Verbund gegen Split der Stromzone mit Deutschland: 300 Mio Mehrkosten
Anzengruber hofft auf vernünftige Lösung - Austro-Stromhilfe
wäre nur halb so teuer - "Aufteilung wäre skurril und doof" -
Auch Siemens-GD Hesoun warnt vor Kostenschub für Industrie
Verbund-Generaldirektor Wolfgang Anzengruber
spricht sich vehement gegen eine von den Regulatoren befürwortete
Aufteilung der gemeinsamen Strompreiszone Österreichs mit
Deutschland aus. Strom würde sich damit bei uns für alle Kunden
zusammen um 300 Mio. Euro oder 15 Prozent verteuern. Als letztes
Mittel seien auch rechtliche Schritte dagegen denkbar, meinte
Anzengruber am Mittwoch zu Journalisten.Zunächst hofft der Verbund-Chef, dass politische Gespräche mit
der deutschen Seite, aber auch mit Brüssel, eine "vernünftige
Lösung" bringen, um die gegen Ende des Jahrzehnts drohende Spaltung
zu verhindern. Gerade die Stromgrenze zwischen Deutschland und
Österreich sei die einzige wirklich offene in Europa, "und es wäre
skurril und doof, wenn wir sie schließen", meinte Anzengruber im
Auftakt-Pressegespräch zur "energy2050"-Tagung in Fuschl.
Ein Anstieg des Stromgroßhandelspreis-Niveaus von derzeit 30 Euro
je MWh um vermutlich 15 Prozent oder 4 1/2 Euro/MWh würde zwar den
Verbund kurzfristig sogar begünstigen, "wir sind aber trotzdem
dagegen, weil es unsere Wirtschaft, den Wirtschaftsstandort
Österreich schädigt".
Das sieht auch Siemens-Österreich-Generaldirektor Wolfgang Hesoun
so. "Als Wiener Industrie sind wir besorgt über die mögliche
Zusatzbelastung aus dem Energieumfeld", meinte er beim gemeinsamen
Auftritt mit Anzengruber. "Wir leben schon in einem Hochlohnland.
Die zehn bis 15 Prozent mehr würden uns sehr viel kosten", so
Hesoun. "Die Industrie wird dann vielleicht hier nicht mehr
investieren", meinte dazu der Verbund-Chef. Deshalb, so der
Siemens-GD, versuche man als Industrie der E-Wirtschaft "auch auf
europäischer Ebene den Rücken zu stärken".
Eine nur halb so teure Lösung der innerdeutschen
Netzkapazitäts-Probleme - die die Ideen einer Marktteilung aufkommen
ließen - wäre es laut Anzengruber, wenn aus Österreich mit
Kraftwerkskapazitäten dagegengehalten würde, um das Absaugen des
Wind- und PV-Stroms aus Norddeutschland rund um Deutschland herum in
den Süden zu verhindern. Denn letztlich liege das Problem an
fehlenden innerdeutschen Stromnetz-Kapazitäten.
4.000 MW heimische Kraftwerkskapazität, je zur Hälfte thermisch
und Pumpspeicher, könnten nach Ansicht des Verbund-Chefs ausreichen,
um dem immer wieder an Strommangel leidenden Süden Deutschlands von
Österreich aus zu helfen. Das könnten etwa die Anlagen Mellach und
Timelkam sein, aber auch thermische Blöcke von EVN und Wien Energie.
Das würde letztlich nur 150 Mio. Euro kosten, doch auch hier müsste
eine Kostenaufteilung gefunden werden, zunächst zwischen den
Versorgern aus beiden Ländern; mittelfristig würden aber auch diese
halbierten Kosten für den Stromkunden zu tragen sein. Zuletzt musste
Österreich dem Nachbarn sogar im Sommer mit viel Strom aushelfen,
ein Novum.
Den Vorstoß der Vereinigung der europäischen Energieregulierer
ACER, die am Mittwoch eine Aufteilung der gemeinsamen Stromzone
empfahl, will Anzengruber nicht überbewerten: "Eine Schwalbe macht
noch keinen Sommer", kommentierte der Verbund-Chef die letztlich auf
polnische Initiative erfolgte ACER-Entscheidung. Polens und
Tschechiens Netze leiden besonders unter ungewollten
Strom-Lastflüssen von Nord nach Süd, deren Ursachen im
Stromüberangebot aus Windkraft in Norddeutschland liegen.
Vizekanzler Wirtschaftsminister Reinhold Mitterlehner (ÖVP), der
sich wegen des EU-Flüchtlingsgipfels in Fuschl entschuldigen musste,
sprach sich schon Anfang der Woche für den Erhalt der gemeinsamen
Strompreiszone mit Deutschland aus. "Die deutsch-österreichische
Preiszone ist ein Erfolgsmodell und stärkt die
Versorgungssicherheit. Davon profitieren Unternehmen und Haushalte
in beiden Länder, so Mitterlehner am Montag. Der
grenzüberschreitende Stromhandel unterstütze die laufende
Energiewende und sei eine zentrale Voraussetzung, um den
Strom-Binnenmarkt effizient zu vollenden. Anzengruber wies darauf
hin, dass sich die Liquidität am heimischen Strommarkt bei einer
Abtrennung deutlich verringern würde, wie dies auf kleineren Märkten
immer der Fall sei.
EU-Energiekommissar Maros Sefcovic hatte diese Woche in Wien in
einem Interview eine Aufkündigung der gemeinsamen Preiszone als
"suboptimal" bezeichnet, es gebe auch andere Möglichkeiten: "Am
besten wäre, das deutsche Netz zu stärken", so Sefcovic.
(Schluss) sp/itz
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