Pirker: Journalismus hat Zukunft - Branche hat aber viel verschlafen
"Medien-Rolltreppe fährt nach unten" - Erfahrungen der
Musikindustrie ignoriert - Digitalisierung löste Inhalte von
fixen Plattformen - Social Media: Leser nehmen Dinge selbst in
die Hand
Die kommerziellen Medien und auch der
Journalismus haben eine Zukunft, ist der Geschäftsführer der
Verlagsgruppe News, Horst Pirker, überzeugt. Freilich habe die
Branche vieles verschlafen, verwies er am Freitag bei der
Verbund-Tagung "energy 2050" in Fuschl auf Musikindustrie,
Digitalisierung und Social Media. Gefragt seien daher nun neue
Geschäftsaktivitäten entlang der Wertschöpfungskette.Die Medienwelt habe den Weg einer disruptiven Entwicklung - also
einer Zerreißprobe - schon früher als die Energiewirtschaft
beschritten, auch da sei man gezwungen gewesen zu Entscheidungen
gegen den Mainstream. In der Medienbranche bewege sich die
Rolltreppe "deutlich nach unten", besonders im Print-Sektor und hier
vor allem im B2B-Bereich. Dass es eine Art Bestandsgarantie für
Medien gebe, wenn diese nur die lange genug existent seien, habe
sich als Irrglaube erwiesen.
Die Digitalen Medien und das Internet seien so erfolgreich, weil
sie gewissermaßen "Meta-Medien" seien, also alle bisherigen
Medieneigenschaften in einem darstellen könnten und damit alle
Marktunterschiede auflösen würden. In einer zweiten Welle seien
danach über Social Media die - früher von Medien professionell gegen
Bezahlung erstellten - Inhalte plötzlich von Konsumenten, den
vormaligen Lesern, selbst erstellt worden. Durch die Konvergenz von
Konsument und Produzent hätten die "Prosumenten" dann einen Großteil
der Wertschöpfungsbeiträge selbst übernommen, allerdings ohne
pekuniäre Abgeltung, also Bezahlung. Die neuen Produzenten würden so
mit ein paar Worten und Bildern in den Wettbewerb zu klassischen
Medien treten.
Hinzu gekommen sei dann noch die Digitalisierung, bei der alle
Formen der Darstellung - Texte, Bilder, Töne - in einem binären Code
aufgehen würden. "Hätten die Medien aufgepasst, stünden sie heute
nicht vor diesen Problemen", meinte Pirker. "Denn die Musikindustrie
hat schon als erste die Runde durch die Digitalisierung gedreht",
verwies der Medienmanager auf die Schritte von LP über CD und
Downloads bis zu den heutigen Streaming-Diensten. Auch das
iTune-Radio von Apple bleibe nicht ohne Effekte auf die Ökonomie der
Musikindustrie.
Die Medien hätten wie Katzen zu lange vor sich hin geschlafen,
meinte der Univ. Prof. des Zentrums für Entrepreneurship und
angewandte Betriebswirtschaftslehre an der Universität Graz. Der
eigentlich entscheidende Schritt sei die Desintegration durch die
Digitalisierung gewesen, also die Loslösung des Inhalts von einer
festen Verbindung mit einer Plattform. Denn heute seien die Inhalte
einer Zeitung nicht nur auf Papier, sondern etwa auch auf iPads oder
Smartphones ausgebreitet. Die neuen Geräte hätten zu einer
Konvergenz vorangegangener Werkzeuge geführt, indem etwa die
Funktionen von Telefon, Computer, Uhr, Zeitung oder auch Fotoapparat
in einem einzigen Werkzeug zusammengewachsen sind.
Der Bedeutungsverlust von Vermittlern, also die
Disintermediation, dürfe als Aspekt nicht übersehen werden. Denn es
bestehe in allen Wertschöpfungsprozessen die Gefahr, dass ein
Zwischenproduzent nicht mehr gebraucht werde. Wie für die
Reisebranche gelte das auch für die Medienbranche. Darauf könne man
auf verschiedene Art reagieren: mit einer Kopf-in-den-Sand-Haltung,
mit einem Last-man-standing-Glauben ("Ich bin der letzte, der übrig
bleibt"), mit einer Take-the-money-and-run-Strategie, einer
Emigration, dem Umstieg in ein anderes Geschäftsfeld oder einer
Zerlegung des Wertschöpfungsprozesses. Apple beispielsweise
versuche, möglichst viele verschiedene Erlösströme für sich zu
generieren.
Auch der "News"-Verlag beschreite den Weg, rund um Print-Titel -
wie "Gusto" oder "woman" - Communitys aufzubauen, um dem Duopol aus
Copyverkauf und Werbung entfliehen zu können. Der kreierte "woman
day" sei mittlerweile kaufstärker als ein Einkaufssamstag in der
Vorweihnachtszeit. Derart ermögliche sich der News-Verlag eine
Viel-Säulen-Erlösbasis.
Nein, Journalisten seien keine aussterbende Gattung, betonte
Pirker auf eine entsprechende Frage. "Auch der Journalismus ist eine
Profession, und der Journalismus hat Zukunft." Von den Print-Titeln
des News-Verlages werde es "die meisten auch in fünf Jahren noch
geben - auch auf Papier, aber nicht nur". Aber natürlich "werden
auch wir zu einem eCommerce-Unternehmen, das ist eben die Konvergenz
der Industrie". In der Tarifwelt habe man vieles neu entwickelt,
etwa eine Flat-rate für Werbetarife. "Das, was wir aus der Telekom
schon kennen, wenden wir damit erstmals international in der
Medienwelt an", so Pirker.
(Schluss) sp/tsk
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