AK Muhm zu Telekom-Syndikatsvertrag: "Wirtschaftspolitische Bankrotterklärung"
Konzept der Sperrminorität unzureichend - keine weiteren Privatisierungen
"Verantwortungsvoller Umgang mit dem Standort Österreich
sieht anders aus", sagt AK Direktor Werner Muhm. Ein einziger Tag zur
Durchsicht und Prüfung des komplexen Syndikatsvertrags der Telekom
Austria mit America Movil AMX ist zu kurz. "Kein Aufsichtsrat der
Welt kann so seiner Aufgabe und seiner Verantwortung gerecht werden",
so Muhm. In der gestrigen Sitzung wurde nicht nur über die Zukunft
des Unternehmens sondern grundsätzlich über eines der
wirtschaftspolitisch heikelsten Themen der letzten Jahre entschieden.
Trotzdem wurde sie an einem Tag abgehalten, an dem drei
Kapitalvertreter im Ausland waren, allen voran der Vorsitzende. "Es
waren nicht die Arbeitnehmervertreter, die bei dieser wichtigen
Sitzung auf Urlaub waren. Sie waren im Gegenteil die einzigen, die
wirtschaftspolitische Verantwortung übernommen, den Vertrag trotz der
unzumutbar kurzen Zeit geprüft und dann ihre Schlussfolgerungen
gezogen haben", so Muhm. "Ansonsten war das, was sich gestern
abgespielt hat, eine Bankrotterklärung jeglicher Wirtschaftspolitik.
Das seit dem Jahr 2000 gültige Credo, dass eine Sperrminorität
genügt, um ein Unternehmen stabil zu führen, hat sich als Irrweg
erwiesen."
Mit der Unterzeichnung des Syndikatsvertrags hat die ÖIAG die
industrielle Führerschaft bei der Telekom aufgegeben. "Bei dem
gestern paktierten Syndikat handelt es sich um einen
Unterwerfungsvertrag und nicht um einen Pakt auf Augenhöhe angesichts
von 28 Prozent ÖIAG-Anteil", so Muhm. Der gesicherten Mehrheit von 8
Mandaten im Aufsichtsrat für die AMX stehen künftig nur 2
ÖIAG-Mandate gegenüber. Dazu kommt die Mehrheit im Vorstand. Die AMX
wird künftig die Telekom-Austria beherrschen. "Dem von der ÖIAG
bestellten Generaldirektor kommt maximal die Rolle eines
Frühstücksdirektors zu", so Muhm. Nach zehn Jahren hat AMX überhaupt
freie Hand, die Telekom komplett zu übernehmen.
Muhm: "Das Vorgehen bei der gestrigen entscheidenden
Aufsichtsratssitzung kann nicht anders als dilettantisch bezeichnet
werden. Der Vorstand und der sich selbst erneuernde Aufsichtsrat
waren überfordert." Obwohl der Sitzungstermin seit mehreren Wochen
bekannt war, wurde der Syndikatsvertrag erst einen Tag vor der
Aufsichtsratssitzung vorgelegt. Der Aufsichtsratsvorsitzende blieb
aus unerklärlichen Gründen erst der Sitzung fern, in der über die
Zukunft des Unternehmens entschieden wurde. Er wurde erst
nachträglich eingeflogen, nachdem klar war, dass das Erfordernis der
Anwesenheit der Hälfte des Aufsichtsrats nicht erfüllt worden war.
"Hier wurde das Scheitern des von der schwarz-blauen Regierung
eingeführten Selbsterneuerungsprinzips im ÖIAG-Aufsichtsrat sehr
eindrucksvoll vorgeführt", so Muhm.
Der österreichische Staat verliert mit der Übernahme den Einfluss auf
eines seiner wichtigsten Infrastrukturunternehmen. Damit liegt alles,
also auch die Frage, was und wie in Österreich weiter investiert wird
(Stichwort Breitband) in der Hand eines ausschließlich auf Profit
orientierten, privaten Konzerns mit Sitz auf einem anderen Kontinent.
Das ist Resultat des wirtschaftlich nicht notwendigen Absenkens der
Staatsanteile im Jahr 2000 unter 50 Prozent. "Eine Sperrminorität
genügt nicht, um österreichische Interessen sicherzustellen. Die
Lehre daraus kann nur sein, dass der Staat künftig seinen
beherrschenden Einfluss nicht aufgeben darf und damit weitere
Privatisierungen strikt abzulehnen sind."