Brezinschek: Börsenaufschwung geht weiter, USA dynamischer als Europa
Geldpolitik belastet Euroraum-Banken: TLTRO III könnte helfen
- Notenbanker: Wirtschaftsbelebung im zweiten Halbjahr möglich
- "Europa braucht einheitliche Linie zu US-Handelsthemen"
Die globalen Aktienmärkte werden ihren moderaten
Aufschwung im laufenden zweiten Quartal fortsetzen, glaubt
Raiffeisen-Chefanalyst Peter Brezinschek. Auch über die Jahresmitte
hinaus - im dritten Quartal - dürfte diese Entwicklung anhalten,
sofern dies nicht politisch konterkariert wird. Die Dynamik sei
dabei in den USA stärker als in Europa, erklärte der Experte am
Donnerstag vor Journalisten.Freigemacht worden dafür sei der Weg ja durch die März-Sitzung
der Europäischen Zentralbank (EZB), aber auch Äußerungen von
Fed-Chef Jerome Powell, der am 20. März den Zinserhöhungszyklus für
die USA de facto für beendet erklärt habe. Amerika weise aktuell
mehr Dynamik auf. Dort jage ein Rekord den anderen, in Europa noch
nicht. Bei uns sei der Finanzsektor stärker, leide aber jetzt und
wohl auch 2020 unter der Geldpolitik.
Die Eurozonen-Banken müssten derzeit um die 8 Mrd. Euro an
negativen Einlagezinsen zahlen, diese Belastung könnte sich durch
neue Langfristdarlehen (TLTRO III) auf 4 bis 5 Mrd. Euro im Jahr
reduzieren, schätzt Brezinschek. Die neuen Kredite könnten zu Null-
oder sogar Negativzinsen bereitgestellt werden, näheres dazu könnte
man im Juni wissen. Sollte es beim Einlagesatz (von 0,4 Prozent)
unter bestimmten Bedingungen Erleichterungen bzw. Refundierungen für
bestimmte Institute geben - also einen gespaltenen Einlagesatz -, so
würden davon Banken aus Frankreich, Deutschland, Luxemburg und den
Niederlanden am meisten profitieren.
Von der IWF/Weltbank-Jahrestagung mitgebracht hat der RBI-Experte
die Einschätzung von Spitzennotenbankern aus dem Euroraum, dass es
"keine Rezession" gebe und dass sich die Wirtschaft im zweiten
Halbjahr "leicht beleben" könnte. Die Kritik an Details von
Prognosen der EZB-Ökonomen teilt Brezinschek nicht, denn letztlich
sei es egal, ob irgendein Anstieg ein oder nur 0,8 Prozent ausmache
- das hänge vom jeweiligen Basiseffekt ab, "weil wir 2018 ein
schlechtes zweites Halbjahr hatten". Wichtig sei, wie hoch in den
nächsten Vierteljahren bis ins Jahr 2020 hinein das jeweilige
Wachstum im Quartalsabstand ausmache, betont der Analyst.
Auch den jüngsten vermeintlichen Stimmungs-Dämpfer durch den
Rücksetzer beim viel beachteten deutschen ifo-Geschäftsklimaindex
diese Woche - und auch die Einkaufsmanagerindex-Daten (PMI) aus der
Vorwoche - relativiert Brezinschek. An Schwung verloren habe
lediglich die Industrie, nicht aber die Dienstleistungen. Die
Industrie stelle aber nur 15 bis 23 Prozent Anteil, der 2 bis 2 1/2
Prozent wachsende Servicesektor jedoch 70 Prozent. "Da komme ich
insgesamt dann trotzdem noch auf ein Wachstum."
Die am Freitag in den USA anstehende Erstschätzung des
BIP-Anstiegs im Erstquartal werde mit vermutlich 2,2 oder 2,3
Prozent "gar nicht so schlecht" ausfallen - vor allem, wenn man den
Government Shutdown mitberücksichtigt, also den Stillstand vieler
US-Behörden wegen des Budgetstreits. Der Außenhandel dürfte bis März
sehr gut gelaufen sein, auch die Investitionen. Ein
Zinssenkungsbedarf sei für die US-Notenbank nicht gegeben, auch die
Diskussion dazu dürfte sich hinauszögern, vermutet Brezinschek nach
der IWF-Tagung. Dort habe Vize-Notenbankchef Richard Clarida von
einem ausgezeichneten Umfeld für die US-Konjunktur gesprochen und
davon, dass die Geldpolitik das unterstützen werde. Beim nächsten
Fed-Meeting am 1. Mai werde wohl die Angemessenheit der
US-Geldpolitik betont. Auch die nicht mehr weiter gesunkenen
Renditen zeigten, dass die Fed ein ruhigeres Fahrwasser beschreiten
wolle.
Zu den Handelsthemen Europas mit den USA müssten sich vor allem
Deutschland und Frankreich noch einigen - insbesondere sollte Paris
bereit sein, an den Verhandlungstisch mit den USA zu gehen, so
Brezinschek. Derzeit erhebe Europa keine Stimme und finde keine
einheitliche Linie, was etwa Intellectual Property Rights (Geistiges
Eigentum) und Zollabbau betreffe. Sollten die USA weitere
Fortschritte mit China erzielen, werde Europa nächste Stoßrichtung
sein. US-Finanzminister Steven Mnuchin und der Handelsbeauftragte
Robert Lighthizer wollen ab 30. April in Peking mit ihren
Verhandlungspartnern über eine mögliche Handelsvereinbarung beider
Länder beraten.
Die aktuelle US-Berichtssaison ist aus Raiffeisen-Research-Sicht
recht gut verlaufen, selbst wenn man die positiven Effekte für die
Firmen durch die US-Steuerreform außer acht lässt. Bis dato hätten
rund 27 Prozent der S&P-500-Unternehmen Quartalszahlen vorgelegt -
rund 81 Prozent hätten die in sie gestellten Gewinnerwartungen
übertroffen. Zudem liege der Saldo der Gewinnüberraschungen mit 54
Prozentpunkten über dem 5-Jahres-Median.
Die Gewinn- und Umsatzwachstumsprognosen würden, nach den sehr
guten Resultaten von 2018, etwas schwächer ausfallen. So liege das
erwartete Gewinnwachstum für 2019 deutlich unter 5 Prozent, wobei
der Trend ganz klar Richtung Süden gehe. Letzteres zeige auch der
Saldo aus den positiven und negativen Gewinnrevisionen für den S&P
500 für die nächsten 12 Monate, wobei zuletzt klar die negativen
Revisionen überwogen hätten. Allerdings, betonte Brezinschek
ausdrücklich, könnte der Saldo es zur Jahresmitte 2019 wieder in den
positiven Bereich gehen.
(Schluss) sp/itz
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