Julius Meinl V. am Tiefpunkt: Rekordkaution, Untersuchungshaft und Ausreiseverbot
Julius Meinl
V. am Tiefpunkt: Untersuchungshaft, Rekordkaution, Ausreiseverbot. Wie der Bankier den Ruf seiner
Dynastie ruinierte. Wen die Staatsanwaltschaft noch auf der Liste der Verdächtigen hat (unter anderem
einen Herrn Grasser).
Hundert Millionen (in Zahlen: 100.000.000) Euro – das ist schon eine
Stange Geld. Man kann sich zum Beispiel einen ganzen Eurofighter darum kaufen. 100 Millionen ist die
Summe, die von den ÖBB in den nächsten eineinhalb Jahren eingespart werden muss. Die Linz AG errichtet
um 100 Millionen gerade ein neues Heizkraftwerk. Der Sturm „Emma“ hat im Vorjahr in Österreich
Schäden von 100 Millionen angerichtet. 100 Millionen Euro veranschlagt die Bundesregierung im zweiten
Konjunkturpaket für thermische Sanierungsmaßnahmen im ganzen Land.
Für Julius Meinl V.
sind 100 Millionen Euro (in alter Währung fast 1,4 Milliarden Schilling) ein Betrag, der problemlos
binnen weniger Stunden aufzutreiben ist, wenn es darum geht, sich die Untersuchungshaft zu ersparen.
Selten zuvor hat jemand bei Gericht eine höhere Kaution hinterlegt. Der US-amerikanische
Milliardenbetrüger Bernard Madoff kam vor Kurzem etwa gegen läppische zehn Millionen Dollar
(umgerechnet 7,5 Millionen Euro) auf freien Fuß.
Geschockt von der Tatsache, dass er
tatsächlich festgenommen worden war, setzte Meinl am vergangenen Donnerstag alles daran, das
Gefangenenhaus Josefstadt wieder verlassen zu können. Das gelang dem skandalumwitterten Banker zwar
vergleichsweise schnell, aber um einen hohen Preis – nicht nur finanziell, sondern auch immateriell.
Als sich nach einer Nacht in einem Verwahrungsraum und einer weiteren in einer kargen 2-Mann-Zelle am
Freitag die Tore der Justizanstalt für ihn öffneten, muss Julius Meinl V. bewusst gewesen sein, dass
Ruf und Ansehen seiner Dynastie irreparabel beschädigt sind – und sein auf der in Familienbesitz
befindlichen Meinl Bank aufgebautes Unternehmensimperium am Ende ist.
Die börsennotierten
Gesellschaften MEL (Meinl European Land), MIP (Meinl International Power) und MAI (Meinl Airport
International) sind perdu. Sie heißen nunmehr Atrium European Real Estate, Power International und
Airports International und befinden sich im Eigentum eines israelischen Immobilienfonds respektive
rebellischer Aktionäre. Bleibt die Bank selbst – vor den abenteuerlichen Börsengeschäften ihres
Vorstands ein kleines, honoriges Investmenthaus. Danach: ein kleines, übel beleumundetes, mit dem kaum
jemand etwas zu tun haben will. Eine eigene Form der Bad Bank, wenn man so will.
Über dem
fünften Julius selbst hängt von nun an das Damoklesschwert von Anklage, Prozess und möglicher
Verurteilung wegen Untreue und Betrug vor allem im Zusammenhang mit der früheren MEL. Für ihn gilt
selbstverständlich die Unschuldsvermutung. In seiner Bewegungsfreiheit ist Meinl trotz der Enthaftung
eingeschränkt: Er musste seinen Reisepass abgeben und darf aus Österreich nicht ausreisen. Darüber
hinaus muss er die Behörden jedes Mal benachrichtigen, wenn er seinen Wohnort Wien verlässt.
Das Einzige, worüber Julius Meinl noch im Überfluss verfügen kann, ist – Geld. Die 100 Millionen
Kaution dürften auch nicht eben zur Steigerung seiner Sympathiewerte bei den Aktionären der
Immobiliengesellschaft beitragen. Sie mussten durch mutmaßliche Kursmanipulationen in den vergangenen
eineinhalb Jahren desaströse Verluste hinnehmen. Wäre Julius Meinl V. einer von ihnen und hätte im
Jahr 2003 um den Gegenwert der 100 Millionen Euro Kaution Papiere der MEL gekauft, dann könnte er heute
im Wiener Straflandesgericht bloß 23,4 Millionen Euro auf den Tisch blättern. profil hat den Fall Meinl
von Anfang an recherchiert und durch mehrere Schlüsselreportagen wesentlich zu seiner Aufdeckung
beigetragen. Die Geschichte, die zum Ende einer Dynastie führt, begann ganz unspektakulär: mit einem
Nebensatz im MEL-Halbjahresbericht 2007, der auf Rückkäufe von Wertpapieren hinwies. Möglicherweise
illegal.
Die Finanzmarktaufsicht musste reagieren. Nur wenige Wochen später, am 13. September
2007, veranlasste sie eine Vor-Ort-Prüfung. profil war das einzige Medium, dem dieser Bericht vorlag.
Was die Ermittler darin in trockenen Worten schilderten, ist nicht nur ein Thriller erster Güte. Sie
zeichnen zugleich den Abstieg eines honorigen Unternehmerclans nach: Über 150 Jahre hatten die Meinls
mit solider Kaufmannsarbeit ein ansehnliches Vermögen gemacht, um schlussendlich das Oberhaupt ihrer
fünften Generation als mutmaßlichen Finanzbetrüger im Kriminal landen zu sehen.
Nach
profil-Informationen ist er einer von insgesamt zehn Verdächtigen in der Affäre. Zu ihnen zählen die
Meinl-Bank-Vorstände Robert Kofler, Peter J. Weinzierl und Günter Weiß. Dazu die ehemaligen
MEL-Manager, Georg Kucian, Karel Römer, Heinrich Schwägler und Stephan Visy. Aber auch immer noch zwei
Prominente, die zwar nichts mit der MEL, dafür aber mit der MIP zu tun haben: Der ehemalige
Finanzminister Karl-Heinz Grasser und Ex-Verbund-Generaldirektor Hans Haider.
Dass gegen sie
noch immer ermittelt wird, liegt an der ursprünglichen Strafanzeige im Fall Meinl. Grasser und Haider
wurden darin bald nach der Aktien-Rückkaufaktion wegen Verdachts auf Kursmanipulationen bei der MIP
genannt. Das Augenmerk der Ermittler wandte sich in der Folge zwar rasch dem MEL-Komplex zu, die beiden
Herren werden aber dennoch weiterhin als Verdächtige in den Akten geführt.
Rückblende. Die
Ursprünge der Meinl-Affäre liegen inzwischen bereits sieben Jahre zurück, im Jahr 2002. Zu dieser Zeit
ist die Meinl Bank ein feines Geldhaus mit überschaubaren Aktivitäten. Es ist aber auch die Zeit, in
der der Finanzplatz Wien von der „Ostfantasie“ erfasst wird. Und nicht nur er: Aus der ganzen Welt
fließt Kapital in österreichische Unternehmen, die in den ehemaligen Ostblockstaaten investiert sind.
Die Aktienkurse klettern schnell und stetig nach oben. In dieser Situation gründet die Meinl Bank eine
Immobiliengesellschaft, die auf Ostgeschäfte spezialisiert ist, und bringt sie an die Börse: die
MEL.
Diese Emission verändert vieles. Dank Meinls Juristen und eines hochkomplexen
Vertragskonstrukts schneidet das Bankhaus am Erfolg der MEL kräftig mit. Provisionen für
Börsengeschäfte, Managementgebühren für die Verwaltung der MEL-Immobilien, Anteile an
Kapitalerhöhungen – sogar die Verwendung des Namens Meinl lassen sich Julius V. und die Seinen von der
MEL vergolden. Das System wird später bei der Gründung der Meinl International Power (MIP) und der
Meinl Airport International (MAI) 2007 Schule machen.
Das Geschäft brummt. Von 2003 bis 2006
erhöht sich die Bilanzsumme der Meinl Bank von 659 Millionen auf 5600 Millionen Euro. Der Überschuss
steigt von 24 auf 118 Millionen. Bis Anfang 2007 platziert die Meinl Bank 300 Millionen MEL-Papiere an
der Wiener Börse. Der Clou: Es handelt sich nicht um herkömmliche Aktien, sondern konkret um
Zertifikate auf Aktien. Und diese unterliegen nicht dem strengen heimischen Wertpapierrecht – zumal die
MEL im Offshore-Paradies auf der britischen Kanalinsel Jersey residiert. Die MEL wird zur Cash Cow der
Meinl-Gruppe. Im Jahr 2006 erwirtschaftet die Bank bereits 60 Prozent ihres gesamten Betriebsertrags aus
dem MEL-Geschäft.
Hinter den Kulissen geht es freilich abenteuerlich zu. Da wird Geld um den
halben Globus transferiert, auf den Verrechnungskonten herrscht Chaos, Provisionszahlungen lassen sich
kaum nachvollziehen, Verträge werden verwirrend formuliert und wirr datiert. Die Prüfer der
Nationalbank werden später festhalten: „Wesentliche Verträge“ seien „in einer mangelhaften Form
gehalten“, Kontrollprozesse „nicht ausreichend“ gewesen. Ihnen bietet sich das „Bild einer wenig
transparenten Struktur, die aufgrund enger personeller Verschränkungen mit potenziellen
Interessenkonflikten behaftet ist“. Dann kommt das Jahr 2006 – und mit ihm der Anfang vom Ende.
Karibik-Gesellschaft. In guten Zeiten hat sich die Meinl Bank gegenüber MEL verpflichtet, bei
Kapitalerhöhungen eine Art Ausfallshaftung zu übernehmen. Sollten neu aufgelegte Papiere nicht an den
Mann zu bringen sein, würde die Bank diese aufgreifen. Diese Notwendigkeit tritt im Frühjahr 2006 ein.
Die MEL führt eine Kapitalerhöhung durch und legt 60 Millionen Zertifikate auf. Das Interesse der
Investoren hält sich aber – anders als in den Jahre zuvor – in engen Grenzen.
Das
Problem: Die Meinl Bank kann die Ladenhüter nicht in die eigenen Bücher nehmen, weil sie damit die
gesetzlichen „Großveranlagungsgrenzen“ überschreiten würde. Der Ausweg führt in die Karibik.
Dort, auf der Insel Aruba, wird eine Gesellschaft namens Somal A.V.V. aktiviert. Die Prokura hat ein
gewisser Karel Römer: Niederländer und praktischerweise enger Vertrauter von Julius Meinl V. mit
Funktionen in zwei Dutzend verschiedenen Meinl-Gesellschaften. Auf dem Papier ist eine Verbindung
zwischen Somal und Meinl oder MEL aber nicht nachzuweisen.
Und jetzt beginnt das Ringelspiel:
Da die Somal nicht genug Geld auf der Kante hat, um die überschüssigen MEL-Zertifikate aufzukaufen,
muss die MEL Anleihen von Somal zeichnen. Mit diesem Geld erwirbt Somal MEL-Zertifikate. Von 60 Millionen
Zertifikaten gehen im Frühjahr 2006 rund 22,7 Millionen an Somal – also mehr als ein Drittel. Im
November 2006 führt die MEL eine weitere Kapitalerhöhung durch und legt 45 Millionen Zertifikate auf.
Wieder springt Somal ein und übernimmt 13,2 Millionen Stück. Das Spiel wird sich 2007 ein drittes und
letztes Mal wiederholen.
Diese Konstruktion stellt die Familie Meinl freilich vor ein veritables
Problem: Irgendwann muss sie die in der Karibik gebunkerten Papiere wieder loswerden, und wenn möglich
ohne Verlust. Das aber setzt einen stabilen Börsenkurs der MEL voraus.
2006 funktioniert das
Spiel: Der Wert der MEL-Papiere klettert im Jahresverlauf von rund 15 Euro auf knapp unter 20 Euro je
Stück. MEL und Somal lukrieren durch den Wiederverkauf der Zertifikate fette Gewinne: die eine fast 20
Millionen Euro, die andere 26,7 Millionen. Und die Meinl Bank? Kassiert alleine für eine dritte
MEL-Kapitalerhöhung 99,73 Millionen Provision.
2007 gerät alles außer Kontrolle. Die
Subprime-Krise in den USA lässt die Immobilienaktien purzeln. Zwischen Frühjahr und Sommer 2007 kauft
die Meinl Bank auf MEL-Rechnung heimlich 88,8 Millionen Zertifikate zu überhöhten Preisen vom Markt.
Dafür werden Investorengelder in der Höhe von 1,8 Milliarden Euro herangezogen. Auch die damit
gekauften Papiere landen in der Karibik – und sollen in der Folge schrittweise wieder am Markt
platziert werden. Aber das klappt nicht mehr. Somal bleibt wegen des Kursverfalls auf 75 Millionen
Zertifikaten sitzen. Zur Veranschaulichung: Das ist ein Viertel aller bis dahin ausgegebenen
MEL-Papiere.
2007 ist auch das Jahr, in dem Meinl zwei weitere Unternehmen an die Börse
bringt: MAI und MIP, Letztere prominent beworben durch den ehemaligen Finanzminister Karl-Heinz Grasser.
Sowohl mit MAI als auch MIP versucht Meinl, das Geschäftsmodell MEL zu kopieren. Zeitweise
erwirtschaftet die Meinl-Bank-Gruppe aus den Geschäften der drei über 80 Prozent ihrer
Betriebserträge. Die Nationalbank wird in ihrem Prüfbericht später feststellen, dass mehr als
hunderttausend Meinl-Investoren in Österreich und anderswo „systematisch und ohne ihr Wissen“
Risiken ausgesetzt waren, die 2007 tatsächlich schlagend wurden.
Randnotiz. Im
MEL-Halbjahresbericht 2007 finden sich dazu nur ein paar lapidare Sätze: „Zum 30. Juni 2007 hat die
Gesellschaft insgesamt 52.315.000 an der Wiener Börse gelistete Zertifikate, welche Aktien der
Gesellschaft vertreten, zurückerworben“, heißt es dort auf Seite 11.
Jetzt platzt die Blase.
Der Aktienkurse der MEL gehen steil nach unten, Analysten stufen die MEL-Aktie als einzigen
Wiener Immobilien-Titel auf „Verkaufen“, sodass die Uni-Credit Anlegern dringend einen Umstieg
nahelegt. Nun verlieren die ersten Mitarbeiter der Immobiliengesellschaft die Nerven. Unter anderen
verlässt Vorstand Johann Mantler fluchtartig das Unternehmen. „Die Substanz des Unternehmens stimmt.
Daher braucht man sich um die Meinl-Aktie keine Sorgen machen“, beschwichtigt Grasser. Der Kurssturz
sei bloß eine „irrationale Übertreibung der Märkte“.
Ganz anders schätzt der aus der
MEL ausgeschiedene Unternehmenssprecher Francis Lustig die Sache ein: „Kollege Mantler und ich legen
Wert auf die Feststellung, dass wir zurückgetreten sind. Wir haben dies getan, weil wir die aus unserer
Sicht völlig sinnlose Rückkaufaktion nicht mittragen konnten“, sagt er bereits im September 2007
gegenüber profil. Wenig später enthüllt profil, dass die Finanzmarktaufsicht FMA wegen
Marktmanipulation, Verletzung der Publizitätspflichten und möglicherweise irreführende Angaben im
Kapitalmarktprospekt gegen die MEL ermittelt. Wenige Tage später kündigt die Nationalbank eine
Sonderprüfung der Meinl Bank an.
Im Dezember 2007 wendet sich die FMA an die
Staatsanwaltschaft. Ende des Monats sind auch bei Julius Meinl V. erste Fluchtreflexe zu bemerken: Er
zieht sich aus dem Management der Meinl Bank zurück und wird Aufsichtsratsvorsitzender. Die Bilanz des
Bankhauses für das Jahr 2007 muss er damit nicht mehr unterschreiben. Die Höhe seiner Gage bleibt aber,
wie profil aus dem Aufsichtsratsprotokoll zitiert, unverändert – weil er künftig den Vorstand beraten
soll. Als Vorstandsvorsitzender der Meinl Bank hatte Julius Meinl im Jahr 2006 knapp mehr als drei
Millionen Euro verdient und war damit Österreichs bestbezahlter Bankmanager. Mitte Jänner 2008 liegt
der Staatsanwaltschaft der Rohbericht der Nationalbank über die Meinl Bank und die MEL vor. Weil MEL auf
Jersey domiziliert war, schaltet die FMA in Wien nun ihr lokales Pendant, die Jersey Financial Services
Commission, ein. Die Erhebungen gegen Julius Meinl V. und Konsorten sind also voll im Gange.
Im Februar 2008 steigen die Anleger auf die Barrikaden. Sie drohen mit Schadenersatzklagen. Der Kurs
der MEL-Zertifikate ist mit knapp acht Euro mittlerweile meilenweit von jenem entfernt, zu dem MEL die
Titel vom Markt geholt hat, nämlich um 20 Euro pro Stück. Diese Gemengelage – aufgebrachte Aktionäre
und der fragliche Wert der Gruppe – erschweren den bereits seit Monaten geplanten Verkauf der MEL.
Kolportierte Investoren, unter ihnen große Namen wie Goldman Sachs, HSBC, Apollo oder Blackstone, sind
offenbar nicht wirklich interessiert. Im März schließlich wird verlautbart, die israelische
Immobiliengruppe Gazit Globe und der US-Fonds Citi Property Investors wollten sich bei MEL einkaufen.
Im Mai publiziert profil die noch unter Verschluss gehaltenen MEL-Geschäftszahlen für 2007. Sie
sind eine Ohrfeige für die geprellten Anleger. Ausgerechnet in dem für sie so katastrophalen Jahr
musste die Immobiliengruppe MEL „Provisionen“ und „Gebühren“ von insgesamt 160 Millionen Euro an
die Meinl Bank abführen. Das war der höchste Betrag in der Geschichte von Meinl European Land – und
andererseits mehr, als die Immobiliengesellschaft Gewinn nach Steuern ausweisen konnte (154,6 Millionen
Euro). Es passt ins Bild, dass Karl-Heinz Grassers „Managementgesellschaft“ MPM im Jahr zuvor 3,3
Millionen Euro von Meinl International Power kassierte – für nur fünf Monate Arbeit. Nun geht der
Interessenverband MEL-geschädigter Anleger in die Offensive. Sie zeigen die Organe der
Immobiliengesellschaft in Wien und auf Jersey wegen mutmaßlicher Untreue an.
Währenddessen
laufen die Ermittlungen auch in Österreich weiter. Ehemalige Mitarbeiter der MEL werden einvernommen,
die Fahnder dringen immer weiter in das undurchsichtige Finanzdickicht vor. Gleichzeitig versucht Meinl,
die Berichterstattung über seine Bank mit juristischen Mitteln massiv zu behindern. Er zeigt etwa die
Finanzmarktaufsicht wegen Bruchs des Amtsgeheimnisses an, um herauszufinden, wie Informationen an die
Medien gelangt sein könnten. profil wird von Meinl mehrmals vor den Kadi gezerrt. Unter anderem reicht
der Multimillionär Klage ein, weil durch die Publikation des Namens seiner Wohnstraße (ohne Hausnummer)
seine Privatsphäre verletzt worden sei.
Klagsflut. Julius V. sieht sich gerne in der
Opferrolle. Als profil im August 2008 – unter Verweis auf einen Gauakt aus dem österreichischen
Staatsarchiv – über eine Papierfabrik berichtete, die der Meinl-Konzern gemeinsam mit dem
NS-Blutordensträger Fritz Hamburger 1939 arisiert hatte, ließ der Bankier damals über seine Anwälte
ausrichten, man sei „tief betroffen“; die Meinls gehörten doch „zu den Verfolgten des Nazi-Regimes
und nicht, wie von Ihnen unterstellt, zu dessen Profiteuren“.
Wahr ist beides. Das hatte
sogar sein Vater Julius IV. in einem seiner raren Interviews gegenüber profil bestätigt. Freidenker
Julius III., verheiratet mit einer Jüdin, wurde nach dem Anschluss zum Volksfeind erklärt. Er
emigrierte mit seiner Familie nach Großbritannien. Vater Julius II. blieb und führte das Unternehmen
unter der NS-Herrschaft zu neuer Größe. Auch den Warenabsatz kurbelte die NS-Herrschaft kräftig an:
Viele kleine Händler wurden gezwungen, Meinl-Waren zu beziehen. Meinl versorgte die Wehrmacht, Meinl
wurde in das NS-Bewirtschaftungssystem einbezogen, Meinl stellte bei Festen der NS-Elite das Catering. Im
Sommer 1940 beantragte Julius II. die Aufnahme in die NSDAP. Das Gesuch wurde zwar abgelehnt – Meinl
könne „ausreichende illegale Betätigung nicht nachweisen“ –, einer späteren Aufnahme stünde
aber nichts entgegen, wie ein Gauamtsleiter 1943 über Meinl festhält: „In politischer Hinsicht nicht
besonders nachteilig in Erscheinung getreten.“ Julius IV., dessen Vater vor den Nazis nach England
geflohen war, sagte im profil-Interview 2007: „Meinem Großvater war ja im NS-Verständnis politisch
kein Vorwurf zu machen.“ So offenherzig sein mittlerweile verstorbener Vater sogar über braune Flecken
in der Familie plauderte, so sehr ist Meinl V. bedacht, jegliche negative Berichterstattung
abzublocken.
In allen Fällen blitzt Meinl vor Gericht ab. Drei Klagen sind letztinstanzlich
abgewiesen, bei einem Begehren auf Gegendarstellung wurde profil in erster Instanz Recht gegeben, die
Berufung läuft noch. Auslöser der letzten Klage war die Publikation des streng unter Verschluss
gehaltenen Nationalbankberichts zur MEL, also des Schlüsseldokuments zur Affäre. Im Juli 2008 war es
profil als einzigem Medium gelungen, das Papier aufzutreiben und damit der Öffentlichkeit erstmals einen
Überblick über die Erkenntnisse der Fahnder zum Finanznetzwerk von Meinl Bank und MEL zu geben.
Die Conclusio des Berichts: Kleinanleger finanzierten unwissentlich die privaten
Millionen-Spekulationen der Familie Meinl, und der eigene Aufsichtsrat war nur rudimentär informiert. Am
18. Februar dieses Jahres dämmerte Julius Meinl wohl erstmals, dass die Justiz Ernst macht: Auf
Anweisung der Staatsanwaltschaft finden an 13 Standorten Hausdurchsuchungen statt. Drei Staatsanwälte
und 60 Beamte durchkämmen neben Büroräumlichkeiten auch Wohnungen in Österreich und Pressburg,
stellen Unterlagen sicher und durchforsten Datenträger. Wie der „Standard“ berichtet, werden dabei
nicht weniger als 70.000 E-Mails und interne Korrespondenzen sichergestellt. Seitens Meinls wird die
Razzia als „medienwirksame Aktion“ abgekanzelt.
Zuständigkeiten. Doch den Behörden geht
es um den Beweis, dass die Meinl Bank jederzeit Kontrolle und Information über das Vorgehen bei MEL
gehabt hat. Julius Meinl hat stets geleugnet, damit etwas zu tun gehabt zu haben. „Ich bekleide bei MEL
keine Funktion. Ich führe eine Bank und kein Immobiliengeschäft. Daher konnte die Meinl Bank den
Zertifikatsankauf weder anordnen noch orchestrieren“, hatte er in einem profil-Interview 2007
behauptet.
Dennoch: Die Einschläge kommen näher. Vergangene Woche, fast eineinhalb Jahre
nach Auffliegen der Affäre, wird Julius Meinl V. zu einer ersten Einvernahme bei der Staatsanwaltschaft
gebeten. Zuvor sind ihm von der Anklagebehörde mehrere Termine angeboten worden. Meinl entscheidet
sich für den 2. April, die Ladung wird kurzfristig einen Tag vorverlegt.
Vielleicht ist es
das Entgegenkommen der Behörden, das dazu führt, dass er sich in Sicherheit wiegt. Zudem hat die
Staatsanwaltschaft in den Tagen und Wochen zuvor mehrfach versichert, dass ihm keine Verhaftung drohe.
Als Meinl am Mittwochnachmittag der vergangenen Woche von seiner Villa im Wiener Nobelbezirk Döbling zum
Wiener Landesgericht für Strafsachen aufbricht, rechnet er damit, lediglich ein paar Stunden dort zu
verbringen. Doch dann zieht sich das Verhör beunruhigend lange hin. Auf der einen Seite: Meinl und seine
Advokaten Christian Hausmaninger, Herbert Eichenseder und Ernst Schillhammer. Auf der anderen:
Staatsanwalt Markus Fussenegger und Gerichtsgutachter Thomas Havranek. Das Gespräch, da stimmen die
Schilderungen beider Seiten überein, verläuft zivilisiert und äußerst höflich. Doch je länger der
Tag, umso bohrender die Fragen über MEL. Während Julius V. im Grauen Haus um seine Freiheit redet,
machen draußen erste Gerüchte die Runde. Der Banker werde heute wohl nicht mehr heimgehen, heißt
es.
Überweisung. Gegen 21 Uhr bewahrheitet sich diese Vermutung. Staatsanwalt Fussenegger
erlässt – für die Meinl-Seite völlig überraschend – Haftbefehl wegen Fluchtgefahr. Die Anwälte
haben bereits die Mäntel übergezogen, als Fussenegger noch einmal das Wort ergreift: „Jetzt kommen
wir zum unangenehmen Teil. Sie bleiben hier.“ Wenig später betreten Beamte der Bundespolizeidirektion
Wien das Vernehmungszimmer und führen Meinl ins Gefangenenhaus Josefstadt ab. Zu diesem Zeitpunkt kennen
die Anwälte des Bankiers bereits die Höhe der von der Staatsanwaltschaft geforderten Kaution.
Während sie das Geld aufzutreiben versuchen, verbringt der Milliardär die Nacht in einem kargen
Verwahrungsraum. In der Früh fasst er Zahnbürste, Zahnpasta und Seife aus. Dann wird er in eine
2-Mann-Zelle verlegt. Am Donnerstag, 2. April 2008 um 15 Uhr verhängt der Haftrichter formell
Untersuchungshaft über den 49-Jährigen. 54 Minuten später treffen 100 Millionen Euro von der
Liechtensteiner Centrum Bank am PSK-Konto 5460.016 ein, der Bankverbindung der Verwahrungsstelle des
Oberlandesgerichts Wien. Das Gericht wird wohl entscheiden, dass es bis auf Weiteres „fruchtbringend“
angelegt wird. Das heißt wahrscheinlich: täglich fällig, mit mageren 1,75 Prozent verzinst.
Der Strafprozessordnung nach hätte Meinl die Kaution auch anders erlegen können: etwa in
„mündelsicheren Wertpapieren, nach dem Börsenkurs des Erlagstags berechnet“. Zertifikate der MEL
wären insofern kaum infrage gekommen.
http://www.profil.at/articles/0914/560/238513/julius-meinl-v-tiefpunkt-rekordkaution-unte
rsuchungshaft-ausreiseverbot