Telekom-Prozess - Vage Verschwörungen und ein stiller Präsident
Fehlende Unterschriften hinderten Telekom Austria daran,
Millionen an Boni zurückzufordern
In der Neuauflage des Telekom-Prozesses um eine
Kursmanipulation im Jahr 2004 haben die Angeklagten heute einmal
mehr darauf bestanden, dass der Aktienkurs der Telekom durch
feindliche Angriffe vor Auszahlung des Boni-Programmes für knapp 100
Manager nach unten gedrückt wurde. Wer dies getan habe, konnten die
Angeklagten allerdings nicht sagen.Die Finanzmarktaufsicht konnte jedenfalls keine Angreifer
ausmachen, was den vier Angeklagten bis heute nicht nachvollziehbar
ist. Auch der damalige Präsident des Telekom Austria-Aufsichtsrates,
Peter Michaelis, konnte heute als Zeuge wenig zur Wahrheitsfindung
beitragen - was kaum wundert: Im parlamentarischen
Untersuchungsausschuss hatte Michaelis zugeben müssen, dass er den
Bericht der Finanzmarktaufsicht zu der Kursmanipulation nicht
gelesen hatte.
Heute wurde erstmals bekannt, dass der Aufsichtsrat damals nicht
nur die Boni an die Vorstände mit Vorbehalt ausbezahlt hat - sondern
auch allen anderen Boni für die zweite und dritte Managementebene
dann zurückgezahlt werden hätten müssen, sollte es zu einer
Kursmanipulation gekommen sein. Diese Manipulation ist zwar belegt,
da die Vereinbarung aber nicht zwischen Vorstand und Managern
unterzeichnet wurde, blieb sie zahnlos - wodurch die Telekom auf
Millionen verzichten musste. Insgesamt wurden an die fast 100
Manager knapp 10 Mio. Euro ausbezahlt.
Ansonsten gab es heute wenig neues. Wer den Kurs der Telekom
gedrückt haben könnte, konnten die Angeklagten nicht sagen.
Spekuliert wurde von der Swisscom, die seinerzeit bei der Telekom
einsteigen wollte, bis hin zur Staatsholding ÖIAG, die den
Staatsanteil von 28 Prozent an der Telekom verwaltet.
Richter Wolfgang Etl wunderte sich, warum den angeblichen Angriff
auf den Telekom-Aktienkurs niemandem in der Investor
Relations-Abteilung der Telekom Austria aufgefallen ist - erst
recht, wo doch Wanovits beim Erstprozess im Jahr 2013 ausgesagt
hatte, dass er sich beim Aktienhandel "ausschließlich auf sein
Gefühl" verlasse. Infos etwa der Finanznachrichtenagentur Bloomberg
nutzte er nicht.
Zuvor hatte der Erstangeklagte, der Ex-Festnetzchef Rudolf
Fischer, eingeräumt dass er heute bei der Kurspflege anders
vorgegangen wäre als 2004. Allerdings seien ihm viele Vorwürfe gegen
ihn nicht erklärbar. Fischer ist auch eine der zentralen Personen in
weiteren Telekom-Prozessen, er trägt zur Zeit eine Fußfessel infolge
eines Verfahrens um Parteienbestechung.
Der Broker Johannes Wanovits verteidigte einmal mehr, warum der
angebliche Angriff auf den Aktienkurs über die Deutsche Bank nicht
sofort der Finanzmarktaufsicht gemeldet wurde - das hätte wenig
gebracht, weil die Aufsicht Monate zur Beurteilung gebraucht hatte.
Außerdem habe er nie Strafen von der Börse erhalten, betonte er auf
Anfrage eines Schöffen.
Ganz so stimmt das allerdings nicht: 2004 hat die
Finanzmarktaufsicht (FMA) gegen seine Wiener Euro Invest Bank einen
Strafbescheid verhängt - Begründung: die "Schädigung des Rufs der
Wiener Börse", berichtete damals das "profil".
Der Prozess wird am 12. Mai mit einem weiteren Zeugen
fortgesetzt. Staatsanwaltschaft und Verteidigung forderten die
Zeugenladung des ehemaligen Telekom-Managers Franz Nigl, der nun
Personalchef bei der Österreichischen Post ist.
(Schluss) stf/tsk
ISIN AT0000720008
WEB http://www.telekomaustria.com