Experten für CO2-Etikett auf Produkten für bewussteres Konsumieren
Für Zertifikat-Handels-Reform - Deutscher Fachmann: Politik
traut sich Thema Auto nicht anzugehen - Hohe Erwartungen an
Pariser Weltklimagipfel: Turbo Booster von Kyoto zu neuer
Architektur
Um ein umweltbewussteres Einkaufsverhalten zu
erreichen, sollte auf Produkten die CO2-Belastung drauf stehen,
plädierten am Montag Fachleute in Wien. Energieexperte Wolfgang
Mauch aus München sagte, damit könnte die Ökobilanz von Gütern
transparent werden. Für Global 2000 ist die Idee
"diskussionswürdig", auch ein Voest-Umweltexperte hielte es für gut,
die "grauen" Emissionen sichtbar zu machen.Das Aufzeigen der versteckten Emissionen - auch in importierten
Waren - sichtbar zu machen, wäre "ganz ganz wichtig", meinte
Bernhard Kohl, Leiter Internationaler Umweltschutz bei der
voestalpine. "Unser Carbon Footprint wäre um die Hälfte höher, wenn
wir die importierten Produkte einbeziehen würden", meinte Klima- und
Energiefachmann Johannes Wahlmüller von Global 2000 bei einer
Verbund-Energiediskussion. Vielen sei nicht bewusst, dass sie 4
Tonnen im Jahr an CO2-Emission verursachen, hatte Mauch -
Geschäftsführer der deutschen Forschungsstelle für Energiewirtschaft
- schon im September bei einer Tagung gesagt.
72 Prozent der Menschen würde sich zwar für verpflichtende
Kennzeichnungen aussprechen, so Mauch, aber nur 0,9 Prozent würden
sich bei ihren Kaufentscheidungen von Nachhaltigkeit leiten lassen.
Freiwillig funktioniere es also nicht, rufe man sich etwa das
100-W-Glühbirnen-Thema in Erinnerung. Im jetzigen CO2-Handelssystem
könnten die betroffenen Branchen ihre Mehrkosten freilich indirekt
an ihre Kunden weitergeben, deren Einbindung fehle aber.
Bis das Emission-Trade-System (ETS) zum Positiven verändert sei,
werde es aber noch bis ins kommende Jahrzehnt dauern, meinte
Verbund-Vorstandsdirektor Günther Rabensteiner. Erst 2019 werde die
Reform samt Backloading Effekte erkennen lassen, die dann einige
Jahre später zu "echten" CO2-Preisen und Lenkungseffekten führen
würden. Ein Flop sei das bisherige ETS durch die politisch
begründete Fehlallokation von Verschmutzungsrechten Richtung
Osteuropa. Auch die Nicht-ETS-Bereiche sollten sofort mit einbezogen
werden, forderte Rabensteiner, der für den Wasserkrafthersteller
bekräftigte, dass der eingeschlagene Decarbonisierungsweg konsequent
fortgeführt werde. Komme keine wirksame ETS-Reform, "verlieren wir
nochmals zehn Jahre", befürchtet Wahlmüller dazu.
In der gesamten EU sorgt die Wasserkraft für einen jährlichen
Entlastungseffekt von 200 Mio. t CO2, sagte Rabensteiner; beziehe
man Schweiz, Norwegen und teils die Türkei mit ein, sei es noch
mehr. Demgegenüber bezifferte Kohl die jährlichen CO2-Emission der
voestalpine-Anlagen allein in Österreich mit 12 Mio. t, obwohl dies
alles kohlenstoffeffizienter Stand der Technik sei. Das ETS
funktioniere sehr sehr schlecht, es weise selbst für das bescheidene
Minus-20-Prozent-Ziel Konstruktionsfehler auf. Dabei sei die Voest
das einzige Stahlunternehmen in Europa, das überhaupt Zertifikate
zukaufe. Weite man das Reduktionsziel auf minus 40 Prozent aus, so
würde es um mehr als nur die Aufforderung zur Änderung von Prozessen
gehen, "das hieße dann tiefe Transformationen über alle
Gesellschaftsschichten". Er hoffe, dass das ETS so umgestaltet wird,
dass die heutigen technologischen Möglichkeiten dafür reichen; da
gebe es schon noch Stellschrauben zum Drehen, so Kohl. Die
voestalpine habe schon erste Schritte in Richtung einer beinahe
CO2-freien Stahlerzeugung unternommen.
An noch radikaleres Minus-80-Prozent-Ziel würde von der
Gesellschaft freilich einen Austausch des gesamten Verkehrsparks und
der gesamten Infrastruktur erfordern, so der Voest-Umweltexperte:
"Die gesamte Werkstoffherstellung müsste dann auf Null-Emissionen
gestellt werden." Mauch bezweifelte, ob etwa das Thema Auto - heute
mit 15 bis 20 Prozent Wirkungsgrad "die schlechteste Effizienz, die
es überhaupt gibt" - politisch angegangen wird. "Wer da den ersten
Stein wirft, wird das nächste Mal nicht mehr gewählt." Selbst
Hybrid-Fahrzeuge würden es nur auf 30 Prozent Wirkungsgrad bringen.
"Wenn Sie heute 60 Liter tanken, dann tanken Sie auch 40 Kilogramm
Kohlenstoff. Aus dieser Tankfüllung werden kann aber 160 Kilogramm
CO2."
Die Erwartungen der Experten in den Weltklima-Gipfel, der in zwei
Wochen in Paris beginnen soll, sind hoch. Kohl von der voestalpine
nannte ihn einen "kleinen Turbo Booster, der die Kyoto-Architektur
durch eine neue Individualarchitektur ersetzt, die mehr bewirken"
werde, auch wenn die Zahlen nicht so beeindruckend erscheinen
würden. Schon vor dem COP21-Meeting sei viel geschehen, fünf Mal
jährlich gebe es einschlägige Treffen dazu und es werde "geredet".
Wahlmüller von Global 2000 sprach von "hohen Erwartungen" an Paris,
negativ sei aber, dass zugleich in Österreich die Budgets für Klima-
und Energiefonds (KliEn) und thermische Sanierung gekürzt würden.
(Schluss) sp/itz
ISIN AT0000746409 AT0000937503
WEB http://www.verbund.com
http://www.voestalpine.com