Verbund hat mit Altlasten aufgeräumt, spart und kürzt Investitionen
Stromerlös weiter im Sinkflug - Sparprogramm brachte 165 statt
130 Mio. Euro - Investment-Plan bis 2017 um halbe Milliarde
auf 870 Mio. gestutzt - Fragezeichen zu Mellach,
Energieeffizienz - BILD GRAFIK
Österreichs größter Stromkonzern Verbund hat voriges
Jahr unter die Belastung mit thermischen Kraftwerken im In- und
Ausland einen Schlussstrich gesetzt, führt den Sparkurs fort und
kürzt Investitionen. Trotz widriger Marktverhältnisse hat man 2014
gar nicht so viel Gewinn gegenüber dem Rekordjahr 2013 eingebüßt,
operativ will man 2015 bei weiter sinkenden Strompreise fast ans
Vorjahr anknüpfen.Voriges Jahr gab das operative EBITDA unbereinigt von 1,30 Mrd.
auf 809 Mio. Euro nach (um Einmaleffekte bereinigt von 1,16 Mrd. auf
890 Mio. Euro), für heuer hat man bei mittlerer Wasserführung rund
770 Mio. Euro im Visier. Das Konzernergebnis, das 2013 stark vom
Asset-Swap Türkei/E.ON profitiert hatte, sank 2014 unbereinigt von
580 auf 126 Mio. Euro (bereinigt von 384 auf 216 Mio. Euro).
Unbereinigt sind für heuer 180 Mio. Euro Konzernergebnis angepeilt -
von dem, was bereinigt bleibt, sollen rund 50 Prozent an Dividende
gezahlt werden; die in Summe den Aktionären für 2014 zufließenden
100,5 Mio. Euro (0,29 Cent/Aktie) entsprechen 46,7 Prozent
Ausschüttungsquote.
Gedrückt wurden die Ergebnisse 2014 durch Preis- und
Mengeneffekte, "auf die wir keinen Einfluss haben", wie es am
Mittwoch im Bilanzpressegespräch hieß. Der durchschnittliche
Strom-Absatzpreis sank um fast ein Fünftel von 48,1 auf 39,1 Euro je
Megawattstunde (MWh), wobei sich 1 Euro je MWh im EBITDA mit 25 Mio.
Euro auswirkt. Dementsprechend schrumpften die Stromerlöse um 10,8
Prozent auf 2,43 Mrd. Euro bei 2,83 Mrd. Euro (-13 Prozent)
Gesamterlös.
Auch 2015 sind die "Sensitivitäten" für das operative Ergebnis
die Strom-Großhandelspreise sowie die Erzeugung aus Wasser- und
Windkraft. Vom erwarteten Preisrückgang im Absatz von 39,1 auf 36,1
Euro/MWh gebe es ein Hedging für 70 Prozent, 30 Prozent (8 von
jeweils 25 Mio. EBITDA) seien aber noch "sensitiv", so
Finanzvorstand Peter Kollmann. Für 2016 befürchtet der Verbund sogar
ein weiteres Absacken der erzielbaren Absatzpreise auf 34,6 Euro je
MWh. Für die nächsten zwei, drei Jahre sei eine flache, stagnierende
Entwicklung zu erwarten, sagte Generaldirektor Wolfgang Anzengruber,
für 2020 würden die Strompreisprognosen aber im Konsens stark nach
oben zeigen.
Das seit zwei Jahren laufende Kostensenkungsprogramm bringt bis
Ende 2015 nun doch kumulierte Einsparungen von 165 Mio. Euro - um 35
Mio. Euro mehr als die angepeilten 130 Mio. Euro. Der zweite Teil
des Job-Abbaus - nochmals 250 Stellen bis zum Jahr 2020, in Summe
also 500 - soll 20 bis 30 Mio. Euro bringen, sagte Anzengruber:
"Sparen hat immer Saison." Der erste Spar-Teil hat auch Reduktionen
bei Vorprojekten und Betriebskosten enthalten, auch wurde durch
Zusammenlegungen und Fusionen die Komplexität im Konzern reduziert.
So gibt es nun die Abteilung "Verbund International" nicht mehr.
2014 sank die Mitarbeiterzahl (durchschnittlicher
betriebswirtschaftlicher Personalstand) um 3,2 Prozent von 3.351 auf
3.245.
Für die Endkunden-Strompreise sieht Anzengruber am Markt
mittelfristig kein Erhöhungspotenzial, sondern eher eine Stagnation
oder vielleicht sogar die Möglichkeit einer Senkung. Das Unternehmen
selbst zählte zu Jahresende bereits rund 322.000 Privatkunden und
brachte es damit in diesem Stromkunden-Segment auf 7 Prozent
Marktanteil. Bei Stromkunden in Industrie und Gewerbe hielt der
Verbund zu Jahresende bei rund 20 Prozent Marktanteil.
Die Laufwasserkraft-Erzeugung lag 2014 zwar mit 1,02 leicht über
dem langjährigen Schnitt, aber um fünf Prozentpunkte unter 2013. Die
thermische Erzeugung halbierte sich auf 2.031 GWh. Aus Wasserkraft
stammten 31.188 GWh, rund 92 Prozent der Verbund-Stromproduktion.
Der Investitionsplan für 2015 bis 2017 für die Kernmärkte
Österreich und Deutschland wird auf 870 Mio. Euro zusammengestutzt,
laut Kollmann um fast eine halbe Milliarde Euro weniger. Vom
Gesamtvolumen sollen 430 Mio. auf "Wachstumsinvestitionen" und 440
Mio. Euro auf Instandhaltungen entfallen; der Großteil soll in die
Netze (330 Mio. Euro) sowie
Kraftwerk-Verbesserungen/Fertigstellungen fließen.
Im thermischen Bereich hat der Verbund voriges Jahr Kraftwerke
stillgelegt bzw. abgegeben. Geschlossen wurde in der Steiermark das
Ölkraftwerk Neudorf/Werndorf II. Für das Steinkohlekraftwerk
Dürnrohr laufen die Schließungsmaßnahmen, da soll es im April mit
Ende der Heizperiode aus sein. Die Restrukturierung der Wärmekraft
in Österreich bewirke eine Reduktion der Verluste um voraussichtlich
rund 50 Mio. Euro im heurigen Jahr 2015, hieß es am Mittwoch.
Im Oktober wurden die Verträge zum Verkauf der beiden
französischen Gaskraftwerke Pont-sur-Sambre und Toul unterschrieben,
wodurch ab heuer keine Verluste mehr anfallen; Closing ist jetzt im
1. Quartal. Fixiert wurde im Vorjahr auch der Ausstieg aus der
italienischen Sorgenia, wo sich der Verbund ohne weitere Kosten
zurückzieht, Closing im 1. Halbjahr. In Albanien verfügt man über
zwei Wasserkraftwerke mit den EVN; technisch ist man damit
zufrieden, doch sage der Staat dort, er habe kein Geld, das zu
bezahlen, "wir hoffen, dass sich der staatliche Rahmen bessert".
Auch der Windpark in Rumänien (200 MW) produziere gut und sei
technisch gut, allerdings fehle für die dazugehörige
Zertifikatsregelung der Markt.
Das steirische Gas-Kombikraftwerk Mellach will der Verbund
einmotten, muss es aber wegen einer von der Energie Steiermark
erwirkten einstweiligen Verfügung als zusätzliche
Fernwärme-Ausfallsreserve für die Stadt Graz bereit halten (neben
dem noch bis 2020 für die Fernwärmelieferung laufenden
Steinkohlekraftwerk Mellach). Der Rechtsstreit zur
Gaskraftwerks-Reserve vor einem Schiedsgericht wird noch bis zirka
Mitte 2016 dauern, schätzte Anzengruber. Zunächst sei zu klären, wer
recht habe - der Verbund sieht das 800-MW-Kraftwerk, das noch
vorgehalten wird, vertraglich explizit ausgenommen, die Gegenseite
nicht. Die zweite Frage seien dann die Kosten, "wenn die Leistung
inkludiert ist, dann müssten wir es zahlen".
Weitere Impairments (Wertberichtigungen) sieht Kollmann aktuell
nicht. Im Geschäftsbericht 2014 heißt es zu den Effekten aus
Werthaltigkeitsprüfungen, dass veränderte wirtschaftlichen Parameter
sowie Anpassungen an das gesunkene Zinsniveau zu Wertminderungen von
181,1 Mio. Euro geführt hätten, denen Wertaufholungen von 142 Mio.
Euro gegenüberstanden. Dies habe v.a. aus der Wertminderung der
Windparks in Rumänien (minus 155,7 Mio. Euro) und Bulgarien (minus
7,1 Mio. Euro) und des Steinkohlekraftwerks Dürnrohr (minus 8,9 Mio.
Euro) resultiert. Bei den Wertaufholungen werden einzelne
Laufwasserkraftwerke (plus 113,4 Mio. Euro) sowie das Gaskraftwerk
Mellach (plus 11,7 Mio. Euro) und die französischen Gaskraftwerke
genannt.
Zugunsten der E-Mobilität wünscht sich der Verbund-Chef Anreize
wie sie etwa Norwegen oder Berlin setze. Auch könnte man die
"Dienstwagen-Steuer" streichen, sofern Fahrzeuge mit Strom
betrieben, meinte Anzengruber.
Mit dem Energieeffizienzgesetz, das seit Anfang 2015 gilt, sei
man von Anfang an "nicht glücklich" gewesen, nun wisse man aber noch
immer nicht, was man als Verbund an Maßnahmen anerkannt bekomme.
Dafür wäre es aber Zeit, gab Anzengruber zu verstehen, denn wenn man
als Produzent zu wenig eingespart habe (die Hälfte muss von diesen
geleistet werden), dann drohe eine Strafzahlung von 200 Euro pro
Megawattstunde (MWh), das sei "das Sechsfache des Marktpreises" für
Strom.
( 0309-15, Format 88 x 66 mm)
(Schluss) sp/itz/cs
ISIN AT0000746409
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