Kondratieff-Zyklus | aktie.at Forum
Kondratieff-Zyklus interessant
Rang: el_gato(11) ProfilBuddyIgnorieren (am 21.2.09 13:49)


Kann es sein, dass es wirklich "lange Wellen der Konjunktur" gibt? Gab es wirklich 5 Zyklen bisher und steht der 6. vor der Tür? Bringt er gesellschaftliche Veränderungen, wie von manchen Kondratieff-Experten geschrieben? Wird es das Gesundheitswesen sein (mit Bio/Nano-Technologie, Umwelt, usw.) sein, welches den nächsten Zyklus trägt?

Ehrlich gesagt, habe ich mich damit noch nicht wirklich beschäftigt, es klingt aber interessant. Habt euch ihr mit dem Thema schon auseinandergesetzt?

Ich stelle mal diesen Artikel rein als Grundlage für die Diskussion.

mfg
el gato

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Der Gesundheitsmarkt – die Wachstumslokomotive für
das 21. Jahrhundert
© Leo A. Nefiodow

Die Marktwirtschaft kennt keinen gleichförmigen Verlauf, vielmehr wechseln Aufschwung und Abschwung, Konjunktur und Rezession einander regelmäßig ab. Kurze und mittlere Wirtschaftsschwankungen mit einer Dauer von 3-11 Jahren sind aus der Erfahrung allgemein bekannt. In der Marktwirtschaft treten aber auch lange Schwankungen mit einer Periode von 40-60 Jahren auf. Sie werden Kondratieffzyklen genannt. Auslöser dieser langen Wellen sind bahnbrechende Erfindungen, die sogenannten Basisinnovationen (siehe Abbildung).


http://www.kondratieff.net/welle.jpg.png

Quelle: Leo A. Nefiodow: Der sechste Kondratieff. Wege zur Produktivität und Vollbeschäftigung im Zeitalter der Information.
Sankt Augustin, 2001



Die bisherigen Kondratieffzyklen

Seit dem späten 18. Jahrhundert haben fünf Kondratieffzyklen stattgefunden. Der erste Langzyklus wurde durch die Erfindung der Dampfmaschine und ihre Anwendung insbesondere in der Textilindustrie ausgelöst. Der zweite Kondratieffzyklus war die große Zeit des Stahls. Der Dritte kam durch die elektrotechnische und chemische Industrie zustande. Es war der erste Langzyklus, der von der praktischen Anwendung wissenschaftlicher Erkenntnisse profitierte. Die Basisinnovationen des vierten Kondratieffs waren Petrochemie und Automobil. Sie brachten den Massenverkehr auf der Straße und in der Luft und markierten zugleich den Höhepunkt der Industriegesellschaft. Seit den 1970er Jahren befindet sich die Weltwirtschaft im fünften Kondratieffzyklus, der seine Antriebsenergie aus der Entwicklung und Verwertung der Informationstechnik bezieht.

Kondratieffzyklen sind nicht nur lange Wellen der Konjunktur, sie sind Reorganisationsprozesse der ganzen Gesellschaft. Im vierten Kondratieffzyklus z.B. wachsen die Automobilhersteller zu Weltkonzernen heran und die gesamte Gesellschaft organisiert sich neu, um das Nutzungspotenial des Autos zu erschließen. Für die Stahlindustrie und Mineralölwirtschaft sind die Automobilhersteller die wichtigsten Kunden. Die Bauwirtschaft profitiert vom Bau von Straßen, Autobahnen, Brücken und Garagen; die Banken von den Krediten, die sie an Hersteller und Käufer vergeben, die Versicherungen profitieren von der Kfz-Versicherung, der Tourismus von der Mobilität, die das Auto ermöglicht, ebenso der gesamte Handel, das moderne Transportwesen, die Fahrschulen, Autobilclubs und Autokinos. Ein neues Rechtssystem - das Verkehrsrecht - mußte geschaffen werden, um den geordneten Umgang mit Kraftfahrzeugen zu gewährleisten. Und wenn Autos genutzt werden, kommt es zu Unfällen; um sie zu regulieren, braucht man Sachverständige, Rechtsanwälte, Richter und Reparaturwerkstätte. Das Auto war Voraussetzung für den fünften Kondratieffzyklus, denn ohne ein flexibles Transportmittel könnten die Millionen von PCs, Drucker, Bildschirme usw. gar nicht in die Haushalte, Fabriken und Büros transportiert werden.


Wachstumsreserve Gesundheit

Nachdem der größte Teil des Nutzungspotentials des fünften Kondratieffzyklus zur Jahrhundertwende erschlossen ist, nähert sich dieser Langzyklus rapide seinem Ende. Parallel zum Auslauf des fünften hat der sechste Kondratieff begonnen. Eine genaue Analyse zeigt, daß der Gesundheitssektor der Träger des nächsten Langzyklus sein wird. Basisinnovationen werden die psychosoziale Gesundheit und die moderne Biotechnologie sein (siehe Abbildung). Während die Biotechnologie schwerpunktmäßig den Umgang mit körperlicher Gesundheit revolutionieren wird, sollen mit der psychosozialen Gesundheit die bisher wenig erforschten inneren Informationsprozesse im Menschen, das weite Feld der seelischen und sozialen Potentiale besser verstanden und erschlossen werden.

Kann der Gesundheitssektor in Zukunft die Rolle einer Lokomotive für Wachstum und Beschäftigung übernehmen? Krankheitskosten gelten ja normalerweise als etwas Negatives, als Kostenfaktor, den man möglichst niedrig halten möchte. Auf den ersten Blick kann man durchaus bezweifeln, daß Gesundheit sich zu einem bedeutenden Wachstumsmotor entwickeln wird, denn lange Phasen der Prosperität wurden bisher von “harten” Technologien wie Dampfmaschine, Eisenbahn, Automobil, Informationstechnik getragen (siehe Abbildung). Wie kann ein “weicher”, ein biologischer, psychischer und sozialer Faktor Träger eines neuen Wachstumszyklus werden?

Hier muß an die Ergebnisse der modernen Wachstumstheorien erinnert werden. Die wichtigsten Quellen des Wirtschaftswachstums sind nicht Maschinen, Waren, Technologien, Dienstleistungen, nicht Menschenmassen und auch nicht Kapital. Der wichtigste Faktor sind Produktivitätsfortschritte. Dieser dritte Faktor (neben Arbeit und Kapital) wird durch eine neue oder verbesserte Kompetenz bestimmt. In der Industriegesellschaft wie auch noch zu Beginn des fünften Kondratieff spielte kognitive Kompetenz (z.B. logisches-systematisches Denken und eine gute Fachausbildung) eine zentrale Rolle.

Mit dem nächsten, den sechsten Kondratieffzyklus wird es zu einer grundlegenden Veränderung in den produktivitätsbestimmenden Kompetenzen und Wettbewerbsfaktoren kommen. Technologie z.B. ist weltweit verfügbar und bringt in der Konkurrenz der ökonomisch entwickelten Ländern keinen relevanten Vorsprung mehr. Auch der Zugriff auf Kapital schafft keine relevanten Vorteile mehr, da die Börsen der Welt ab einer bestimmten Größe jeder Firma zur Verfügung stehen. Und auch Forschung, Entwicklung, Fachwissen und Organisation - und das ist das Neue - bringen im Wettbewerb immer weniger komparative Vorteile, weil sie sich im Zuge der Globalisierung weltweit angleichen.

Was die Unternehmen und Volkswirtschaften im Wettbewerb der Zukunft unterscheiden wird, ist die Gesundheit ihrer Menschen und die Qualität ihres Gesundheitswesens, ganzheitlich gesehen: körperlich, seelisch, geistig, sozial und ökologisch.


Gesundheit – der neue Megamarkt des 21. Jahrhunderts

Das herkömmliche Gesundheitswesen kann in seiner derzeitigen Struktur kein Träger des sechsten Kondratieffs sein. Es ist mit zu vielen internen Problemen belastet: starke innovationshemmende Partikularinteressen, unzureichendes Gesundheitswissen, zu viel Burokratie, zu viel Verschwendung von Ressourcen, zu wenig Aufklärung und Prävention. Das herkömmliche Gesundheitswesen ist darauf fokussiert, mit Hilfe von Naturwissenschaft, Mechanik und Technik Krankheiten zu erforschen, zu diagnostizieren, zu behandeln und zu verwalten. Behandelt werden vor allem Symptome, weniger die Krankheitsursachen. Unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten ist die einseitige Ausrichtung auf Krankheiten für die Gesellschaft insgesamt teuer und schädlich, weil dadurch die meisten Akteure finanziell auf eine ausreichende Zahl von Kranken und Krankheiten angewiesen sind und kein wirkliches Interesse an einer gesunden Bevölkerung haben können. So zynisch es klingt: Wachstum im derzeitigen "Gesundheitswesen" kann praktisch nur stattfinden, wenn es noch mehr Kranke und noch mehr Krankheiten gibt.

Und die Zahl der Erkrankungen nimmt seit Jahrzehnten ständig zu, bedingt zum Teil durch das Älterwerden der Menschen, vor allem aber durch den moderne Lebens-, Arbeits- und Ernährungsstil. Jeder vierte Jugendliche in Europa leidet unter Allergien, in zehn Jahren soll es jeder zweite sein. Asthma unter Jugendlichen hat in den USA im Zeitraum 1980-1994 um 75 Prozent zugenommen. Die Zahl der Diabetiker wird sich in den nächsten zehn Jahren weltweit verdoppeln. Den wachsenden Kosten im Gesundheitswesen kann nicht mit einem Ausbau des derzeitigen kurativen Therapieangebotes wirksam begegnet werden.

In der Umstrukturierung des Gesundheitswesen von Krankheits- auf Gesundheitsorientierung schlummern deshalb die größten Produktivitätsreserven. Um diese Ressourcen zu erschließen, werden neue Konzepte, Strategien und Angebote benötigt, die nicht auf die Reparatur von Krankheiten, sondern auf die Herstellung und Erhaltung von Gesundheit und Wohlbefinden ausgerichtet sind und den Menschen ganzheitlich ernst nehmen.


Quelle: Leo A. Nefiodow: Der sechste Kondratieff. Wege zur Produktivität und Vollbeschäftigung im Zeitalter der Information. Rhein-Sieg Verlag. Sankt Augustin. Sechste Auflage 2006. Preis: 24 Euro. 317 Seiten mit 83 Abbildungen und 28 Tabellen. Hardcover. ISBN 3-9805144-5-5

  

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Antworten zu diesem Thema

RE: Kondratieff-Zyklus
Rang: BBio(140) ProfilBuddyIgnorieren (am 02.1.08 09:05)

Das Biozeugs ist eher Mode als Megatrend, fürchte ich.
Es geht nichts und nichts weiter in der Forschung.

  

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RE: Kondratieff-Zyklus gut analysiert
Rang: Hagen(760) ProfilBuddyIgnorieren (am 02.1.08 09:47)

Die Existenz von Kontratieff-Zyklen halte ich für sehr wahrscheinlich. Alleine daß man 5 lange Zyklen beobachtet hat bedeutet noch nichts, aber ich finde die Theorie mit revolutionären Technologieschüben recht plausibel.

Die Länge der Zyklen würde ich aber nicht einmal annähernd als fix sehen, schließlich bestehen sie aus einer Überlagerung einer Vielzahl von teils gegenläufigen kleineren Zyklen. Ob ein Zyklus also 40, 80 oder 100 Jahre dauert, kann man erst hinterher sagen. Insoferne halte ich die Aussage, daß der aktuelle Zyklus gerade zu Ende geht, für problematisch.

Nach meinem Gefühl befinden wir uns mitten im Informationszeitalter. Der unglaubliche Sprung in Geschwindigkeit, Zuverlässigkeit und Verbilligung von elektronischer Kommunikation führt zu einer starken und schnellen Integration von räumlich weit entferneten Wirtschaftsräumen, zu Arbeitsteilung, zur tendenziellen Entmachtung der wirtschaftlich üblicherweise schädlichen Politik. Also das, was man als Globalisierung zusammenfasst. Mancher fürchtet sich davor, aber auch Dampfmaschine und Eisenbahn stießen seinerzeit auf gewaltige Widerstände.

Verbesserte Gesundheit ist sicher auch ein Faktor. Sie hilft einerseits natürlich den betroffenen Personen zu einem längeren und angenehmeren Leben, andererseits hilft sie, die angebliche Gefahr einer Überalterung der Gesellschaft zu relativieren. Heute ist man mit 70 oder 80 nicht zwangsläufig ein Pensionist oder Pflegefall. Es gibt 83 jährige, die so gesund sind, daß man sie sogar das Neujahrskonzert dirigieren läßt. Natürlich wäre es schön, diese Grenze weiter nach oben zu drücken, aber eine Revolution sehe ich darin nicht, sondern eine seit über einem Jahrhundert andauernde kontinuierliche Entwicklung.

  

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