vor
Sondereffekten halbierte sich auf 1,686 Mrd. Euro, und unterm Strich
blieb ein Periodenüberschuss von 1,478 Mrd. Euro (-31 Prozent). Die
Chemietochter Borealis erzielte im Vorjahr einen Nettogewinn von 589
Mio. Euro, nach 872 Mio. Euro im Jahr davor.
Die erste Hälfte des laufenden Geschäftsjahres werde noch immer
"sehr herausfordernd" bleiben, sagte Seele. Nach der "ersten
Euphorie" über die Impfstoffe nehme jetzt die Verteilung der
Impfdosen einen zaghafteren Verlauf als erwartet. Die zweite
Jahreshälfte dürfte aber deutlich positiver ausfallen und eine
stärkere Wirtschaftserholung bringen.
Man rechne mit einem durchschnittlichen Brent-Rohölpreis von 50
bis 55 Dollar pro Barrel und einem Gaspreis über 10 Euro pro
Megawattstunde (MWh).
Die OMV-Aktie legte am Donnerstag bis Mittag um 2,71 Prozent auf
36,38 Euro zu.
( 0160-21, Format 88 x 108 mm)
(Schluss) ivn/sp
ISIN AT0000743059
WEB http://www.omv.com
http://www.borealisgroup.com