Verbund-Chef rechnet mit Strompreis-Anstieg Ende des Jahrzehnts
Positiver 380-kV-Bescheid bis Winter erwartet - Mellach-Urteil
zur Fernwärme für Graz in nächsten zwei Monaten - "Ohne
Wasserkraft geht es nicht": Projekten bei Netzentgelten
entgegenkommen
Verbund-Chef Wolfgang Anzengruber erwartet einen
deutlichen Anstieg der Strom-Großhandelspreise, der neue
Investitionen auch in Wasserkraftwerke wieder rentabel machen würde,
"gegen Ende des Jahrzehnts". Längerfristig könnte dann danach der
Preis von zur Zeit knapp 32 Euro pro Megawattstunde auf 50 bis 60
Euro/MWh steigen, sagte Anzengruber am Freitag im Klub der
Wirtschaftspublizisten.Voraussetzung für einen längerfristigen Anstieg der
Strom-Großhandelspreise sei, dass sich die Parameter so wie erwartet
ändern, von den deutschen Atomkraftwerks-Abschaltungen bis hin zu
einem moderaten Wirtschaftswachstum. "Wenn die Wirtschaft weniger
wächst oder es wieder mehr staatliche Eingriffe gibt, könnte es aber
anders aussehen", meinte der Verbund-Chef. Die Endkundenpreise
werden aus seiner Sicht "im Wesentlichen dort bleiben, wo sie sind".
Ende März zählte der Verbund rund 333.000 Stromkunden.
"Ohne Wasserkraft geht es nicht", daher seien auch hier neue
Investitionen nötig, obwohl sich heute in der E-Wirtschaft praktisch
nur geförderte Projekte rechnen würden, etwa bei Erneuerbaren. Zwei
Drittel des heimischen Stroms kommen aus Wasserkraft. Der Verbund
erzeugt seine Elektrizität bereits zu 95 Prozent CO2-frei. Dort, wo
sich etwa kleinere Vorhaben in der Wasserkraft nicht rechnen, sollte
man den Projektwerbern bei den Netznutzungsentgelten entgegenkommen,
regte Anzengruber an.
Der Verbund selbst werde die für heuer gesteckten Ziele
erreichen, sagte der Chef der größten heimischen Stromkonzerns. Mit
dem nachgeschärfte Kostensenkungsprogramm sei man gut unterwegs, und
man habe den Investitionsplan für die kommenden Jahre gekürzt,
erinnerte er. Während andere große Player in der Branche
Milliarden-Verluste schreiben würden, habe der Verbund noch nie
Verluste gemacht und werde auch keine machen. "Wir sehen uns gut
aufgestellt." Der Sektor werde in den Bewertungen erst wieder
zulegen, wenn die Marktkräfte wieder funktionieren. Unter den
Energieunternehmen in Europa sei der Verbund das am höchsten
bewertete Unternehmen.
Vor einer diskutierten Zweiteilung des gemeinsamen
deutsch-österreichischen Strommarktes, durch den die Alpenrepublik
mit billigem Strom profitiert, warnt Anzengruber. Österreich müsse
alles tun, damit das so bleibt. Gefahren, dass dies anders werden
könnte, sieht der Verbund-Chef von ACER kommen, der Agentur der
europäischen Regulatoren. "Der österreichischen Wirtschaft täte eine
Teilung nicht gut", meinte Anzengruber: "Wir müssen da massiv
dagegenhalten, auch die österreichische Politik." Jochen Homann,
Präsident der deutschen Bundesnetzagentur, bekräftigte dazu am
Freitag bei einem Aufenthalt in Wien: "Deutschland wird hier keine
einseitigen Maßnahmen setzen - nur mit Österreich gemeinsam."
Für den geplanten 380-kV-Lückenschluss in Salzburg rechnet
Anzengruber bis Winter mit einem - positiven - Umweltbescheid aus
dem UVP-Verfahren. Nach der nächsten Instanz, in der noch Einsprüche
möglich seien, könnte es Ende 2016 den Baubeschluss, 2017 den
Baubeginn und 2019/20 die Fertigstellung für die Stromleitung geben,
sagte Anzengruber am Freitag im Klub der Wirtschaftspublizisten.
Zur strittigen Frage, ob der Verbund das Gaskraftwerk Mellach für
die Fernwärme-Versorgung der Stadt Graz weiterlaufen lassen muss und
wer für die zusätzlichen Kosten aufzukommen hat, erwartet der
Verbund-Chef in den nächsten zwei Monaten ein Urteil im laufenden
Schiedsverfahren. Es gehe um die Frage, ob der Verbund die Anlage in
Betrieb halten muss oder nicht - "wir rechnen damit, dass wir das
nicht müssen" - und falls doch, ob dann eine Zuzahlung geleistet
werden muss. Die müsste von der Energie Steiermark kommen, die die
geplante Stilllegung des unrentablen Gaskraftwerks Mellach per
Einstweiliger Verfügung verhindert hatte. Graz hat angekündigt,
seine Fernwärmeversorgung bis 2020 auf eigene Beine stellen zu
wollen.
(Schluss) sp/stf
ISIN AT0000746409
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