|
"trend": Vassilakou fordert mehr Zeit für Griechenland
Maria Vassilakou, Wiens Vizebürgermeisterin griechischer Abstammung, spricht erstmals über das Scheitern Griechenlands und bezeichnet die jetzige Vorgehensweise als "Vodoo-Kurs".
Wiens Vizebürgermeisterin Maria Vassilakou fordert
mehr Zeit für die Lösung der Probleme in Griechenland. In ihrem
ersten Interview zur prekären Situation in ihrer alten Heimat
Griechenland sagt sie in der am Dienstag erscheinenden Ausgabe des
Wirtschaftsmagazins "trend": "Griechenland braucht einen längeren
Zeitraum zur Schuldentilgung, Flexibilität in der Wahl der Maßnahmen
und allem voran ein Investitionspaket, um Wirtschaftsleistung
erzielen zu können. Nur so kommt es zu Steuereinnahmen, mit denen die
Schulden langfristig getilgt werden können." Die Wahlen am 17. Juni
sind für sie keine große Hoffnung: "Schon die Wahlen vom 6. Mai haben
gezeigt, dass dem Memorandum, das Griechenland mit der EU-Troika
abschließen musste, jede politische Legitimation fehlt. Keine der
zukünftigen Wahlen wird jedenfalls eine Mehrheit für die Fortsetzung
des derzeitigen Vodoo-Kurses bringen. Die einzige Chance, eine
stabile Regierung zu bilden, sehe ich im Konsens, das Memorandum
wieder aufzumachen", sagt Vassilakou "trend".
Hauptschuld am Scheitern ihrer Heimat trägt nach der Auffasung der
Grün-Politikin die EU. "Griechenland ist ein Sinnbild für die
Sackgasse, in die der europäische Fiskalpakt führt. Hier sehen wir
die Folgen einer europäischen Politik, die die Währungsunion
eingeführt hat, ohne Sozialunion, ohne Wirtschaftsunion und ohne ein
faires Steuersystem dazu zu schaffen. So konnte sich das Gefälle
zwischen Norden und Süden dramatisch vertiefen. Griechenland ist ein
Weckruf für die gesamte Union, dass der eingeschlagene Weg fatale
Folgen für ganz Europa haben kann."
Natürlich sieht Vassilakou auch schwerwiegende Versäumnisse im
Mutterland der Demokratie: "Marode Staatsstrukturen, jahrzehntelanges
Versagen der Verwaltung, ein ausgewachsenes Korruptionsproblem und
die Unfähigkeit, Steuern einzutreiben. Dazu noch ein Wahlsystem, das
Klientelwirtschaft sehr stark begünstigt und damit in Summe ein
besonders investitionsfeindliches Klima geschaffen hat" tragen ihrer
Meinung nach wesentlich zur scheinbar unlösbaren Dauerkrise bei.
Besonders schmerzlich ist für sie, dass derzeit ein "unglaublicher
Brain-Drain stattfindet. Alles, was jung, gut ausgebildet und
arbeitsfähig ist, drängt ins Ausland." Griechenland könne sich selbst
nicht mehr helfen, denn: "Man kann sich nicht selber aus dem Sumpf
ziehen, wenn einem gleichzeitig jemand mit aller Kraft auf die
Schultern drückt! Zwinge ich die Wirtschaft eines Landes in die Knie,
so erhöhe ich die Arbeitslosigkeit."
Vassilakou, seit eineinhalb Jahren in Wiener Regierungsverantwortung,
ist für den Verbleib Griechenlands in der Eurozone, denn "der Euro
ist für den europäischen Süden die einzige Perspektive - aber nur,
wenn endlich Investitionsmaßnahmen kommen und Geld in die lokalen
Wirtschaften fließt." Die bisherigen Hilfsmaßnahmen sieht sie als
weitgehend gescheitert: "Die Milliarden an Hilfe, die bis jetzt
ausgeschüttet wurden, sind weder in der Wirtschaft noch in der
Bevölkerung angekommen, sondern weitestgehend in die Bankensanierung
geflossen. Man probiert jene Wirtschaftspolitik aus, die schon in den
Dreißiger Jahren Schiffbruch erlitten hat."
Den Vorschlag des angehenden IHS-Chefs Christian Keuschnigg, die
Löhne in Griechenland weiter drastisch zu senken, sieht sie äußerst
kritisch: "Mir fehlen die Worte für solche Vorschläge, egal wo in
Europa. Das ist das uralte neoliberale Mantra." Damit würden die
Krisenländer "entweder in den Links- oder in den Rechtsextremismus
getrieben"; Europa katapultiere sich so in die Zeit vor den Vierziger
Jahren zurück.
|