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Aiginger: Österreich zählt zur Spitzengruppe, muss daher wie ein Spitzenland agieren
"Die negativen Einschätzungen unseres Landes sind nicht haltbar
- Österreich wird schlechter dargestellt als es ist" -
Professionelles Österreich-Marketing erforderlich
"Die Herausforderungen an Österreich durch
die Finanzmarktkrise sind größer als für andere Länder. Nachdem sich
Österreich in den vergangenen Jahren von einer Mittelposition zur
Spitzengruppe der europäischen Staaten emporgearbeitet hat, kann es
nicht mehr einfach abwarten, was andere tun, sondern muss selbst zum
Gestalter werden, etwa im Bereich der Innovationen oder im mittel-
und osteuropäischen Raum", erklärte der Chef des
Wirtschaftsforschungsinstituts (WIFO), Karl Aiginger, Sonntag Abend
in einem Gespräch mit Wirtschafts- und Tourismusjournalisten im
Arlberg Hospiz Hotel auf Einladung der Bundessparte Tourismus und
Freizeitwirtschaft.
Die Veränderung der Rahmenbedingungen trifft Österreich also im
besonderen Ausmaß, die frühere "mittlere Position" wird unhaltbar.
"Wir zählen wirtschaftlich zu den Top drei der EU, und müssen daher
auf die Veränderungen wie ein Spitzenland reagieren", präzisierte
Aiginger. Wenn Österreich an der Spitze bleiben will, müsse es die
anstehenden Probleme kompetent lösen.
Defizite sieht Aiginger speziell im Techniker- und
Facharbeitermangel: "Wir brauchen mehr Forschungszentren und mehr
Top-Ausbildung". Österreich leide unter dem Ungleichgewicht zwischen
der Arbeitslosigkeit bei unqualifizierten und dem Mangel an
qualifizierten Mitarbeitern. Die derzeitige Krise decke schonungslos
alle Schwächen auf, nicht nur jene in der Finanzwelt.
Wie Aiginger mehrmals betonte, gibt es ein Risiko für Österreich.
Die oft zu hörenden negativen Einschätzungen unseres Landes seien
aber nicht haltbar. Österreich werde in den internationalen Ratings
schlechter dargestellt als es tatsächlich ist. "Wenn wir hinter
Italien und Spanien eingestuft werden, ist das ein Witz!".
Um dieser einseitigen Sicht auf Österreich zu begegnen, sei
professionelles Österreich-Marketing erforderlich. "Es ist nicht in
den Köpfen der Welt drinnen, nicht mal in den Köpfen der Österreicher
selbst, dass wir zu den reichsten und stabilsten Ländern der Welt
zählen", kritisierte Aiginger. Gute Leistungen in der Forschung oder
anderen Wirtschaftsbereichen würden zu wenig erwähnt. "Keiner sagt,
Österreich ist ein Erfolgsfall". Warum könnte man beispielsweise
nicht auch beim Neujahrskonzert auf die wirtschaftlichen Leistungen
Österreichs hinweisen, stellte der WIFO-Chef zur Diskussion.
Auch angesichts der Unsicherheit, wie lange und tief die Krise
ist, dürfe man nicht auf das "Nachher" vergessen. Man müsse alles
tun, was erstens heute hilft, und zweitens für "nachher" die Position
Österreichs verbessert.
Die Krisenanalyse erlaube der Schluss, dass Österreich relativ gut
aufgestellt ist. Nach dem Ende der Krise werde die Welt zwar anders
aussehen als bisher. Die relativ gute Konkurrenzposition Österreichs
werde jedoch erhalten bleiben. "Wenn man jetzt ein paar richtige
Lehren zieht, so bin ich zuversichtlich, dass wir die nächsten 50
Jahre ohne große, weltweite Wirtschaftskrise auskommen werden",
schloss Aiginger.
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