Russland: Aktionismus gegen Raiffeisen
Eine äußerst aktive Minderheit von Fremdwährungskreditnehmern
setzt Proteste gegen die Raiffeisenbank fort
Etwa 30 Fremdwährungskreditnehmer haben am
Donnerstagnachmittag schon zum fünften Mal in den Räumen der
russischen Raiffeisenbank protestiert. Sie versuchen, die Bank mit
einem für Medien inszenierten Aktionismus, bei dem auch fragwürdige
Vergleiche nicht zu kurz kommen, zu Zugeständnissen zu bewegen.
Durch die Rubel-Abwertung Dollar- und Eurokredite für Russen zuletzt
massiv verteuert.Ein Gang im Hauptgebäude der russischen Raiffeisenbank und die
Kamera des städtischen Fernsehsenders "Moskwa 24" läuft. Galina
Samorokowa hält ein kleines Plakat mit Raiffeisenlogo, auf dem "Für
Juden keine Refinanzierung. Wie in den besten Traditionen des 3.
Reichs" steht.
"Solche wie ich kamen als erste in die Gaskammer", ruft sie und
fordert, dass sich doch die Öffentlichkeit in die Tätigkeit der Bank
einmischen soll.
Andere Protestteilnehmer zeigen Plakate auf denen
Fremdwährungskredite als "Gaskammer für den russischen Kreditnehmer"
bezeichnet werden, auf ihre Unterarme haben sie die Nummer ihres
Hypothekenkreditvertrags geschrieben. Sergej Bogdanow hält ein
Plakat, auf dem Raiffeisen als Sponsor der Wehrmacht und der NATO
bezeichnet wird. Er habe diese Information aus dem Internet, erklärt
er auf APA-Nachfrage, woher genau, könne er aber nicht sagen.
Begonnen hatten die Proteste am Donnerstag jedoch mit zwei
Aktivisten, die sich mit Anti-Raiffeisen-Plakaten vor die
österreichische Botschaft in Moskau stellten. "Es war dies der erste
derartige Fall (einer Demonstration vor der Botschaft, Anm.), den
wir beobachtet haben", erklärte eine Sprecherin der diplomatischen
Vertretung.
"Raiffeisen ist eine Schande für Österreich", sagte die
Aktivistin Samorokowa zur APA. Die Bank mache unglaublich viel
Gewinn, ihren russischen Kreditnehmern komme sie aber nicht
entgegen. "Warum kommen russische Banken wie VTB, Sberbank, Alfabank
oder Gazprombank ihren Kreditnehmern entgegen, Raiffeisen aber
nicht?" Konkret werfen die Aktivisten der Tochter der
österreichischen Raiffeisen International vor, bei individuellen
Verhandlungen eine harte Position mit Inhabern von
Hypothekkreditkunden einzunehmen und in manchen Details dabei
schlechtere Konditionen als andere Banken anzubieten.
Bei den 30 Demonstranten in der Filiale handelt es sich um
Vertreter des russischen Mittelstandes, die den Erwerb von
Eigentumswohnungen mit Krediten finanzierten und nun krisenbedingt
in die Bredouille gekommen sind. Alla hat 2008, so erzählt sie,
einen Fremdwährungskredit in der Höhe von 220.000 Dollar
aufgenommen, um damit außerhalb von Moskau für ihre Familie eine
Wohnung zu kaufen. Aktuell habe sie eine Restschuld von 150.000
Dollar, was dreimal so hoch wie der aktuelle Wert ihrer Wohnung sei.
An die Gefahr, dass der Rubel massiv an Wert verlieren könnte, hat
Alla damals nicht gedacht: "Die Regierung hat im Fernsehen immer
wieder gesagt, dass alles stabil ist", sagt sie.
Man arbeite mit jedem Kreditnehmer individuell und biete im Fall
von Schwierigkeiten die Restrukturierung von Hypothekenkrediten an,
darunter die Verlängerung der Fristen, reduzierte Rückzahlungen im
Laufe von neun Monaten oder die Konvertierung des Kredits zum
aktuellen Rubelkurs mit Kreditzinsen von 12 Prozent an, erklärt die
Bank auf APA-Anfrage. Zudem beteilige man sich an einem staatlichem
Hilfsprogramm für Betroffene.
Die Anzahl von Hypothekendarlehen in Fremdwährungen beziffert die
Bank mit 1.500, seit Anfang 2015 seien 143 Kredite restrukturiert
worden und weitere 69 Kredite in Rubel konvertiert worden.
Die Aktivisten selbst gehen von anderen Zahlen aus und sprechen
von bloß 170 betroffenen Fremdwährungskreditnehmern, die der Bank in
Summe etwa 10 Mio. Dollar (9,11 Mio. Euro) schulden.
Mit Ausnahme von VTB24 hatten Fremdwährungskreditnehmer zuletzt
nahezu ausschließlich in Banken demonstriert, die in ausländischem
Eigentum stehen. Abgesehen von der Aktion in der Raiffeisenbank gab
es am Donnerstag in Moskau und St. Petersburg auch Proteste in der
Moskommerzbank, einer Tochter der kasachischen Kaskommerzbank.
Bereits im Jänner war gegen DeltaKredit, eine Russlandtochter der
französischen Societe Generale, demonstriert worden. Auffällig war
am Donnerstag in der Raiffeisenbank aber auch, dass die Polizei die
Demonstranten für russische Verhältnisse sehr zuvorkommend
behandelte. "Ich verstehe, dass ihre Geduld zu Ende geht, ich
verstehe sie sehr gut", versuchte ein Polizeioffizier die
Demonstranten zu beruhigen.
(Schluss) hgh/ivn
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