Kann es sein, dass es wirklich "lange Wellen der Konjunktur" gibt? Gab es wirklich 5 Zyklen bisher
und steht der 6. vor der Tür? Bringt er gesellschaftliche Veränderungen, wie von manchen
Kondratieff-Experten geschrieben? Wird es das Gesundheitswesen sein (mit Bio/Nano-Technologie, Umwelt,
usw.) sein, welches den nächsten Zyklus trägt?
Ehrlich gesagt, habe ich mich damit noch
nicht wirklich beschäftigt, es klingt aber interessant. Habt euch ihr mit dem Thema schon
auseinandergesetzt?
Ich stelle mal diesen Artikel rein als Grundlage für die Diskussion.
mfg
el gato
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Der Gesundheitsmarkt
– die Wachstumslokomotive für
das 21. Jahrhundert
© Leo A. Nefiodow
Die
Marktwirtschaft kennt keinen gleichförmigen Verlauf, vielmehr wechseln Aufschwung und Abschwung,
Konjunktur und Rezession einander regelmäßig ab. Kurze und mittlere Wirtschaftsschwankungen mit einer
Dauer von 3-11 Jahren sind aus der Erfahrung allgemein bekannt. In der Marktwirtschaft treten aber auch
lange Schwankungen mit einer Periode von 40-60 Jahren auf. Sie werden Kondratieffzyklen genannt.
Auslöser dieser langen Wellen sind bahnbrechende Erfindungen, die sogenannten Basisinnovationen (siehe
Abbildung).
http://www.kondratieff.net/welle.jpg.png
Quelle: Leo A. Nefiodow: Der
sechste Kondratieff. Wege zur Produktivität und Vollbeschäftigung im Zeitalter der Information.
Sankt Augustin, 2001
Die bisherigen Kondratieffzyklen
Seit dem
späten 18. Jahrhundert haben fünf Kondratieffzyklen stattgefunden. Der erste Langzyklus wurde durch die
Erfindung der Dampfmaschine und ihre Anwendung insbesondere in der Textilindustrie ausgelöst. Der zweite
Kondratieffzyklus war die große Zeit des Stahls. Der Dritte kam durch die elektrotechnische und
chemische Industrie zustande. Es war der erste Langzyklus, der von der praktischen Anwendung
wissenschaftlicher Erkenntnisse profitierte. Die Basisinnovationen des vierten Kondratieffs waren
Petrochemie und Automobil. Sie brachten den Massenverkehr auf der Straße und in der Luft und markierten
zugleich den Höhepunkt der Industriegesellschaft. Seit den 1970er Jahren befindet sich die
Weltwirtschaft im fünften Kondratieffzyklus, der seine Antriebsenergie aus der Entwicklung und
Verwertung der Informationstechnik bezieht.
Kondratieffzyklen sind nicht nur lange Wellen der
Konjunktur, sie sind Reorganisationsprozesse der ganzen Gesellschaft. Im vierten Kondratieffzyklus z.B.
wachsen die Automobilhersteller zu Weltkonzernen heran und die gesamte Gesellschaft organisiert sich neu,
um das Nutzungspotenial des Autos zu erschließen. Für die Stahlindustrie und Mineralölwirtschaft sind
die Automobilhersteller die wichtigsten Kunden. Die Bauwirtschaft profitiert vom Bau von Straßen,
Autobahnen, Brücken und Garagen; die Banken von den Krediten, die sie an Hersteller und Käufer
vergeben, die Versicherungen profitieren von der Kfz-Versicherung, der Tourismus von der Mobilität, die
das Auto ermöglicht, ebenso der gesamte Handel, das moderne Transportwesen, die Fahrschulen,
Autobilclubs und Autokinos. Ein neues Rechtssystem - das Verkehrsrecht - mußte geschaffen werden, um den
geordneten Umgang mit Kraftfahrzeugen zu gewährleisten. Und wenn Autos genutzt werden, kommt es zu
Unfällen; um sie zu regulieren, braucht man Sachverständige, Rechtsanwälte, Richter und
Reparaturwerkstätte. Das Auto war Voraussetzung für den fünften Kondratieffzyklus, denn ohne ein
flexibles Transportmittel könnten die Millionen von PCs, Drucker, Bildschirme usw. gar nicht in die
Haushalte, Fabriken und Büros transportiert werden.
Wachstumsreserve Gesundheit
Nachdem der größte Teil des Nutzungspotentials des fünften Kondratieffzyklus zur
Jahrhundertwende erschlossen ist, nähert sich dieser Langzyklus rapide seinem Ende. Parallel zum Auslauf
des fünften hat der sechste Kondratieff begonnen. Eine genaue Analyse zeigt, daß der Gesundheitssektor
der Träger des nächsten Langzyklus sein wird. Basisinnovationen werden die psychosoziale Gesundheit und
die moderne Biotechnologie sein (siehe Abbildung). Während die Biotechnologie schwerpunktmäßig den
Umgang mit körperlicher Gesundheit revolutionieren wird, sollen mit der psychosozialen Gesundheit die
bisher wenig erforschten inneren Informationsprozesse im Menschen, das weite Feld der seelischen und
sozialen Potentiale besser verstanden und erschlossen werden.
Kann der Gesundheitssektor in
Zukunft die Rolle einer Lokomotive für Wachstum und Beschäftigung übernehmen? Krankheitskosten gelten
ja normalerweise als etwas Negatives, als Kostenfaktor, den man möglichst niedrig halten möchte. Auf
den ersten Blick kann man durchaus bezweifeln, daß Gesundheit sich zu einem bedeutenden Wachstumsmotor
entwickeln wird, denn lange Phasen der Prosperität wurden bisher von “harten” Technologien wie
Dampfmaschine, Eisenbahn, Automobil, Informationstechnik getragen (siehe Abbildung). Wie kann ein
“weicher”, ein biologischer, psychischer und sozialer Faktor Träger eines neuen Wachstumszyklus
werden?
Hier muß an die Ergebnisse der modernen Wachstumstheorien erinnert werden. Die
wichtigsten Quellen des Wirtschaftswachstums sind nicht Maschinen, Waren, Technologien, Dienstleistungen,
nicht Menschenmassen und auch nicht Kapital. Der wichtigste Faktor sind Produktivitätsfortschritte.
Dieser dritte Faktor (neben Arbeit und Kapital) wird durch eine neue oder verbesserte Kompetenz bestimmt.
In der Industriegesellschaft wie auch noch zu Beginn des fünften Kondratieff spielte kognitive Kompetenz
(z.B. logisches-systematisches Denken und eine gute Fachausbildung) eine zentrale Rolle.
Mit
dem nächsten, den sechsten Kondratieffzyklus wird es zu einer grundlegenden Veränderung in den
produktivitätsbestimmenden Kompetenzen und Wettbewerbsfaktoren kommen. Technologie z.B. ist weltweit
verfügbar und bringt in der Konkurrenz der ökonomisch entwickelten Ländern keinen relevanten Vorsprung
mehr. Auch der Zugriff auf Kapital schafft keine relevanten Vorteile mehr, da die Börsen der Welt ab
einer bestimmten Größe jeder Firma zur Verfügung stehen. Und auch Forschung, Entwicklung, Fachwissen
und Organisation - und das ist das Neue - bringen im Wettbewerb immer weniger komparative Vorteile, weil
sie sich im Zuge der Globalisierung weltweit angleichen.
Was die Unternehmen und
Volkswirtschaften im Wettbewerb der Zukunft unterscheiden wird, ist die Gesundheit ihrer Menschen und die
Qualität ihres Gesundheitswesens, ganzheitlich gesehen: körperlich, seelisch, geistig, sozial und
ökologisch.
Gesundheit – der neue Megamarkt des 21. Jahrhunderts
Das
herkömmliche Gesundheitswesen kann in seiner derzeitigen Struktur kein Träger des sechsten Kondratieffs
sein. Es ist mit zu vielen internen Problemen belastet: starke innovationshemmende Partikularinteressen,
unzureichendes Gesundheitswissen, zu viel Burokratie, zu viel Verschwendung von Ressourcen, zu wenig
Aufklärung und Prävention. Das herkömmliche Gesundheitswesen ist darauf fokussiert, mit Hilfe von
Naturwissenschaft, Mechanik und Technik Krankheiten zu erforschen, zu diagnostizieren, zu behandeln und
zu verwalten. Behandelt werden vor allem Symptome, weniger die Krankheitsursachen. Unter wirtschaftlichen
Gesichtspunkten ist die einseitige Ausrichtung auf Krankheiten für die Gesellschaft insgesamt teuer und
schädlich, weil dadurch die meisten Akteure finanziell auf eine ausreichende Zahl von Kranken und
Krankheiten angewiesen sind und kein wirkliches Interesse an einer gesunden Bevölkerung haben können.
So zynisch es klingt: Wachstum im derzeitigen "Gesundheitswesen" kann praktisch nur stattfinden, wenn es
noch mehr Kranke und noch mehr Krankheiten gibt.
Und die Zahl der Erkrankungen nimmt seit
Jahrzehnten ständig zu, bedingt zum Teil durch das Älterwerden der Menschen, vor allem aber durch den
moderne Lebens-, Arbeits- und Ernährungsstil. Jeder vierte Jugendliche in Europa leidet unter Allergien,
in zehn Jahren soll es jeder zweite sein. Asthma unter Jugendlichen hat in den USA im Zeitraum 1980-1994
um 75 Prozent zugenommen. Die Zahl der Diabetiker wird sich in den nächsten zehn Jahren weltweit
verdoppeln. Den wachsenden Kosten im Gesundheitswesen kann nicht mit einem Ausbau des derzeitigen
kurativen Therapieangebotes wirksam begegnet werden.
In der Umstrukturierung des
Gesundheitswesen von Krankheits- auf Gesundheitsorientierung schlummern deshalb die größten
Produktivitätsreserven. Um diese Ressourcen zu erschließen, werden neue Konzepte, Strategien und
Angebote benötigt, die nicht auf die Reparatur von Krankheiten, sondern auf die Herstellung und
Erhaltung von Gesundheit und Wohlbefinden ausgerichtet sind und den Menschen ganzheitlich ernst nehmen.
Quelle: Leo A. Nefiodow: Der sechste Kondratieff. Wege zur Produktivität und
Vollbeschäftigung im Zeitalter der Information. Rhein-Sieg Verlag. Sankt Augustin. Sechste Auflage 2006.
Preis: 24 Euro. 317 Seiten mit 83 Abbildungen und 28 Tabellen. Hardcover. ISBN 3-9805144-5-5