Griechenland-Wahl - Brezinschek: Drittes Hilfsprogramm möglich
Land kann sich nicht finanzieren und hängt nach wie vor am
Tropf des Auslandes
Nach dem Wahlsieg des reformkritischen
Linksbündnisses Syriza unter Alexis Tsipras im schuldengeplagten
Griechenland ist die weitere Finanzierung des Landes fraglich. Die
Analysten der Raiffeisen Bank International (RBI) halten ein
Hinauszögern des eigentlich am 28. Februar auslaufenden
Hilfsprogramms für wahrscheinlich."Es ist auch durchaus möglich, dass wir dann ein drittes
Hilfsprogramm sehen, weil sich Griechenland bei einem Zinssatz
zwischen 9 und 10 Prozent nicht finanzieren kann", sagte Chefanalyst
Peter Brezinschek am Montag zur APA. Die ersten beiden Hilfstranchen
der internationalen Geldgeber EU, Europäische Zentralbank (EZB) und
Internationaler Währungsfonds (IWF) umfassten bisher 233 Mrd. Euro.
"Klar ist, dass Griechenland nach wie vor am Tropf des Auslands
hängt, weil die inländische Ersparnisbildung viel zu gering ist",
betonte der Marktexperte und warnte auch vor einer "Ausblutung von
Einlagen bei den Banken". Die Forderungen der internationalen
Geldgeber "müssen erfüllbar sein".
Brezinschek hegt die Hoffnung, dass der neue Machthaber Tsipras
"eventuell etwas von seinen Kernforderungen abgeht". Dazu gehörten
neben einem 12 Mrd. Euro schweren Ausgabenprogramm und der Rücknahme
einiger Reformen wie etwa betreffend des Arbeitsmarktes weitere
Schuldenerleichterungen. "Am Festhalten am Reformkurs führt nichts
vorbei", ist der Chefanalyst überzeugt.
Ein großes Manko in Griechenland sei das zu geringe
Steueraufkommen. "Offenbar wurden die Vorgaben für eine
Steuerimplementierung nicht so durchgesetzt - das hängt mit der
Korruption und der Bürokratie dort zusammen", so Brezinschek. Dass
Steuerzahlen zur Staatsbürgerpflicht gehöre, sei in der griechischen
Bevölkerung "offenbar noch nicht flächendeckend verankert".
Neben einem funktionierenden Steuersystem brauche das Land -
ähnlich wie die Ukraine oder Russland - "eine zukunftsorientierte
Wirtschaftsstruktur, die sich nicht nur auf ein Produkt
konzentriert". In Griechenland ist das hauptsächlich der Tourismus.
Mit einer breiteren Aufstellung der Wirtschaft werde zum einen die
Inlandsnachfrage belebt, zum anderen bestehe die Chance, dank des
Exports ein ausgeglichenes Leistungsbilanzergebnis zu erzielen.
"Derzeit wird viel mehr importiert als exportiert - und das muss man
unterbrechen", so der RBI-Experte.
Konkret vermisst er umfassendere Strukturen in den Bereichen wie
Energie, Versorger und Software. "Die Industrie ist schwach
entwickelt, wie in Frankreich und England", bemängelte Brezinschek.
Ein Ansatz wäre auch im Agrarsektor möglich, aber dafür müsste auch
die industrielle Fertigung im Land erfolgen. Lediglich die
landwirtschaftlichen Produkte nach Italien zu exportieren und dort
verarbeiten zu lassen, genüge nicht.
Weiters sei in Griechenland der Staatssektor "noch immer
überzogen" - selbst nach den bereits erfolgten Kündigungswellen.
Auch eine Rentenreform stehe dringend an - die derzeitige Praxis
sauge "viel zu viel Prozent des Bruttoinlandsproduktes" ab, fasste
der Chefanalyst die drängendsten Probleme des Landes zusammen. "Man
hat immer nur Ansätze gemacht, aber nicht voll umgesetzt."
(Schluss) kre/sp
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