Energiesystem-Umstellung nach Pariser Klimabeschlüssen nötig
Verbund-Diskussionsrunde: Bereiche Verkehr und Wärme
vordringlich angehen - Wifo-Expertin: Transformation rasch
angehen - IV-Koren kritisiert Prozent-"Hausnummern" der
heimischen Politik
Nach den Beschlüssen der Pariser Klimakonferenz von
Dezember ist - auch - in Österreich eine Umstellung der
Energiesysteme nötig. Im Zentrum sollten dabei Verkehr und Wärme
stehen, und bei Strom steht überhaupt ein Schwenk Richtung gänzlich
CO2-freie Erzeugung an, war sich eine Diskussionsrunde im Verbund am
Mittwoch einig.Wenn Kohlendioxid und Energie nichts koste, fehle aber der Anreiz
für eine Dekarbonisierung, das Hauptziel der Paris-Beschlüsse, sagte
Verbund-Chef Wolfgang Anzengruber. Ohne das Thema Mobilität in den
Griff zu bekommen, seien die Klimaziele nicht zu schaffen - immerhin
86 Prozent des verwendeten Öls würden in den Verkehrssektor gehen.
Insgesamt gelte es, die hohe Substitutionskraft von Strom für
fossile Energien zu nutzen. Global würden erst 26 Prozent der
Elektrizität mit Erneuerbaren erzeugt, Österreich sei da mit 75
Prozent weit vorn. Weltweit seien voriges Jahr fast 50 Prozent der
Investitionen in Stromerzeugung mit Erneuerbaren geflossen, der Weg
Richtung Erneuerbare sei also unumkehrbar. Leider sei heute die
Braunkohle die billigste und wettbewerbsfähigste
Stromerzeugungsform, auch wegen der tiefen CO2-Preise. "Für die
Energiewende brauchen wir Marktanreize, sonst werden wir hier nicht
reüssieren", so Anzengruber.
Oberste Priorität sollte es aus Sicht von Wifo-Expertin Angela
Köppl sein, nach den Paris-Beschlüssen rasch die langfristige
Transformation des Energiesystems anzugehen. Im Fokus sollten dabei
die für den Wohlstand der Menschen relevanten
Energiedienstleistungen wie Wärme, Raumklima, Verkehr oder
Beleuchtung stehen und weniger die Energieflüsse an sich. Vom
Energieverbrauch entfallen laut Köppl in Österreich 36 Prozent auf
den Verkehr (Traktion), weitere 27 Prozent auf Raumheizung und
Klimaanlagen, betrachtet man die Nutzenergiekategorien. Im
Vordergrund sollte immer der Zweck stehen, statt der
Arbeitsproduktivität solle man sich die Ressourcenproduktivität
ansehen. Fehlinvestments in auslaufende fossile Technologien, auch
im Verkehr, sollten vermieden und Low-Carbon-Strategien mit Förder-
und Steuerreformen unterstützt werden, verlangte die Umwelt-, Klima-
und Energieexpertin des Wirtschaftsforschungsinstituts (Wifo) in
ihrer Keynote.
"Wir sehen Paris nicht ganz so euphorisch", meinte dagegen
IV-Vize-Generalsekretär Peter Koren. Was andere Weltregionen
anbieten, sei nämlich mit dem, was Europa dort offeriert habe, nicht
vergleichbar. Europa mit nur circa 10 Prozent der globalen
Treibhausgasemissionen - mit fallender Tendenz - habe eine Reduktion
von 40 Prozent angeboten, die USA dagegen nur ein Minus von 26 bis
28 Prozent in Aussicht gestellt, und China wolle überhaupt erst im
Jahr 2030 mit Reduktionen beginnen. Und die österreichische Politik
habe überhaupt "mit Hausnummern" auf Paris reagiert, meinte Koren.
Damit bezog er sich auf das 100-Prozent-Erneuerbaren-Ziel bei Strom
von Kanzler Werner Faymann (SPÖ) - und die von Umweltminister Andrä
Rupprechter (ÖVP) proklamierten 50 Prozent Erneuerbare im gesamten
Energiesektor, wobei das Umweltbundesamt (UBA) schon davor lediglich
43 Prozent als realistisch bezeichnet habe. "Das ist nicht unbedingt
der seriöseste Ansatz", so der IV-Vize-Generalsekretär:
"Ambitionierte Ziele ja, Hausnummern nein."
Auch beim Klima- und Energie-Thema müsse das
Nachhaltigkeits-Dreieck beachtet werden, forderte Koren. Dies
bedeute Wettbewerbsfähigkeit, Versorgungssicherheit und
Ökologisierung der Energiesysteme. Die produzierende Industrie müsse
in Österreich gehalten werden. Bei Strom und Gas gehe es um
Versorgungssicherheit und raschere Genehmigungsverfahren für
Energieinfrastruktur. Den Stromerzeugungs-Verlust durch den
Nationalen Gewässerbewirtschaftungsplan (NGP) bezeichnete der
IV-Vize als "dramatisch" und als "absolut falschen Weg im Hinblick
auf die Versorgungssicherheit". Und Ökologisierung der
Energiesysteme heiße für ihn: weg von den Dauerförderungen, hin zu
Investitionsförderungen.
Für eine Reform oder Neufassung des Ökostromgesetzes und nach der
Strom-Energiewende auch für eine Wärme-Wende plädierte
Klimabündnis-Österreich-Geschäftsführer Peter Molnar. Für sinnvolle
Investments in Erneuerbare müssten sich die Marktpreise erholen.
Nach Paris müsse mit der künftigen Klima- und Energiestrategie
Österreichs jedoch auch der Energieverbrauch gesenkt werden. Im
Vergleich der Energieträger müsse es "Kostenwahrheit" geben, dann
wären fossile Energien teuer und Erneuerbare billiger. Daher müsse
in Österreich eine CO2-Steuer kommen, so Molnar, künftig
Geschäftsführer beim Dachverband Erneuerbare Energie Österreich
(EEÖ). Zum Thema Förderung des britischen AKW Hinkley Point
kritisierte er, dass mit den dort in 30 Jahren fließenden Mitteln in
Österreich Ökostrom 65 Jahre lang gefördert werden könnte, gehe man
von 500 Mio. Euro im Jahr aus. Auch Verbund-Chef Anzengruber
wetterte einmal mehr gegen die von der EU-Kommission abgesegnete
Hinkley-Point-Subvention: "Kein Mensch würde ohne Förderung ein AKW
bauen."
(Schluss) sp/itz
ISIN AT0000746409
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