Stromkunde soll künftig mehr Preissignale erhalten
ENTSO-E-Netzbetreiber: Besser eingepreiste Knappheiten wären
für Pumpspeicher positiv -Belgien-Strommangel am Donnerstag
wegen AKW-Ausfall: Österreich half mit all seiner
Kraftwerksleistung
Knappheiten bei Elektrizität sollten sich am
Strommarkt künftig stärker in den Preisen widerspiegeln, sodass die
Energieverbraucher ihren Bedarf besser daran orientieren können. Das
wünscht sich der Verband Europäischer Übertragungsnetzbetreiber
(ENTSO-E), so Generalsekretär Konstantin Staschus bei der
Verbund-Tagung "energy 2050" in Fuschl. Das wäre dann auch positiv
für Österreichs Pumpspeicher."Wenn man Knappheiten in die Preissignale hineinnimmt, könnten
die Preise womöglich auch bei den Pumpspeichern viel höher sein",
meinte Staschus am Freitag: "Wir wollen, dass sich die volle
Volatilität der Erzeugung voll in den Preisen niederschlägt."
Einflüsse auf Preise könnten neben der fluktuierenden Stromerzeugung
aus Erneuerbaren auch von höheren CO2-Preisen kommen, die - so hofft
der ENTSOE-E-Generalsekretär - ein Ergebnis des Pariser Klimagipfels
Ende 2015 sein könnten.
Zur Frage einer möglichen Teilung der gemeinsamen Stromhandels-
bzw. Strompreis-Zone Deutschland/Österreich, wie sie die Vereinigung
der europäischen Energieregulierer ACER Mitte dieser Woche empfohlen
hat, hielt sich Staschus inhaltlich bedeckt. Er verwies auf eine
noch bis 2016 laufende Detailstudie, die sieben verschiedene
Szenarien zu den Strommärkten in Europa untersucht. Dabei prüfe man
auch Annahmen, dass etwa Deutschland, Frankreich oder Polen in
mehrere Zonen zerfallen könnten oder dass Niederlande-Belgien oder
Tschechien-Slowakei zu einem Markt werden könnten.
Dass es im Gebälk der Stromversorgung in Europa immer wieder
knirscht, hat sich erst diesen Donnerstag wieder gezeigt, als
Belgien - wegen des Ausfalls eines weiteren Atomkraftwerks -
plötzlich extremen Strommangel hatte, sodass die Strompreise dort,
wie Staschus sagte, auf bis zu 450 Euro pro Megawattstunden (MWh)
hochschossen, fast das 15-Fache des sonst üblichen
mitteleuropäischen Preisniveaus. Grund für den massiven Preisanstieg
sei gewesen, dass nicht genug Strom aus Frankreich und den
Niederlanden nach Belgien gelangt sei, das zeige die Wichtigkeit
einer Marktkoppelung.
Österreich hat am Donnerstag wegen des Strommangels im Norden
alle seine Leistungsreserven mobilisiert und wegen der
Belgien-Ereignisse insgesamt 3.700 MW Leistung voll laufen lassen,
berichtete Gerhard Christiner, technischer Vorstandsdirektor des
österreichischen Übertragungsnetzbetreibers APG. Das seien jeweils
beide Blöcke in Mellach, Wien-Donaustadt und Wien-Simmering gewesen
sowie auch Timelkam. Mit Leistung dagegenhalten habe man - auf
ausländisches Ersuchen -, da norddeutsche Braunkohlewerke zwar auch
voll gelaufen sein, aber etwa der Strom aus den Anlagen von Lausitz
in Brandenburg ins nahe Polen abgeflossen sei. "Wir wurden angerufen
und gefragt, ob wir dagegen halten können. Daraufhin fuhren wir
3.000 MW Leistung hoch", sagte Christiner. Das Land, das um solche
Leistungen zur Systemstabilisierung ersucht, muss die Hälfte der
Kosten tragen, den Rest teilen die TSO solidarisch auf.
Allein die Unterstützungsmaßnahmen von Donnerstag dürften bei uns
Kosten von circa einer Million Euro verursacht haben, schätzt der
Vorstandsdirektor der Verbund-Tochter Austrian Power Grid (APG).
Heuer sei für Engpassmanagement in Österreich bisher schon mehr als
100 Mio. Euro ausgegeben worden. Zahlen müssten einen Großteil davon
Deutschland und Polen, die besonders häufig Leistung anfordern. In
Deutschland selbst verlaufe die Engpass-Linie entlang der Nordgrenze
Bayerns, "das wissen alle", so Christiner im Gespräch mit
Journalisten.
ENTSO-E-Generalsekretär Staschus meinte zur Debatte um die
deutsch-österreichische Stromhandelszone, dass man sich schon fragen
müsse, ob denn Änderungen einer Preiszone nur alle zehn Jahre
stattfinden dürften oder nicht womöglich öfter bzw. für kürzere
Zeit. "Man muss simulieren, was bringt es den Kunden und wie viel
Aufwand ist für andere nötig."
Grundlage des Marktes müssten jedenfalls Preise sein, die die
tatsächlichen Knappheiten widerspiegeln: "Letztlich sollten alle
Kunden, bis hin zu den Haushalten, solche Signale erhalten - und sei
es auch nur indirekt über die Energieversorger." Auch sollte durch
Intraday-Plattformen der Strommarkt künftig europaweit durch sehr
kurzfristiges Reagieren all das schneller Auffangen, was derzeit die
Übertragungsnetzbetreiber (TSO) ausgleichen müssten.
ENTSO-E sei dabei, ihre Leistungsbilanzvorschauen noch
feinteiliger zu machen, um nicht nur zu zeigen, welche Leitungen in
Europa es in zehn oder 15 Jahren gebe, sondern auch ob die Leistung
dann binnen weniger Stunden ausreichend flexibel sei. "Das ist dann
die Grundlage für die Entscheidung von Staaten, ob Kapazitätsmärkte
nötig sind oder nicht." Denn manchmal könnten sich Kapazitätsmärkte
negativ auf den Wettbewerb auswirken. Kapazitätsmechanismen seien
der Versuch, Hedging-Instrumente einzubauen, doch wäre es gut, wenn
in einigen Jahren solche staatlichen Eingriffe nicht mehr nötig
seien. Für kleinere Marktteilnehmer seien Hedging-Produkte nötig, um
sie vor außergewöhnlich hohen Preisen zu schützen.
Der Klimaschutz brauche Strom aus Erneuerbaren, dafür sei aber
europaweit ein Ausgleich über die Netz und Speicher nötig, so
Staschus. Zudem sei ein Markt nötig, der die Stromnutzung und die
Kraftwerke steuere.
(Schluss) sp/itz
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