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Unternehmensfinanzierung in Zentral- und Osteuropa 2012: Die Finanzierung des Unternehmenssektors funktioniert gut, doch die
Performance schwankt von Land zu Land
- Zyklische Sektoren, die im wirtschaftlichen Aufschwung die Nase vorn haben, dürften
2012 noch schwächer abschneiden
- Laut Umfragedaten hat sich 2011 die Bereitschaft der Banken zu ausreichenden
Finanzierungen vor dem Hintergrund einer nach wie vor schwachen Nachfrage
verbessert
- Die Verfügbarkeit von Krediten bleibt eine essenzielle Voraussetzung, damit die
Vergabetätigkeit wieder an den langfristigen Trend anschließen kann
Bisher halten sich die Bankkredite an den Unternehmenssektor in CEE gut, doch ist auch in den
kommenden Monaten mit einer divergierenden Performance der einzelnen Länder zu rechnen.
So lautet eine der wesentlichen Erkenntnisse aus einer von der Abteilung CEE & Poland
Strategic Planning der UniCredit kürzlich durchgeführten Analyse der Unternehmensfinanzierungen
in Zentral- und Osteuropa. Größere Volkswirtschaften wie die Türkei und
Russland verzeichneten bei der Nachfrage nach Kommerzkrediten bis Februar 2012 ein starkes
zweistelliges Wachstum, während sie in kleineren Staaten wie dem Baltikum die Unternehmensfinanzierungen
schwach abschneidet und sogar zurückgeht.
Trotz des besseren Geschäftsumfeldes erholen sich ausländische Direktinvestitionen
nur langsam
„Wie sich anhand des jüngsten Geschäftsklimaindikators zeigt, ist der Zukunftsoptimismus der
Unternehmen zuletzt gestiegen. Trotzdem wird sich das Industriewachstum in der Region CEE
im ersten Quartal dieses Jahres auf Grund der schwächeren externen Nachfrage leicht negativ
entwickeln", erklärt Gianni Franco Papa, Head of CEE Division in der UniCredit. Wichtige
Differenzierungselemente bleiben bestehen und die kurzfristigen Indikatoren weisen vor allem in SEE auf ein anhaltend fragiles Wachstum hin. Außerdem haben die zyklischen Sektoren seit
Januar ein wenig an Schwung eingebüßt. Die einzige Ausnahme bildet hier der Maschinen- und
Anlagenbau, der von der kontinuierlichen Nachfrage aus China profitiert. „Insgesamt hat sich
das wirtschaftliche Umfeld in den vergangenen Jahren deutlich verbessert, doch gelten
Regulierung, Rechtssystem, steuerliche und politische Faktoren nach wie vor als bedeutende
Hindernisse für Geschäfte in CEE”, sagt der Manager.
Nach der Krise 2008 erlebte die Region CEE eine deutliche Verschiebung in der
Zusammensetzung der Kapitalflüsse. So dominiert heute in CEE die Portfoliokomponente,
während sich die FDI-Zuflüsse von ihrem Tiefpunkt gegenüber jenen anderer Emerging Markets
in Lateinamerika oder Asien nur marginal erholen konnten und deutlich unter dem
Vorkrisenniveau liegen. Der allgemeine Trend geht in Richtung einer Ablösung lang- bis
mittelfristigen Kapitals durch kurzfristiges Portfoliokapital. Letztlich bleibt die Förderung der
Wettbewerbsfähigkeit für die CEE-Region, die vor dem Hintergrund einer immer noch geringeren
Produktivität günstigere Produktionskosten als die EU-15 bietet, eine essenzielle Herausforderung.
Kreditkosten und Sicherheiten werden als Hindernisse für die Verfügbarkeit von Krediten
wahrgenommen
Unternehmensdaten lassen, vor allem in der Erholungsphase, auf eine eindeutig positive
Beziehung zwischen Bankkrediten und Anlageaktivitäten schließen und sie bestätigen, dass die
Verfügbarkeit von Krediten eine wesentliche Voraussetzung für ein Aufschließen der Outputs
zum langfristigen Trend darstellt. Zugleich darf die wichtige Rolle nachfrageseitiger Faktoren
nicht vergessen werden. Es liegen empirische Hinweise vor, wonach der Rückgang der
Investitionstätigkeit vor allem in Sektoren mit einer beschleunigten oder boomenden Kreditvergabedynamik
ausgeprägt war, also etwa in Bulgarien oder Rumänien vor der Krise.
„Die Kreditklemme auf dem Höhepunkt der Krise führte zu einer spürbaren Substitution der
Finanzierungsquellen und zog Kosteneinsparungsmaßnahmen nach sich“, führt Fabio Mucci,
Head of CEE & Poland Strategic Planning in der UniCredit, aus. In dieser Situation begannen
viele Unternehmen Bankkredite durch Refinanzierungen von Muttergesellschaften und in geringerem Ausmaß durch Anleiheemissionen zu ersetzen. Am deutlichsten wurde die
Kreditklemme in der Krise bei jenen Unternehmen, die zur Überwindung ihrer
Liquiditätsprobleme auch eine erhebliche Anpassung der Arbeitskosten vornahmen. Nach dem
Ende der Krise blieb die Investitionstätigkeit der meisten fremdfinanzierten Sektoren ganz klar
hinter jener der eher unabhängigen zurück.
„Laut einer TNS-Umfrage im Auftrag von UniCredit unter mehr als 12.000 Unternehmen in 16
CEE-Ländern verbesserte sich die Finanzierungsbereitschaft der Banken 2011 vor dem
Hintergrund einer immer noch schwachen Nachfrage“, sagt Fabio Mucci. „Auf einer Skala von 1
bis 5, wobei 5 die Bestnote ist, erhielten die Banken 2011 die Note 3,77 gegenüber dem Jahr
davor, als sie mit 3,67 bewertet wurden.“ Dagegen berichtete die Mehrzahl der Unternehmen in
einer ergänzenden Umfrage über eine Verschärfung der Kreditsituation im Jahr 2011. Sie
benannten Kreditkosten und die geforderten Sicherheiten als Haupthindernisse für die
Verfügbarkeit von Krediten. Auch nachfrageseitige Faktoren spielen eine Rolle. So gaben 44
Prozent der Unternehmen als Hauptgründe, warum sie keinen Kredit beantragt hatten, „kein
Bedarf“ an.
Die Firmenkunden in CEE bleiben eines der attraktivsten Geschäftssegmente, weil ihr
Verschuldungsgrad in Zentral- und Mitteleuropa geringer ist als im westeuropäischen
Durchschnitt. Vor allem im grenzüberschreitenden Geschäft ist hier das Potenzial bei weitem
nicht ausgeschöpft. So machen Unternehmensfinanzierungen in der EWU rund die Hälfte des
regionalen BIP aus, während es beispielsweise in der Türkei nur 32, in Russland 28 und in der
Tschechischen Republik 21 Prozent sind.
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