Österreich muss wohl mit weiteren BIP-Prognoserevisionen rechnen
"Risiken für Österreichs Konjunktur in London, Rom und
Washington und nicht zwischen Bregenz und Eisenstadt" -
Ökonomen zu Deutschland entspannt: Angesagte Rezessionen
finden nicht statt
Seit dem Höhepunkt vom Winter 2017/18 hat sich in
Österreich die Konjunkturstimmung eingetrübt, wenn auch nicht so
stark wie im Schnitt der Eurozone. Die Raiffeisen-Ökonomen greifen
zu Bildern aus der Luftfahrt: Österreich habe die Reiseflughöhe
verlassen und sei derzeit im kontrollierten Sinkflug. Erwartet wird,
dass die heimische Konjunktur auch 2020 noch an Schwung verliert.Für Europa und auch für Österreich wurden zuletzt von
verschiedenen Institutionen die Wachstumserwartungen zurückgenommen.
Die Ökonomen der Raiffeisen Bank International (RBI) sehen das Ende
der Wachstumsrevisionen noch nicht gekommen. Österreich werde, was
die Konjunktur anlangt, 2019 und 2020 wohl aber weiter "das bessere
Deutschland" bleiben - ein Attribut, das uns vor rund zehn Jahren
deutsche Magazine bescheinigt hatten. Österreich profitiert
besonders auch vom "Wachstumshinterland" Osteuropa.
"Die Risiken für die österreichische Konjunktur liegen nicht
zwischen Bregenz und Eisenstadt. Sie liegen in London, Rom oder
Washington", und sie seien politischer Natur, sagten am Donnerstag
RBI-Chefökonom Peter Brezinschek und der für Österreich und die
Eurozone zuständige Analyst Matthias Reith vor Journalisten.
Als Stolpersteine für Österreichs Konjunktur gelten hauptsächlich
Kosten eines "Hard Brexit" - an den man bei Raiffeisen aber ohnehin
nicht glaubt - und die Handelsdifferenzen mit den USA; hier sei es
Europa voriges Jahr lediglich gelungen, die Region aus der
Schusslinie zu bringen. Risiko bergen weiters die Italiener, deren
Wirtschaft in der "Defizitfalle" stecke, die Proteste der
"Gelbwesten" in Frankreich oder der Politstreit samt
Neuwahlszenarien in Spanien, letztlich auch weitere Entwicklungen um
Sanktionen (Russland, Iran).
Einzelne Ereignisse seien für Österreich "spürbar, aber
verkraftbar". Würden solche Risiken aber kumuliert schlagend, könnte
der konjunkturelle Sinkflug in einen Absturz münden, meint Reith.
Ein Blick auf die Aktienmärkte zeige jedoch, dass die Börsen auf die
Lösungskompetenz vertrauten. Auch die RBI-Analyse habe eine
"Glättung" der Risiken in ihren Prognosen.
Für 2019 rechnet die RBI in Österreich mit einem BIP-Wachstum von
höchstens 1,7 Prozent (nach erwarteten 2,7 Prozent für 2018), 2020
sollen es 1,4 Prozent sein. Den von der Notenbank zuletzt
hervorgehobenen Wachstumsvorsprung gegenüber Deutschland von 0,3
Prozent habe man 2018 deutlich übertroffen.
Dass in Deutschland vor den letzten Quartalskonjunkturzahlen
Rezessionsängste aufgekommen waren, erschüttert die RBI-Experten in
Wien nicht. Es gebe so viele angesagte Rezessionen, die fänden dann
nicht statt. "Die letzten sieben Rezessionen haben alle als
Überraschungseffekt stattgefunden", selbst den Ausbruch der
Finanzkrise vor zehn Jahren und den damit verbundenen stärksten
Einbruch seit dem zweiten Weltkrieg hätten die wenigsten auf dem
Radar gehabt. Brezinschek: "Rezessionen sind dann besonders
ausgeprägt, wenn sie unerwartet kommen. Wenn jeder damit spekuliert,
kann man sich darauf einstellen und Gegenmaßnahmen setzen." Statt
Risiken zu produzieren, müsse die internationale Politik nun endlich
Maßnahmen setzen. Der harte Brexit müsse vom Tisch, die US-Regierung
müsse zumindest eine Basis für Handelsabkommen schaffen.
(Schluss) rf/sp
ISIN AT0000606306
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