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Alle Augen auf Spanien
Nachdem das eine Billion Euro schwere Kreditprogramm der Europäischen
Zentralbank die globalen Finanzmärkte zunächst beruhigt zu haben
schien, steigen die Zinsen für die Staatspapiere Italiens und Spaniens
nun wieder an und bewegen sich inzwischen auf die Sechs-Prozent-Marke
zu.
Das mag zwar keine Belastungsgrenze sein, jenseits derer die
Schuldenlast untragbar wird. Immerhin hatten die Zinsen in Südeuropa
im Jahrzehnt vor der Einführung des Euro bei deutlich mehr als zehn
Prozent gelegen. Selbst Deutschland musste den Inhabern von
Staatsanleihen damals Zinsen von mehr als sechs Prozent zahlen.
Dennoch signalisieren die Märkte offenbar wachsende Zweifel, ob
Spanien und Italien ihre Schuldenlast werden tragen können und wollen.
Das Hauptproblem ist Spanien. Die private und öffentliche
Auslandsverschuldung Spaniens ist größer als die von Griechenland,
Portugal, Irland und Italien zusammen genommen, und sie liegt wie jene
von Portugal und Irland in der Gegend von 100 Prozent des
Bruttoinlandsprodukts (BIP) (genau 92%). Ein Viertel der
Erwerbspersonen und die Hälfte der Jugend Spaniens sind arbeitslos,
weil das Land durch den kreditfinanzierten Immobilienboom seine
Wettbewerbsfähigkeit verloren hatte. Das Leistungsbilanzbilanzdefizit
liegt trotz des rezessionsbedingten Rückgangs der Importe immer noch
bei 3,5 Prozent des BIP, und wegen der Wirtschaftsflaute wird Spanien
die Zielwerte der EU für das Budgetdefizit verfehlen.
Die spanischen Schulden im europäischen Zahlungssystem Target bei der
Europäischen Zentralbank wuchsen von Februar bis März um 65 Milliarden
Euro, weil eine Kapitalflucht in diesem Umfang kompensiert werden
musste. Target-Schulden entstehen bei der EZB durch Überweisungen
zwischen den Euro-Staaten. Seit Juli 2011 hat die spanische
Target-Schuld um 219 Milliarden Euro zugenommen. Die Kapitalflucht hat
den Kapitalimport der Jahre 2008 bis 2010 inzwischen vollkommen
kompensiert. Summiert vom Beginn des ersten Krisenjahres (2008) bis
jetzt hat Spanien sein gesamtes Leistungsbilanzdefizit mit der
Notenpresse finanziert.
In Italien, wo der Leistungsbilanzsaldo in den letzten zehn Jahren von
etwa plus zwei Prozent des BIP auf minus drei Prozent gefallen ist,
sieht es kaum besser aus. Dort wuchs die Target-Schuld von Februar auf
März um 76 Milliarden Euro und im April noch einmal um neun Milliarden
Euro. Seit Juli 2011 kamen insgesamt 263 Milliarden Euro zusammen.
Auch aus Italien flieht das Kapital nach den Maßnahmen der EZB noch
schneller als vorher.
Inzwischen ist klar, dass die EZB diese Kapitalflucht aus Ländern wie
Spanien und Italien großenteils selbst verursacht hat, denn der
billige Kredit, den sie bot, hat das private Kapital regelrecht in die
Flucht geschlagen. Zweck der Maßnahmen der EZB war es, wieder
Vertrauen zu schaffen und den Interbankenmarkt wiederherzustellen.
Dabei war sie offenkundig nicht besonders erfolgreich.
Und nun sieht es aus, als ob auch Frankreich wackelt. Durch die
Kapitalflucht vom Juli 2011 bis zum Februar 2012 sind die
französischen Target-Schulden um 86 Milliarden Euro gestiegen. Auch
Frankreich hat durch den billigen Kredit, den der Euro in den ersten
Jahren brachte, seine Wettbewerbsfähigkeit verloren. Nach einer gerade
veröffentlichten Studie von Goldman Sachs muss das französische
Preisniveau relativ zum Euro-Durchschnitt um gut 20 Prozent sinken.
Auch Frankreich muss also real abwerten, wenn es im Euro-Raum wieder
wettbewerbsfähig werden will.
Italien muss um zehn bis 15 Prozent abwerten und Spanien um rund 20
Prozent. Zwar müssen Griechenland und Portugal sogar um 30 bzw. 35
Prozent billiger werden, aber auch die Zahlen für Spanien und Italien
sind hoch genug, um Angst vor der weiteren Entwicklung der Euro-Zone
zu begründen. Nur unter großen Mühen und Inkaufnahme einer Stagnation
von einem Jahrzehnt lassen sich diese Ungleichgewichte abbauen, wenn
überhaupt. Für Griechenland und Portugal wird es eng in der Euro-Zone.
Viele wollen das Problem durch immer mehr billigen Kredit lösen, der
durch öffentliche Kanäle, seien es die Rettungsfonds, Euro-Bonds oder
die EZB, vom gesunden Kern der Euro-Zone in den problembelasteten
Süden geleitet wird. Aber dies würde die Sparer und Steuerzahler der
Kernländer in unfairer Weise zwingen, ihr Kapital dem Süden zu
Bedingungen zur Verfügung zu stellen, denen sie niemals freiwillig
zustimmen würden.
Schon bis heute sind die Ersparnisse der Deutschen zu 16.000 Euro, der
Holländer und Finnen sogar zu 18.000 Euro pro Erwerbstätigen von
marktgängigen Anlagen in bloße Ausgleichsforderungen gegen die EZB
verwandelt worden. Niemand weiß, was diese Forderungen noch wert sind,
sollte die Eurozone zerbrechen.
Vor allem aber würde die öffentliche Dauerversorgung mit billigem
Kredit zu einem Siechtum, wenn nicht zum wirtschaftlichen Kollaps
Europas führen, weil die Euro-Zone so zu einem
Zentralverwaltungssystem mit staatlicher Investitionssteuerung würde.
Ein solches System kann nicht funktionieren, weil es den Kapitalmarkt
als wichtigstes Steuerungssystem unserer Wirtschaftsordnung
ausschaltet. Man kann sich nur wundern, wie bedenkenlos sich die
europäischen Politiker auf diese schiefe Bahn begeben haben.
Hans-Werner Sinn
Professor für Nationalökonomie und Finanzwissenschaft Präsident des
ifo Instituts
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