Österreichs Banken trennen in Osteuropa Spreu vom Weizen
Erste und RBI steuern 2014 auf Rekordverluste zu - Probleme
teils wegen falscher strategischer Entscheidungen
Währungsschwankungen in Russland, Krise in
der Ukraine und politische Zwangsmaßnahmen in Ungarn: So haben sich
die Chefs großer österreichischer Banken die Zukunft in Osteuropa
nicht vorgestellt. Statt der erhofften hohen Gewinne bescheren ihnen
die Tochterbanken dort schlaflose Nächte: Erste Group und Raiffeisen
Bank International (RBI) steuern 2014 auf Rekordverluste zu.Doch nicht alle Länder der Region geben in den Wiener
Bankzentralen Anlass zur Sorge - in Tschechien und der Slowakei etwa
verdienen die Institute seit Jahren gutes Geld. Doch wo lohnt es
sich zu bleiben und welche Märkte sollten die Banken lieber heute
als morgen verlassen? Bei solchen Entscheidungen sei Schnelligkeit
das A und O, um noch größeren Schaden zu vermeiden, sagen
Risikomanager großer österreichischer Banken.
"Schwierig ist, dass man das, was man weiß, rasch genug umsetzt.
Das ist nicht unbedingt die Stärke der Österreicher", sagte ein
hochrangiger Risikomanager, der lieber anonym bleiben wollte. Auch
wenn es um weitreichende Entscheidungen gehe, sei langes Zaudern
nicht angebracht. Erste-Finanzchef Gernot Mittendorfer, der zuvor
für das Risikomanagement des Instituts zuständig war, bringt es
anders auf den Punkt: "Man muss den Mut haben, Verluste in Kauf zu
nehmen."
All das klingt banal - doch die österreichischen Banken waren
dabei nicht immer erfolgreich, wie etwa die Ukraine-Krise zeigt: Die
Erste Group schaffte es, sich 2012 und damit noch vor dem Ausbruch
der Auseinandersetzungen von ihrer defizitären Tochter zu trennen.
Auch Raiffeisen will sich zurückziehen - konnte diesen Plan aber
nicht rechtzeitig umsetzen: Nun lasten Abschreibungen über eine
halbe Milliarde Euro in der Ostukraine auf der Bilanz der Bank. Um
einen ähnlichen Fehltritt künftig zu vermeiden, stellt Raiffeisen
nun sämtliche Märkte auf den Prüfstand und erwägt, sich aus dem ein
oder anderen zurückzuziehen.
Der anonyme Risikomanager sieht hinter diesen zögerlichen
Entscheidungen auch ein spezifisch österreichisches Problem: "Das
ist vielleicht eine Neigung der Österreicher, Themen unentschieden
zu lassen", sagte er. Bei deutschen Banken würden Entscheidungen des
Vorstandes rasch umgesetzt. "In Österreich gibt es Mitarbeiter die
sagen: Naja, ich weiß nicht, ob die richtig entschieden haben,
lassen wir uns Zeit, überlegen wir." Wenn die notwendigen Schritte
offensichtlich sind, sei diese österreichische Verzögerungskultur
ein Nachteil. Bei Fehlentscheidungen könne sie aber auch Vorteile
bringen: "Wenn die Deutschen sich entschieden haben, dass sie rasch
fahren und irrtümlich den falschen Weg gewählt haben und auf den
Abgrund zusteuern, dann gibt es kaum jemanden, der bremst. In
Österreich ist die Gefahr, dass Sie zu rasch auf einen Abgrund
zusteuern, nicht sehr groß", sagte der Risikomanager.
Doch auch deutsche Banken waren vor Fehlgriffen in Osteuropa
nicht gefeit: Die BayernLB kaufte 2007 die stark am Balkan
vertretene Hypo Alpe Adria - in der Hoffnung dort ein Standbein
aufzubauen. Die Tochter entpuppte sich in der Finanzkrise aber als
hoffnungslos marode und die BayernLB-Manager mussten sich den
Vorwurf gefallen lassen, die Risiken der Hypo nicht ausreichend
geprüft zu haben.
Einen Teil der Probleme österreichischer Banken führen die
Risikomanager auf falsche strategische Entscheidungen zurück, in
welchen Märkten und mit welchen Produkten eine Bank vertreten sein
will. Gerade in Boomzeiten mit hohen Wachstumsraten sei es wichtig,
die Risiken im Blick zu behalten. "In guten Zeiten ist es viel
schwieriger, diszipliniert zu sein als in schlechten Zeiten", sagte
Erste-Finanzchef Mittendorfer. Das Sparkassenspitzeninstitut kaufte
2006 für knapp den sechsfachen Buchwert die rumänische Bank BCR -
und musste dort in den vergangenen Jahren 3 Mrd. Euro abschreiben,
weil der erhoffte Wirtschaftsaufschwung in Rumänien auf sich warten
ließ. Die UniCredit wagte sich 2007 bis nach Kasachstan vor und
verkaufte die defizitäre Tochter Jahre später mit Verlust, weil sich
das Institut deutlich schlechter entwickelt hatte als erwartet.
Um solche Fehlgriffe zu vermeiden, können die auch die nationalen
Aufsichtsbehörden die Notbremse ziehen. "Wir haben die Möglichkeit
den Banken zu untersagen, dass sie expandieren, wenn wir der Meinung
sind, dass die entsprechenden Pläne, das Risikomanagement und die
Kapitalausstattung nicht vorhanden sind. Und wir tun das auch",
sagte Vorstand Klaus Kumpfmüller von der Finanzmarktaufsicht FMA.
(Schluss) snu/cs
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