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Allianz Chefvolkswirt Heise: Konjunkturelle Lage im Euroraum hellt sich langsam auf
- Wirtschaft wird zwar 2013 im Durchschnitt um 0,3 Prozent schrumpfen, aber prognostiziertes Wachstum von 1,5 Prozent 2014 unterstreicht Aufwärtstendenz
- EZB bleibt weiter expansiv
- Auf institutioneller Seite noch viel zu tun, um Erfolg des Euro zu
sichern
Nach vielen Jahren einer starken Abwärtstendenz sind seit Anfang
2013 erste Hinweise auf eine Stabilisierung auch in den südlichen
Krisenländern Europas zu sehen. Im zweiten Quartal zeichnet sich
erstmals seit sieben Quartalen ein BIP-Zuwachs im Euroraum ab.
Zuversichtlich stimmt die Tatsache, dass weitreichende
realwirtschaftliche Anpassungen stattgefunden haben und manche
Ungleichgewichte schon beseitigt werden konnten. Ermutigend ist auch,
dass sich die Finanzmärkte seit der historischen Rede von Mario
Draghi im Juli 2012 eindrucksvoll verbessert haben. Auch das
Zinsniveau befindet sich in den "Problemländern" auf eher niedrigem
Niveau, ganz zu schweigen vom ultra-niedrigen Zinsniveau in
Deutschland und Österreich.
Im Gesamtjahr 2013 wird zwar die EWU-Wirtschaft im Durchschnitt
voraussichtlich um 0,3 Prozent schrumpfen. "Unsere
BIP-Wachstumsprognose 2014 von 1,5 Prozent macht aber die
Aufwärtstendenz sichtbarer", erklärte Prof. Dr. Michael Heise,
Chefvolkswirt der Allianz SE, am Donnerstag vor Journalisten.
Die EZB hat zugesagt, die unlimitierte Liquiditätsversorgung bis
Mitte 2014 beizubehalten. Angesichts der voraussichtlich nur
langsamen EWU-Konjunkturbelebung und der sich nur allmählich
schließenden Kapazitätsauslastungslücke, zusammen mit einer
Inflationsrate, die voraussichtlich weiter deutlich unter dem
EZB-Ziel von Preisstabilität liegen wird, dürfte auch der Leitzins
von derzeit 0,5 Prozent mindestens ebenso lange unverändert bleiben.
Heise: "Der jüngste Anstieg der Renditen wird sich angesichts der
Geldpolitik nicht unbegrenzt fortsetzen. Eine Übertreibung der Märkte
wäre ein Risiko sowohl für die Konjunktur als auch für die Sanierung
der Staatsfinanzen."
Wege aus der Krise
In seinem neuen Buch "Emerging from the Euro Debt Crisis - Making
the Single Currency Work" analysiert Michael Heise die
Lösungsmöglichkeiten, um aus der Krise zu kommen und den Euro
langfristig zum Erfolg zu machen. In der Schuldenkrise war die
Strategie richtig, mit Mitteln der EZB und der Rettungsschirme Zeit
zu kaufen und gleichzeitig strukturelle und wachstumsfördernde
Reformen und Konsolidierungsschritte voranzutreiben. Obwohl nach wie
vor noch viel zu tun ist, zeigen aber schon die bisherigen Schritte
jetzt eine gewisse Wirkung. "Die Kritik am Krisenmanagement der
letzten Jahre schießt vielfach übers Ziel hinaus. Die
Staatsschuldenproblematik traf Politik und Märkte gleichermaßen
unvorbereitet - angesichts der mangelnden Erfahrung mit einer Krise
dieser Dimension war ein Trial-and-Error-Verfahren wahrscheinlich
unvermeidbar", so Heise.
Trotz der starken Entspannung an den Euro-Finanzmärkten in den
letzten Monaten und der Fortschritte bei der Beseitigung von
Ungleichgewichten in den einzelnen Ländern, steht Europa noch immer
vor größten Herausforderungen. Um den langfristigen Erfolg des Euro
zu sichern, kommt es jetzt darauf an, die finanzpolitischen und
makroökonomischen Regeln institutionell zu verankern. Eine solche
sinnvolle europäische Integration setzt allerdings voraus, dass die
Menschen in Europa den demokratischen Entscheidungsprozessen und den
Institutionen auf europäischer Ebene wieder mehr Vertrauen schenken.
Es ist daher eine Reform der politischen Architektur Europas
erforderlich, die in einer öffentlichen Debatte zu bestimmen ist.
Klares Regelwerk und Sparen als notwendige Medizin
"In vielen Bereichen reichen die bisherigen Vereinbarungen nicht aus,
um den Euro wirklich zukunftsfest zu machen. Über den neuen
Stabilitäts- und Wachstumspakt hinaus muss unbedingt ein stringentes
fiskalpolitisches Regelwerk eingeführt werden, das es ermöglicht,
falls nötig, in die nationale Budgethoheit einzugreifen. Für Länder,
die ihren Verpflichtungen in der Währungsunion nicht nachkommen,
müssen klare Austrittsregeln ausgearbeitet und festgelegt werden.
Insgesamt müssen die Entscheidungsbefugnisse der EU-Institutionen
gestärkt werden. Und die beim letzten Gipfel erzielten Schritte hin
zu einer echten Bankenunion gehen nicht weit genug", so Heise.
Zum begonnenen Reform- und Konsolidierungskurs gibt es keine
Alternative. "Sparen ist eine bittere Medizin, die ein Land nehmen
muss, wenn der Kapitalkreislauf gestört ist. Natürlich ist es
wichtig, keine Überdosis zu verordnen, aber davon kann keine Rede
sein, vor allem weil der zeitliche Rahmen mehrfach gestreckt wurde",
sagte Heise. Wichtig ist es, beim Sparen nicht auf kurzfristige Ad
hoc-Maßnahmen, sondern auf ein mittelfristiges Konzept zu setzen. Vor
allem muss auf der Ausgabenseite angesetzt werden und der
Staatshaushalt nicht allein durch Steuererhöhungen saniert werden.
Wenn der Sparkurs mit einer wachstumsorientierten Reformpolitik
kombiniert wird, wirkt dies, wie viele Beispiele zeigen, nicht als
Konjunkturbremse, sondern stärkt im Gegenteil die
Wettbewerbsfähigkeit und führt zurück auf Wachstumskurs.
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