Editiert am 04-10-05 um 10:16 PM durch den Thread-Moderator oder
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"Oekonimische Verflechtungen sind das beste Mittel gegen Krieg und fuer
Voelkerverstaendigung." ?
Ist eventuell ein homöopathisches Mittel: "Befriedige Deine
Handelspartner, auf daß sie Dir ökonomisch nicht nachstehen, dann haben sie keinen Grund, Dich zu
überfallen!"
Oder besser: "Mach Dir Deine Handelspartner untertan, auf daß Du der
Hauptnutznießer dieser Beziehung bist!" ?
Das Römische Reich hat üblicherweise mit den
zukünftigen Kolonien vor dem Einmarsch erfolgreich Handel und Kulturaustausch getrieben. Mit den
Galliern wie mit den Germanen.
Über Handel und Kulturaustausch haben schon viele Völker ohne
Zivilisation prächtige Städte kennen und lieben gelernt, sodaß sie sie unbedingt haben wollten.
Die Indianer haben anfangs auch schöne Glasperlen für ihr Gold und ihre Felle bekommen. Als sie
dann unmäßig wurden und glaubten, daß ihnen mehr zustünde, der Handelspartner aber nicht mehr geben
wollte, hat es viel Unfrieden gegeben, der bis zur Ausrottung vieler Völker geführt hat.
Die
deutschen Siedler haben den Herero auch Vieh zu einem von einer Seite als fair betrachteten Preis
abgekauft. Die anderen fühlten sich übervorteilt und wollten sich das Restgeld holen. Die Käufer
wollten es nicht hergeben, es hat Tote gegeben, und die Armee ist aus Europa gekommen und hat Frieden
gemacht. Mit vielen Tausend Toten.
Die Ostindische Handelskompanie war auch nicht ein reines
Wirtschaftsunternehmen. Sie brauchten Soldaten zur Sicherung ihrer Handelsposten, es durften die
ortsansässigen Völker nicht Herren im eigenen Land bleiben.
Die Japaner bauten eine
Eisenbahn durch die Mandschurei, die Eisenbahngesellschaft als 100%-Tochtergesellschaft des Reiches
übernahm Bergwerke und große Gebiete, beschäftigte viele Hunderttausend Soldaten, um ihre Erwerbungen
zu schützen. Alles legitim, schrieb der europäische Reisende 1930, schließlich müssen sie ihr
Eigentum ja vor der Lokalbevölkerung beschützen, denen sie gerade Wohlstand bringen, und die Chinesen
wären so dumm, sie verstünden noch gar nicht, welch ein Segen die uneigennützige japanische
Entwicklungshilfe für sie bedeutet.
Fazit: Wenn sich zwei kennenlernen, und der eine glaubt,
dem anderen ginge es relativ zu gut, er solle was abgeben, oder der andere glaubt, der eine müsse dem
anderen untertan sein, damit es dem anderen gut geht, dann nützt es gar nichts, daß sich die beiden
friedlich über die Wirtschaft kennengelernt haben.
Ist jetzt nicht direkt auf die Türkei
gemünzt, mit der Türkei ist es ja schon zu einem größeren Bevölkerungsaustausch gekommen, d.h. sie
sind hier, man kriegt frisches Fladenbrot um 0,50 Euro bei ihnen, und Gewürze, die man im einheimischen
Supermarkt nicht kriegt, und auf der anderen Seite sind sie auch Konsumenten (die Glücksspielhöllen im
Prater könnten von den Österreichern alleine nicht leben). Man muß sich also arrangieren, den
Tatsachen ins Auge blicken.
Was mir nur nicht gefällt, sind die Drohungen "Wenn Ihr uns nicht
reinlaßt, werdet Ihr es bitter bereuen!"
Ich weiß nicht, ob die EU ein Segen für die
Türken sein wird. Wie werden sie reagieren, wenn Brüssel ihnen plötzlich vorschreibt, wegen der
Postliberalisierung pro Wohnung einen neuen Postkasten um 84 Euro mit 30.000 Euro Strafandrohung bei
Nichtbefolgung zu montieren, oder wenn Brüssel vorschreibt, daß jedes Haus und jede Wohnung einen
teuren Energieausweis braucht? Wenn man ihnen die Holzheizungen wegnehmen will, wenn man die letzten
Bergsiedlungen mit teuren Kanälen und Kläranlagen zwangsbeglückt und dementsprechend die öffentlichen
Abgaben erhöht?
Außerdem: Nicht alles Geld, das aus Brüssel in ärmere Gegenden fließt,
ist dort gut angelegt. Es wird auch vieles für Prestigeprojekte vergeudet, außerdem werden wegen der
nötigen Kofinanzierung durch Staat und Gemeinde viele Gegenden auch weiterhin keinen Gewinn aus der
Gemeinschaft haben, nur viele weitere Vorschriften. Viele Firmen werden pleite gehen, weil sie die
Liberalisierung nicht aushalten. Und andere gewinnen und werden immer reicher.
Solche
Umwälzungen muß ein Land erst einmal aushalten können!
Präsident Chirac hat die Türkei
heute eh zu einer "Kulturrevolution" aufgefordert. Was immer er damit gemeint haben möge ...