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CEE macht trotz Länderdifferenzen Fortschritte auf dem Weg zum Aufschwung
- Die Region passt sich an die schwächere Konjunktur ihrer Handelspartner
an, doch Wachstumsmuster wie in der Phase bis 2008 sind Geschichte
- Die Industrie verzeichnet, unterstützt durch Kapazitätsreserven und
eine höhere Wettbewerbsfähigkeit, schrittweise Verbesserungen, während
die Nachfrage weiterhin die größte Herausforderung bleibt
- Der Abfluss von Auslandskapital scheint abzuklingen und in vielen
Ländern schafft das Einlagenwachstum sogar einen gewissen Spielraum zur
Ausweitung der Kreditvergaben
Zentral- und Osteuropa macht trotz gewisser Beschränkungen Fortschritte
bei der Bewältigung seiner verschiedenen Wachstumsprobleme. Die Region
passt sich an die schwächere Konjunktur ihrer Handelspartner an. Zugleich
gibt es aber auch Anzeichen für eine Steigerung der Wirtschaftsaktivität.
Dies sind nur einige Kernaussagen der neuesten Ausgabe des "CEE Quarterly"
von UniCredit Economics.
Die Industrie lieferte im 1. Quartal 2013 eine bessere Performance ab als
zum Ende des Vorjahres, was großteils auf die Erholung der Kfz-Produktion
zurückzuführen ist. Der durchschnittliche EinkaufsManagerIndex für das
produzierende Gewerbe im 2. Quartal zeigt hingegen, dass nur die
Tschechische Republik die guten Resultate und steigenden Exporte aufrecht
erhalten konnte, während alle anderen Länder hinter die Performance des
Vorquartals zurückfielen. Für die Industrie werden nun weitere
Verbesserungen erwartet, doch diese werden wohl nur schrittweise und
bisweilen auch volatil ausfallen. Unterstützend dürften hier – trotz
des Einbruchs bei den ausländischen Direktinvestitionen in die
Produktionsbetriebe der Region – die verfügbaren Kapazitätsreserven und
die verbesserte Wettbewerbsfähigkeit wirken. Größte Herausforderung ist
und bleibt die schwache Nachfrage, die sich auch in einem Verlust von
Weltexportanteilen äußert.
Ähnlich wie in der Industrie kommt es auch bei den Auswirkungen der
Kreditvergaben auf die Inlandsnachfrage zu Verbesserungen. Diese treten
allerdings nur langsam und von Land zu Land ganz unterschiedlich ein.
„Der Abfluss von Auslandskapital hat deutlich nachgelassen, gleichzeitig
wachsen in vielen Ländern die Einlagen stärker als die Kredite. Daraus
ergibt sich ein gewisser Spielraum für neue Kredite, auch wenn sich das in
den neueren EU-Mitgliedstaaten erst langsam niederschlägt“, erklärt
Gillian Edgeworth, Chef-Ökonomin EEMEA bei UniCredit. Nur Bulgarien, die
Tschechische Republik, Polen und Litauen erzielen im Jahresabstand ein –
wenn auch schwaches - positives Kreditwachstum. Die größten Probleme sind
hier nach wie vor die große Zahl notleidender Kredite und die mangelnde
Kreditnachfrage.
In Ungarn, Lettland, Rumänien und Kroatien setzt sich der Rückgang bei
Kreditvergaben jetzt langsamer fort, nur in Rumänien und Kroatien ist die
Situation herausfordernd geblieben. Eine Ausnahme bilden die Türkei und
Russland, die ein stärkeres Kreditwachstum verzeichnen und wo weniger
Banken in ausländischem Eigentum stehen. Während in der Türkei wieder
mehr neue Kredite vergeben werden, schwächt sich das Kreditwachstum in
Russland aufgrund von Finanzierungs- und aufsichtsrechtlichen
Beschränkungen ab.
Zu den positiven Meldungen von der Industrie und vom Kreditmarkt gesellt
sich eine etwas behutsamere Haushaltskonsolidierung. Die Budgets der
meisten Länder erscheinen unproblematisch, wobei einige der jüngeren
EU-Mitgliedstaaten hier sogar die deutlichsten Verbesserungen erzielt
haben. So konnten etwa die Tschechische Republik, Ungarn und Rumänien ihr
strukturelles Budgetdefizit unter 3 Prozent des BIP drücken. Viele Länder
verlangsamen ihre Konsolidierungsbestrebungen, um die Wirtschaftsaktivität
anzukurbeln. In anderen Ländern wie Kroatien, Slowenien, Serbien und der
Ukraine besteht hingegen wegen der schwächeren Haushalts-Performance und
der drohenden oder tatsächlichen Überschreitung der Defizitziele nach wie
vor Konsolidierungsbedarf.
Glücklicherweise ermöglicht das aktuelle Inflationsumfeld einigen
Ländern eine Lockerung ihrer Geldpolitik. Der Inflationsdruck hat dank
gesunkener Ölpreise und einiger Preisregulierungen nachgelassen. Die
geringere Lebensmittelpreisinflation sorgt in Kombination mit der Erwartung
einer guten Ernte ebenfalls für ein günstigeres Inflationsumfeld. Viele
Länder setzen bereits wichtige Schritte zur Haushaltskonsolidierung, so
dass steuerliche Maßnahmen in Zukunft kein großes Inflationsrisiko mehr
darstellen werden. Doch ähnlich wie in anderen Bereichen der Wirtschaft
bestehen in der Region auch wesentliche Unterschiede, was die Fähigkeit
der Zentralbanken angeht, die Inflation auf den Zielwert zu drücken.
Während die Tschechische Republik und Polen das Ziel sogar unterschreiten,
haben die Türkei und Russland nach wie vor mit einer unerwünscht hohen
Inflation zu kämpfen.
Das größte Risiko für den Erholungspfad der Wirtschaft stellen die
ungünstigeren Bedingungen für Auslandsfinanzierungen dar. Da die
Risikofreude derzeit weltweit gedämpft ist, fließt weniger ausländisches
Kapital nach CEE. Die Region verzeichnet nach wie vor erhebliche Abflüsse
und so steigt auch das Risiko, dass die Länder ihre Schulden teurer
zurückzahlen müssen. Hier bestehen ebenfalls wesentliche Unterschiede
zwischen den CEE-Ländern. So waren die Portfolio-Zuflüsse in Polen und in
der Türkei beträchtlich. Auch Kroatien und Litauen sind von
ausländischen Kapitalzuflüssen abhängig.
Der Aufbau von Devisenreserven kann mit den Zuflüssen von Portfoliokapital
jedoch nicht Schritt halten. Die meisten Zentralbanken betreiben gar keine
Politik der Reservebildung, um mit den Portfolio-Zuflüssen Schritt zu
halten.
Trotz der bereits eingetretenen Verbesserungen der Wirtschaftsaktivität in
der Region und des nachlassenden Inflationsdrucks auf die Zentralbanken
muss doch jedes Land – auch hier infolge der großen regionalen
Unterschiede – selbst abschätzen, welche Risiken sich für die
Finanzstabilität ergeben und zu welchen geldpolitischen Konzepten und
Maßnahmen diese führen müssen. In Ländern, die bereits Maßnahmen zur
Erreichung ihres Inflationsziels und zur Schaffung der benötigten
Finanzstabilität gesetzt haben, also etwa in Polen, Ungarn und in der
Tschechischen Republik, kann die Geldpolitik somit gelockert werden.
„Die leichte Erholung, die wir derzeit in der Industrie der Region
feststellen, wird durch ungünstigere Bedingungen für
Auslandsfinanzierungen gefährdet. Darum ist der Aufbau von Puffern hier so
wichtig“, erklärt Gillian Edgeworth. In vielen Ländern sind die
Devisenreserven knapp und ungünstige Entwicklungen im In- und Ausland
könnten sich negativ auf das Finanzsystem auswirken. Die CEE-Länder
benötigen daher zur Stabilisierung ihres finanziellen Umfelds gewisse
Anker. Ein solcher Anker könnten die Programme des IWF sein, ein anderer
die EU-Bankenunion, die das Potenzial hat, die Glaubwürdigkeit der
Finanzsysteme zu stärken.
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