Industrie: Konjunkturabkühlung hält an
Das zurückliegende dritte Quartal war von
zunehmenden Konjunktursorgen geprägt. Zwar fiel das erste Quartal des
heurigen Jahres noch recht expansiv aus, doch verminderte sich die
Dynamik in den Folgequartalen erheblich, sodass die
Industriekonjunktur derzeit stagniert. Eine spürbare konjunkturelle
Belebung ist aus heutiger Sicht nicht vor dem zweiten Quartal 2013 zu
erwarten, so die zentralen Ergebnisse des aktuellen
Konjunkturbarometers der Industriellenvereinigung (IV) aus dem 3.
Quartal 2012.
"Die Eurozone ist erneut von einer Rezession betroffen. Das für
die USA gefürchtete Double Dip-Szenario ist nicht jenseits, sondern
vielmehr diesseits des Atlantiks Realität geworden", so der
Generalsekretär der Industriellenvereinigung (IV), Mag. Christoph
Neumayer. "Es ist die überdurchschnittlich starke Verflechtung der
heimischen Industrie mit der deutschen sowie der mittel- und
osteuropäischen Wirtschaft, welche Österreich bis dato vor einem
Abgleiten in die Rezession bewahrt hat. Wir erleben dennoch die
weitere Abkühlung der heimischen Industriekonjunktur."
Der Wert des IV-Konjunkturbarometers, welches als Mittelwert aus
den Beurteilungen der gegenwärtigen Geschäftslage und der
Geschäftslage in sechs Monaten bestimmt wird, reflektiert die
Abschwächung und fällt von +17 Punkten im zweiten auf nur noch +2
Punkte im dritten Quartal 2012 zurück.
Die Ergebnisse im Detail
Das außereuropäische Umfeld bietet in den kommenden Monaten nur
geringe Impulse für eine Belebung der Exportnachfrage. Zwar hat sich
die US-amerikanische Wirtschaft knapp oberhalb der Stagnation
eingependelt und der Immobilienmarkt scheint an Stabilität zu
gewinnen, doch geht die Erholung größtenteils am dortigen
Arbeitsmarkt vorbei. Mangels einer kurzfristigen Erholungsperspektive
hat sich die US-Notenbank daher zu einer erneuten Runde massiver
geldpolitischer Intervention (Quantitative Easing 3) entschlossen. In
China wiederum hält die Abschwächung des Wirtschaftswachstums
weiterhin an, sodass die chinesische Wirtschaftspolitik nunmehr neben
einer expansiven Geldpolitik auch auf zusätzliche fiskalpolitische
Impulse durch Infrastrukturinvestitionen setzt, um die Wachstumsziele
zu erreichen.
Der südeuropäische Euroraum befindet sich hingegen in einer
hartnäckigen Rezession. Noch dazu hat sich der finanzpolitische
Stress in Spanien sowohl im öffentlichen als auch im privaten Sektor
in den vergangenen Monaten weiter verschärft. Neben dem Zentralstaat
ist auch die regionale Ebene mit wachsenden budgetären
Schwierigkeiten konfrontiert. Noch düsterer ist die Lage in
Griechenland, wo die Schuldentragfähigkeit des Landes ohne
zusätzliche Maßnahmen neuerlich zweifelhaft erscheint.
Dennoch sind makroökonomische Lichtblicke festzustellen. Im
südeuropäischen Euroraum sind einerseits Fortschritte bei der
Lohnstückkostenentwicklung und damit bei der Wiederherstellung der
Wettbewerbsfähigkeit erreicht worden. Andererseits hat sich, bedingt
durch die konjunkturelle Schwäche, die Importnachfrage verringert,
sodass sich die Handelsbilanzen der betreffenden Länder zum Teil
erheblich verbessert haben.
"In starkem Gegensatz dazu hat die österreichische Wirtschaft
schon im Vorjahr das Vor-Krisen-Hoch aus dem Jahr 2008 übertroffen",
so IV-Chefökonom Dr. Christian Helmenstein. "Dies gilt für die
Ausbringungsleistung ebenso wie für die Exporte, für die
Bruttoverdienste von Arbeitern und Angestellten ebenso wie für die
Beschäftigung. Letztere erreicht in Österreich einen historischen
Höchststand - mehr als achtzigtausend zusätzliche unselbstständig
Beschäftigte gibt es derzeit bundesweit."
In Österreich berichtet angesichts des zunehmenden konjunkturellen
Gegenwindes nur noch etwas mehr als ein Drittel (35 Prozent) der
Unternehmen von einem guten Geschäftsverlauf. Mit einem dezidiert
schlechten Geschäftsgang sind 11 Prozent nach zuvor 7 Prozent der
Unternehmen konfrontiert, sodass die Einschätzung der derzeitigen
Geschäftslage in der Industrie mit +24 Punkten auf den niedrigsten
Stand seit 10 Quartalen fällt.
Noch erheblichere Einbußen sind bei der Einschätzung des weiteren
Konjunkturverlaufs zu verzeichnen. Die Erwartungskomponente mit
Sechs-Monats-Horizont verschlechtert sich auf -21 Punkte, den
niedrigsten Wert seit dem vierten Quartal 2008 (-38 Punkte).
Die für den weiteren Konjunkturverlauf besonders wichtigen
Auftragsbestände nehmen weiter auf ein inzwischen erheblich unter der
Normalauslastung liegendes Niveau ab. Der betreffende Saldo sinkt von
+39 Punkten auf +28 Punkte, bleibt aber deutlich oberhalb der
Nulllinie. Dieses Ergebnis ist auf eine erhebliche Streuung zwischen
den Respondenten zurückzuführen. Während zwei von fünf Unternehmen
nach wie vor von über das saisonübliche Maß hinausgehenden
Auftragsbeständen berichten, ist umgekehrt jedes achte Unternehmen
bereits mit einer erheblichen Unterauslastung konfrontiert. Im
Durchschnitt verringert sich die Auftragsreichweite in der
österreichischen Industrie jedoch mit zunehmendem Tempo.
Die schwache Importnachfrage aus weiten Teilen Europas schlägt
sich bei dem Saldo der Auslandsaufträge kräftig nieder - der Rückgang
fällt hier auf einen Wert von +19 Punkten nach +31 Punkte noch
ausgeprägter als bei den Gesamtauftragsbeständen aus.
Dementsprechend gestalten die Unternehmen ihre Produktionsplanung
auf Sicht der nächsten drei Monate weiterhin mit Zurückhaltung. In
saisonbereinigter Betrachtung bildet sich der Saldo für die
Ausbringungsmenge von +6 Punkten auf +2 Punkte zurück. Die
österreichische Industrieproduktion stagniert.
Wurde trotz abklingender Konjunkturdynamik vor dem Hintergrund des
Fachkräftemangels der Beschäftigtenstand bis in die Sommermonate
hinein auf hohem Niveau aufrecht gehalten, wirkt sich die
konjunkturelle Schwäche nunmehr auch erheblich auf die
Einstellungsneigung aus. Lediglich noch jedes vierzehnte Unternehmen
beabsichtigt seinen Beschäftigtenstand zu erhöhen, wohingegen circa
jedes dritte Unternehmen diesen zu verringern plant.
Bei der Ertragslage wirken einerseits die Rückgänge bei Rohstoff-,
Rohöl- und Vorproduktpreisen stabilisierend. Andererseits schlägt die
globale Nachfrageschwäche auf die erzielbaren Verkaufspreise durch
(Saldo -11 Punkte nach -6 Punkten im Vorquartal), sodass die Erträge
unter erheblichen Druck geraten (Saldo +6 nach +16). Weniger als ein
Viertel der Unternehmen kategorisiert die Ertragslage noch als gut,
hingegen bereits fast jedes fünfte als schlecht.
Mit Blick auf den Sechs-Monats-Horizont verdüstern sich die
Ertragsaussichten noch weiter - der Saldo fällt auf -8 Punkte nach
zuvor -1 Punkt. Auch dieses Ergebnis reflektiert die äußerst
verhaltenen Konjunkturaussichten für das nächste Semester.
Die IV-Konjunkturumfrage: Zur Befragungsmethode
An der jüngsten Konjunkturumfrage der Industriellenvereinigung
beteiligten sich 431 Unternehmen mit rund 279.100 Beschäftigten. Bei
der Konjunkturumfrage der IV kommt folgende Methode zur Anwendung:
den Unternehmen werden drei Antwortmöglichkeiten vorgelegt: positiv,
neutral und negativ. Errechnet werden die (beschäftigungsgewichteten)
Prozentanteile dieser Antwortkategorien, sodann wird der
konjunktursensible "Saldo" aus den Prozentanteilen positiver und
negativer Antworten unter Vernachlässigung der neutralen gebildet.