Hipp-Rückruf - Ermittlung wegen Erpressung, noch ein Glas in Umlauf
Polizei Ingolstadt: Täter-E-Mail seit 16. April bekannt -
Gesundheitsministerin Schumann rief zu Vorsicht auf - Rewe und
dm nehmen vorsorglich Produkte aus Regalen
---------------------------------------------------------------------
AKTUALISIERUNGS-HINWEIS
Neu: Weitere Details der bayrischen Polizei (2. bis 4. Absatz), folgende Absätze überarbeitet und teils gekürzt
---------------------------------------------------------------------
Die Polizei in Bayern hat am
Montagnachmittag Ermittlungen wegen Verdachts der versuchten
Erpressung des Babykostherstellers Hipp aus Deutschland bestätigt.
Ein E-Mail der mutmaßlichen Täter sei seit Donnerstag (16. April)
bekannt. In Österreich, Tschechien und der Slowakei wurden seither
insgesamt fünf manipulierte Babynahrungsgläser vor dem Verzehr
sichergestellt. Ein Glas mit Rattengift könnte in Österreich
mutmaßlich noch in Umlauf sein, hieß es in einer Aussendung.
"Die Kriminalpolizei Ingolstadt führt unter Sachleitung der
Staatsanwaltschaft Ingolstadt ein Verfahren wegen Verdachts der
versuchten Erpressung zum Nachteil des in Pfaffenhofen an der Ilm
ortsansässigen Babynahrungsmittelherstellers Hipp gegen Unbekannt",
teilte das Polizeipräsidium Oberbayern Nord mit. Auch auf der
Internetseite hipp.at war nun dezidiert von einem "Erpressungs- und
Manipulationsfall" zu lesen.
Deutsche Polizei richtete Ermittlungsgruppe ein
Unmittelbar nach Bekanntwerden des Mails der mutmaßlichen Täter
bei der Polizei seien "alle erforderlichen Verständigungen,
Abstimmungen und Maßnahmen im In- und Ausland" getroffen worden,
betonte die Polizei in Bayern. Laboruntersuchungen ergaben, dass die
in Österreich, Tschechien und der Slowakei sichergestellten Gläser
mit Rattengift versetzt worden waren. "Die deutschen
Ermittlungsbehörden stehen in kontinuierlichem engen Austausch mit
dem Babynahrungshersteller Hipp und den Sicherheitsbehörden der
betroffenen Länder", wurde betont.
Derzeit könnten keine weiterführenden Informationen zum
Ermittlungsfortgang bekanntgegeben werden. Die deutsche Polizei wies
wie die Behörden in Österreich darauf hin, dass bei Auffälligkeiten
an den Babykostgläschen von einem Verzehr abgesehen und umgehend die
örtlich zuständige Polizei verständigt werden sollte. Bei der
Kriminalpolizei Ingolstadt wurde eine Ermittlungsgruppe "Glas"
eingerichtet, die Hinweise unter der Telefonnummer +49-841-9343-3803
entgegennimmt.
Noch Vorsicht bei in Eisenstadt gekauftem Glas
Nach dem Rückruf von allen Hipp-Babynahrungsgläschen bei Spar
Österreich und dem möglicherweise noch nicht gefundenen zweiten Glas
mit Rattengift aus einem Spar-Markt in Eisenstadt hatte
Gesundheitsministerin Korinna Schumann (SPÖ) zuvor weiterhin zu
Vorsicht aufgerufen. "Es ist zutiefst bestürzend, dass jemand
offenbar bereit ist, aus kriminellen Motiven die Gesundheit von
Babys zu gefährden", betonte sie. "Ich bitte alle Eltern in
Österreich: Seien Sie jetzt besonders wachsam, verwenden Sie das
betroffene Produkt nicht und zögern Sie im Zweifel keine Sekunde,
Hilfe zu holen - etwa bei der Notrufnummer 144 und der
Vergiftungsinformationszentrale unter 01-4064343", riet Schumann in
dem Statement.
Die Ermittlungen der burgenländischen Behörden konzentrierten
sich am Montag weiterhin intensiv auf die Suche nach dem zweiten
Glas, das ebenfalls wie das bereits sichergestellte Hipp-Produkt vom
Spar in Eisenstadt stammen soll. Wie Polizeisprecher Helmut Marban
gegenüber der APA erläuterte, wurden bereits am Sonntag umliegende
Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen deswegen kontaktiert, am
Montag dann zusätzlich auch Kindergärten und -gruppen.
Suche ausgeweitet
Die Suche wurde auf umliegende Gemeinden ausgeweitet, um dort
Eltern von Kleinkindern über die potenzielle Gefahr zu informieren
und das zweite Glas aus dem Verkehr zu ziehen. Zudem wurden am
Sonntag die ungarischen Behörden über den Sachverhalt informiert, da
das Glas eventuell auch von im dortigen Grenzgebiet ansässigen
Personen erworben hätte werden können. Von der Staatsanwaltschaft
Eisenstadt, die Ermittlungen wegen vorsätzlicher Gemeingefährdung
aufgenommen hat, hieß es am Montag von Behördensprecherin Petra
Bauer, dass sie vorerst noch keine Angaben zum toxikologischen
Gutachten zum Inhalt des ersten Glases machen könne.
Das am Samstag in Schützen am Gebirge (Bezirk
Eisenstadt-Umgebung) sichergestellte Gläschen, dessen Inhalt bei
einer Untersuchung positiv auf Rattengift getestet wurde, war bei
Spar in Eisenstadt gekauft worden. Auch das zweite Produkt, das sich
noch im Umlauf befindet, soll aus diesem Supermarkt stammen. Auf
dieses Geschäft dürfte sich auch ein Hinweis an die Ermittler
bezogen haben, der nach anfänglichen Erhebungen in Deutschland auf
behördlichem Weg zur heimischen Polizei gelangt war. In Tschechien
und der Slowakei wurden ebenfalls markierte Gläser polizeilich
sichergestellt. Die betroffenen Gläser sollen einen weißen Aufkleber
mit rotem Kreis am Glasboden haben. Die burgenländische Polizei
bittet weiterhin um Hinweise unter der Telefonnummer
+43-5913310-3333.
Rewe und dm nehmen Produkt aus Regalen
Hinweise hatte es konkret zum Artikel Hipp "Gemüsegläschen
Karotte mit Kartoffel" 190 Gramm gegeben. Vorsorglich nahm am Montag
auch die Rewe-Gruppe das Produkt bei Bipa, Billa, Billa Plus und
Adeg aus dem Verkauf. "Diese Rücknahme erfolgt rein präventiv, ohne
Verdachtsmomente in unseren Märkten, ohne Anweisung der Behörden
oder der Firma Hipp", hieß es gegenüber der APA. "Wir überprüfen
darüber hinaus laufend Hipp-Produkte in unseren Märkten." Die Firma
Hipp habe Rewe offiziell informiert, dass die Hipp-Babykostgläschen
in diesen Märkten nicht betroffen sind.
Zuvor hatte die Drogeriemarkt-Kette dm-Österreich bereits das
betroffene Produkt aus dem Verkauf genommen. "Außerdem werden
sämtliche Produkte Hipp-Glaskost in allen dm-Märkten und in den
Verteilzentren auf Beschädigungen des Deckels oder auf
Kennzeichnungen überprüft", wurde betont. Für verunsicherte
Konsumentinnen und Konsumenten gelte die Rücknahme-Garantie für bei
dm gekaufte Produkte.
Grüne fordern zentrale Hotline
"Gerade in solchen Situationen dürfen Eltern mit ihren Sorgen
nicht allein gelassen werden", reagierte
Grünen-Konsumentenschutzsprecherin Alma Zadić in einer Aussendung.
"Es braucht eine zentrale Anlaufstelle im zuständigen Ministerium -
eine Hotline, die rasch Hilfe, verlässliche Informationen und
konkrete Hinweise bietet und vor allem im Umgang mit betroffenen
Produkten Auskunft gibt", forderte sie.
Ernst Geiger, der ehemalige Leiter im Bundeskriminalamt der
Abteilung Ermittlungen, Organisierte und Allgemeine Kriminalität,
stellte im Ö1-Mittagsjournal zu einem möglichen Erpressungsversuch
fest, dass dahinterstehende Täter bei früheren derartigen Fällen mit
wenigen kontaminierten Produkten Druck aufbauten, weil sie "Geld
machen" wollen. Die Absicht, jemanden zu vergiften, sei in
vergangenen Causen nicht die primäre Motivation gewesen. Zum
aktuellen, grenzüberschreitenden Einsatz bemerkte er, dass eine
internationale Zusammenarbeit der Ermittlungsbehörden inzwischen
"fast das tägliche Brot" der Polizeiarbeit sei.
sws/cri/saw/ad