Black Day - Millisekundenpleite an den Finanzmärkten (Erzählung)
2006-09-10 12:42:00
Eine Erzählung von Artur P. Schmidt
Wir schreiben das Jahr 2007 an den internationalen
Finanzmärkten. Am 18. Oktober beträgt die Stock-Market Time – 28 %. Der bis dato höchste
Tagesverlust in der Geschichte der New Yorker Stock Exchange. Der Tag, an dem die ersten Banken
kollabierten und Hedgefonds-Manager den kollektiven Herzinfarkt bekamen.
Doch zurück zur
Gegenwart. Wie kommen wir in das Jahr 2007. Nun, es ist wie immer im Leben: die Naturgesetze helfen uns.
Ein riesiges schwarzes Loch, d.h. eine gigantische Raumkrümmung mit soviel Energie, dass kein
Lichtstrahl aus ihr heraustreten kann, ermöglicht uns die Zeitreise in das Universum der
Finanzjongleure.
Lassen Sie uns jetzt "life" deren Untergang der alten und die Geburt einer
wirklich neuen Ökonomie erleben. Nehmen wir die Herausforderung der Zukunft an und katapultieren wir uns
in die Geschehnisse von Schumpeterscher Tragweite: der Zerstörung der Pax Americana und die Geburt der
zinslosen Ökonomie.
Captain Greenspan hat das sinkende Schiff längst verlassen und ist
irgendwo in der New Yorker South Bronx untergetaucht. Niemand weiß, wo er sich befindet. Der Altmeister
der Bubbles hat sich lautlos aus dem Finanz-Nirwana der amerikanischen Schulden-Ökonomie verabschiedet.
Dr. Copper hat es immer schon gewusst: Man muss auf steigende Rohstoffe setzen. Er hat die
Leitung der Federal Reserve übernommen und berät nun persönlich und direkt den Präsidenten der
Vereinigten Staaten von Amerika.
Anmerkung des Verfassers:
Diese Kurzgeschichte ist dem
wohl berühmtesten aller Trader, Jesse Livermore, gewidmet. Ähnliches wie das, was hier beschrieben
wird, vollzog sich bereits in den 20er Jahren an der Wall Street, in den 90er am japanischen Aktienmarkt
und ab dem Jahr 2000 an der Nasdaq. Doch zukünftige Crashs werden noch viel schneller und dramatischer
ablaufen. Während sich früher starke Kursverluste erst in Monaten aufbauten, rauschen die Kurse heute
um 30 bis 40 % innerhalb einiger Handelsminuten in den Keller, d.h. es finden so genannte
Millisekundenpleiten statt (Das Phänomen der Millisekundenpleite).
Da sich immer mehr Geld
in den Händen von immer weniger Personen befindet, ist es möglich, dass Einzelinvestoren, die mit
großen Kapitalsummen bei starken Abwärtstrends richtig im Markt liegen, am unausweichlichen Tag der
Abrechnung, wie einst Jesse Livermore, zu den reichsten Menschen des Planeten gehören werden. Ein
weiterer Effekt, der sich mit der Echtzeit-Dynamik an den Finanzmärkten verbünden kann, ist derjenige,
den wir bei Domino-Steinen beobachten können. Wenn einzelne Schuldner Pleite gehen, kann dies zu
Kettenreaktionen von ungeahnten Ausmaßen führen, insbesondere, weil heutzutage Derivate, wie dies
Warren Buffet beschrieb, zu finanziellen Massenvernichtungswaffen herangereift sind.
Der
Börsenkrach in New York löste 1920 eine Panik aus.
Der dritte große Effekt, den wir am 14.
August 2003 im Stromnetz der amerikanischen Ostküste und vor kurzem in Moskau beobachten konnten, ist
der sich innerhalb von wenigen Sekunden vollziehende Blackout von riesigen Systemen. Dieser Effekt ist
auch für das Internet und in Folge für das Funktionieren der internationalen Finanzmärkte denkbar. Wer
jedoch weiß, wie abhängig wir heute vom Medium Internet sind, kann sich unschwer vorstellen, was es
bedeutet, wenn virtuelle Werte wie elektronisches Geld nicht mehr ermittelbar sind und nur noch das
physische Überleben zählt.
An der Wall Street, verwaltet Maris S., eine der bedeutendsten
Hedgefonds-Managerinnen mit einem Rekord-Jahresgehalt von 1.5 Milliarden US-Dollar, den Livermore-Fonds
ihres Vaters und sitzt am 18. Oktober 2007 in ihrem Büro in New York City, ganz in der Nähe des Central
Park. Von dort aus beobachtet sie mit großer Anspannung die Entwicklungen am Börsenticker. Dieser ist
schon seit Tagen bei steigenden Volatilitäten gefallen, was auf künftig große Kursbewegungen
schließen ließ. Die Umsätze waren zwar bisher gering, aber die Nervosität unter den Anlegern stieg
immer weiter.
Maris S. hatte bisher nie einen Zweifel daran, dass der Markt reif war für
eine scharfe Korrektur nach unten. Doch um zu wissen, wann diese kommt, benötigt man ein scharfes
Gespür für die Wechselwirkungen in den Märkten. Seit Maris S. die von ihrem Vater entwickelte
kybernetische Software einsetzte, die die Robustheit von Finanzindikatoren gegenüber deren
Systemumgebung untersuchte, hatte sie einen klaren Wettbewerbsvorteil gegenüber all ihren Kollegen aus
der Finanzbranche.
Seit einigen Wochen schon hatte sie begonnen, den Markt mit einigen
kleineren Positionen zu shorten. Diese waren bereits mit mehreren 100 % im Gewinn. Doch seit dem heutigen
Freitag ging sie auf volles Risiko. Wie einst der erfolgreichste Trader an der NYSE Jesse Livermore und
Namensgeber des Fonds setzte sie nun alles auf eine Karte. Der Zeitpunkt des ultimativen Handelns war
gekommen. Alle Broker sagten wieder steigende Kurse voraus, doch Warren Buffet wusste besser, was deren
Aussage wert war: "Wer sich nach den Tipps von Brokern richtet, kann auch einen Friseur fragen, ob er
einen neuen Haarschnitt empfiehlt."
Um 10:30 AM New Yorker Zeit begann sie mit dem Shorten
der kybernetisch schwächsten Titel und investierte innerhalb von drei Börsenstunden etwa 100 Milliarden
US-Dollar auf fallende Kurse. Damit dies nicht auffiel, wurde das Geld nicht direkt durch den Fonds
investiert, den sie leitete, sondern durch neu gegründete Firmen, die die Orders unauffällig
platzierten.
Bereits um 00:45 PM New Yorker Zeit war der Index um 2.8 Prozent eingebrochen
und dieser fiel weiter. Um 01:00 PM waren alle Puts und Leerverkäufe in den Märkten platziert und man
konnte förmlich spüren, wie die Nervosität unter den Anlegern immer weiter um sich griff. Bereits um
02:15 PM war der S&P 500-Index mit 5,8 Prozent im Minus und es kamen immer mehr Verkaufsorders herein.
Um 02:38 PM begann der Markt sich leicht zu erholen und reduzierte den Kursverlust auf 4,2
Prozent. Doch dies sollte nur die Ruhe vor dem perfekten Sturm sein. Nach einer dreiminütigen
Seitwärtstendenz begann der Markt noch schneller zu fallen als zuvor. Um 03:02 PM New Yorker Zeit
rauschte der Index in nur einer Viertelstunde um weitere 5 % gegenüber den bisherigen Tiefstständen in
den Keller und notierte bei Minus 10.8 %.
Doch was dann kam, hatte man bisher an den
Finanzmärkten noch nicht gesehen. Die Abwärtswelle gewann weiter an Dynamik und verstärkte sich zu
einem Börsen-Tsunami größten Ausmaßes. Um 03:18 PM war der Index um sage und schreibe 21 %
eingebrochen. Doch der Index fiel immer weiter. Jetzt war für Maris S. die Zeit gekommen, ihre
Positionen sukzessive einzudecken. Der Kybernetik-Indikator zeigte an, dass der Markt wieder an
Robustheit gewann und es nur eine Frage der Zeit sein würde, bis das Pendel wieder nach oben ausschlagen
würde. Maris S. kannte das Geheimnis der Rothschilds, dass man sich an der Börse verhalten muss wie
beim Baden in kaltem Wasser: Hineinspringen und rasch wieder heraus.
Der Markt fiel im Rahmen
eines scharfen Sell-Out weiter bis in der Spitze auf – 28 Prozent und Maris S. stellte bis 03:33 PM
sämtliche Short-Positionen glatt. Das Derivate-Domino begann wie ein Kartenhaus zusammenzubrechen und
zahlreiche Banken mussten bereits Chapter 11 beantragen. In der Spitze des Rekordkurs-Verlustes des S&P
500 realisierte Maris S. Kursgewinne von über 2.000 %. Innerhalb weniger Handelsstunden konnte sie so
den Rekordgewinn von etwa 3,0 Billionen US-Dollar einfahren. Warum das so geschehen konnte? Nun, der
Altmeister Kostolany gibt die Antwort: "Die ganze Börse hängt nur davon ab, ob es mehr Aktien gibt als
Idioten - oder umgekehrt."
Etwa 3/10 diese Summe investierte sie sofort auf steigende Kurse,
um von der allfälligen Erholung zu profitieren. Innerhalb der letzten 5 Handelsminuten schnellte der
Index wieder 8,5 % in die Höhe, was erneut einem Buchgewinn von etwa 1.8 Billionen US-Dollar bedeutete.
Ihr Vater, Paul S., dem der Livermore-Fonds gehörte, war jetzt nicht nur der reichste Mann in Amerika,
sondern auch der reichste Mann auf Erden.
Maris musste jetzt nur noch den nächsten Tag
abwarten, um ihr Werk zu Ende zu bringen. Am nächsten Morgen eröffnete die Börse weiter mit steigenden
Kursen. Zu groß waren die Kursverluste, als dass nicht Schnäppchenjäger sich einbildeten, dass jetzt
der Markt wieder extrem billig sei. Am 19. Oktober um 10:46 AM war der Markt gegenüber seinen
Tiefstkursen wieder um 12.5 % gestiegen. Zeit für Maris S., erneut Kasse zu machen und jetzt einen
Gesamtgewinn von nochmals 2,3 Billionen US-Dollar einzufahren. Mit einem Gesamt-Portfolio von nunmehr 4,4
Billionen US-Dollar begann sie, den gesamten Markt weiter leer zu kaufen. Um 00.48 PM waren alle Orders
platziert.
Timing, Timing und nochmals Timing
Mittlerweile hatte der Markt
bereits wieder leicht zu fallen begonnen und der Tagesgewinn betrug nur noch 2,7 Prozentpunkte. Um 01:28
PM musste jedoch jedem klar werden, dass möglicherweise das Schlimmste doch noch nicht vorbei ist. Wie
beim großen Hurricane-Desaster von Galveston im Jahr 1900 entwickelte sich im Auge der amerikanischen
Finanzmärkte der "Perfect Storm". Maris S. saß vor ihrem Computer und beobachtete, wie die
Abwärtsdynamik wieder an Fahrt gewann. Um 01:59 PM waren die Tagesgewinne bereits dahingeschmolzen und
um 03:33 PM wurden die alten Rekord-Minusstände von - 28 % gegenüber dem Vortag wieder erreicht. Zu
diesem Zeitpunkt war das Vermögen des Livermore-Fonds bereits auf über 25 Billionen US-Dollar
angestiegen.
Was würde jetzt geschehen? Die mahnenden Worte des neuen amerikanischen
Notenbankpräsidenten verpufften ebenso wie die des US-Präsidenten, der zur Ruhe mahnte. Doch dann
ereignete sich etwas, mit dem niemand gerechnet hatte. Ein Großangriff von Hackern, gleichzeitig
ausgeführt auf die sechs wichtigsten weltweiten Backbones, begann zunehmend das Internet lahm zu legen.
Um 03:55 PM Uhr kurz vor Börsenende des 19. Oktober war es dann soweit. Totenstille! Alle Bildschirme
waren schwarz. Die alte Börsenweisheit, dass man an der Börse 1000 Prozent gewinnen, aber nur 100
Prozent verlieren kann, nahm nun ihren Lauf.
Der totale Black Day an den Finanzmärkten.
Nichts ging mehr. Kein Bildschirm der Welt war in der Lage, das Netz aller Netze auf die Interfaces zu
projizieren. Das Internet war tot. Mausetot. Doch was passierte jetzt mit dem virtuellen Parkett. Keine
Aufträge kamen mehr herein, keine gingen heraus. Panik brach aus. Über das Fernsehen wurde schnell die
Mär verbreitet, dass das Internet nun für alle Zeiten tot sei und dies den größten Kurssturz in der
Geschichte der Finanzmärkte ausgelöst hätte. Getreu dem Motto, glaube an keine Nachricht, die du nicht
selbst gefälscht hast, führte das Absterben der Netzmaschine zur größten Massenpanik in der
Geschichte der Menschheit.
Um 04:28 PM, kurz vor Schluss der Schalteröffnungszeiten, setzte
ein riesiger Massenansturm auf die Filialen amerikanischer Banken ein, der den Kondratieff-Abschwung
durch eine Killer-Flutwelle vollendete und sich in Rekordzeit über den ganzen Globus ausbreitete. Von
einer Stadt zu anderen in Richtung Westen kam es zu einem Banken-Run wie in den 20er Jahren. Die Börsen
in Australien, Tokyo, Singapur, Moskau, Frankfurt, Paris und London stürzten ins Uferlose.
Maris S. beunruhigte dies jedoch nicht weiter, wusste sie doch, dass derartige Paniken am Montag nur
noch zu weiteren gewaltigen Kursstürzen führen würden. Durch die 4,4 Milliarden Dollar, die sie auf
fallende Kurse gesetzt hatte und die jetzt schon einen Buchwert von über 50 Billionen US-Dollar hatten,
musste sie nur den Tag des neuen Erwachens des Internet abwarten, um ihre Positionen schnellstmöglich
glattzustellen. Schließlich hatten die Experten jetzt ein ganzes Wochenende Zeit, um die Viralität des
WWW zu besiegen. An der Börse wie im richtigen Leben zählen eben nur drei entscheidende Faktoren:
Timing, Timing und nochmals Timing.
Doch wie stark würden die Kurse noch weiter fallen? Sie
verließ das Büro am Freitag Nachmittag und wollte sofort mit dem Flugzeug zu ihrem Vater nach Hawaii
liegen, der am 20. Oktober seinen 60. Geburtstag hatte, um ihm persönlich zu gratulieren und mit ihm die
Lage zu besprechen. Dies war jedoch leider aktuell nicht möglich, da die Buchungssysteme der Airlines
für ihr Funktionieren ebenfalls das Internet benötigten. So entschloss sie sich, mit ihrem alten
VW-Käfer in ihr Ferienhaus nach Hauppage auf Long Island zu fahren und sich dort so lange aufzuhalten,
bis klar war, wann die Börse wieder öffnen würde.
Theorie der Viralität
Maris
S. war jetzt gerade mal 28 Jahre, Sie war die Tochter des führenden Kybernetikers und eines potentiellen
Kandidaten für den Wirtschaftsnobelpreis, der schon vor einigen Jahren Millisekundenpleiten an den
Finanzmärkten vorausgesagt hatte. Mit 21 Jahren hatte sie bereits ihren ersten kybernetischen Fonds
gemanaged, mit 24 Jahren betreute sie bereits ein Vermögen von 20 Milliarden US-Dollar, was sie bis zu
ihrem 28. Lebensjahr auf die unglaubliche Summe von etwa 100 Milliarden US-Dollar steigern konnte. Doch
diese Karriere wäre ohne ihren Vater nicht möglich gewesen, der bereits mit 52 Jahren des
Börsen-Tradings überdrüssig war und sich zum Schreiben von Büchern an die schönsten Plätze der Welt
zurückgezogen hatte.
Jetzt saß dieser gerade auf der Veranda seiner Hawaiianischen
Traumvilla in Kauai und las philosophische Texte von Baudrillard, den er wegen seiner Theorien zur
Viralität verehrte. Auf den Börsenticker konnte er ebenfalls nicht blicken, da ja alles schwarz war. Er
erinnerte sich, dass es letztendlich dieser großartige französische Denker war, der ihn auf die Idee
gebracht hatte, die Komplexität von Börsensoftware derart zu steigern, dass diese in der Lage war,
frühzeitig große Bewegungen zu erfassen, bevor die Masse dies tun konnte.
Der größte
Virus, den ein Finanzmarkt haben kann, ist der Trader, der weiß, was der Markt unmittelbar macht, da er
das Immunsystem aller anderen Trader vernichtet. Und hier wurde er zu einem Meister seines Faches. Vom
großen Investor Aristoteles Onassis hatte er gelernt, dass man dem Geld nicht nachlaufen darf, sondern
dass man diesem entgegengehen muss. Seine Tochter konnte heute life erleben, was er schon seit Jahren
vorhergesagt hatte: den totalen elektronischen Super-Gau. Und das Faszinierende daran war, dass Maris
komplett richtig im Markt lag, während Millionen von Marktteilnehmern unglaubliche Summen in einem
atemberaubenden Tempo verloren.
Paul S. hatte jetzt lange genug lesend auf seiner Veranda
gesessen. Es war Zeit für seinen täglichen Simulationsflug. Diesmal hatte er sich den alten Anflug auf
Hongkong aus den 80er Jahren ausgesucht. Er startete die Motoren seiner 747 und begab sich auf die
Startbahn, um einen kleinen Rundflug über die ehemalige Kronkolonie zu wagen.
Mittlerweile
war seine Tochter in ihrer Ferienwohnung in Hauppauge angekommen. Zuvor hielt sie an einem italienischen
Restaurant an, um sich noch eine Pizza für Zuhause mitzunehmen. Sparen lernt man von den Reichen und so
war sie trotz ihres Billionen-Vermögens ein völlig normaler Mensch geblieben.
Als sie
zuhause angekommen war, schaltete sie ihre Wireless-Verbindung ein, um zu überprüfen, ob das Internet
wieder in Funktion getreten war. Es war wie ein Wunder, am Montag um 01:30 PM New Yorker Ortszeit
funktionierte alles wieder, auch die Märkte - und sie rasten in einem atemberaubenden Tempo weiter in
die Tiefe. In der Spitze der Baisse-Bewegung am 22. Oktober 2007, dem schwärzesten aller Montage, den
die Welt je gesehen hatte, fiel der Markt bis zum Börsenschluss um 04.00 PM auf ein Minus 64 Prozent
gegenüber den Höchstständen der letzten Erholungsphase. Damit lag der Gesamtkursverlust an der Wall
Street nun um nahezu 80 % unter den Höchstständen der Märkte des Jahres 2007.
Die Märkte
kannten an diesem Tag scheinbar nur noch eine Richtung: Senkrecht nach unten. Nur Fallschirmspringer
können wahrscheinlich richtig ermessen, wie wichtig es ist, eine Reißleine zu haben. Diejenigen Broker,
die sich an diesem Tag von den Wolkenkratzern in Manhattan stürzten, wird diese Erkenntnis ebenfalls wie
Schuppen von den Augen gefallen sein.
Fast hatte es den Anschein, dass nun alle
Anteilsscheine, ob Aktien oder Anleihen, ihrem inneren Papierwert zustrebten, der bei nahezu Null liegt.
Maris wusste, dass alles innerhalb der nächsten Stunde verkauft werden müsste, da es bei plötzlich
wieder stark ansteigenden Kursen, ob heute oder am nächsten Handelstag, unmöglich sein würde, die
Short-Positionen wieder einzudecken. So stieß sie nun, während der Markt auf seine Tiefststände
zuraste, Papiere im Wert von 165 Billionen US-Dollar ab und hatte somit ihr Vermögen gegenüber dem
vorigen Handelstag nochmals mehr als verdreißigfacht. Nach Beendigung sämtlicher Transaktionen rief sie
ihren Vater in Hawaii an, denn über das Internet ließ sich jetzt auch wieder kostenlos skypen. Von den
Schwaben lernt man schließlich sparen.
"Hello Dad, how are you", fragte sie ihn. "Fine, I am
sure you made it", kam die Antwort zurück. "Yes, Dad, just made 165 Trillion Bugs, was easier than I
thought", prahlte sie ein bisschen. "Told you", bekam sie vom Vater zu hören. Paul S. sagte spontan:
"You know, the money of the others is not gone, we have it now."
Schluss mit den Zinsen
Danach beratschlagten sie, was sie mit dem vielen Geld machen sollten. Die Lösung war relativ
einfach. Wegen der Herkunft des Vaters aus Deutschland beschlossen sie zunächst, einmal von dem Geld
sämtliche deutsche Staatsschulden zu tilgen. Außerdem wurde beschlossen, die amerikanischen
Staatsschulden auch gleich mitzutilgen, da ja man schließlich hier wohnte.
Schnell wurden
weitere Löcher gefunden, die es zu stopfen galt. So wurde die Gesamtsumme von 85 Billionen US-Dollar
gespendet, um die Weltwirtschaft wieder zu stabilisieren, was auch tatsächlich gelang. Ferner wurden
Hilfsprojekte in Entwicklungsländern aufgelegt und der Welt eine kostenlose Heimatstadt des Wissens
namens "Lampsacus" geschenkt.
Paul und Maris S. waren mit dem Verlauf der letzten Woche
äußerst zufrieden und beschlossen, sich jetzt sofort wiederzusehen, um diese erfolgreiche Börsenwoche
gebührend bei einem Glas Württemberger Rotwein, einem Schwarzriesling, zu feiern. Denn ein geflügeltes
Wort von Curt Goetz stimmt für jeden erfolgreichen Trader: "Um Geld verachten zu können, muss man
welches haben."
Als Treffpunkt wurde Hollywood vereinbart. Es galt zu besprechen, wie das
neue Anlagevermögen des Livermore-Fonds von 80 Billionen US-Dollar reinvestiert werden sollte, um die
Vermögensdisparität der Weltfinanzmärkte weiter zurückzuführen. Außerdem musste mit Produzenten
verhandelt werden, um die Filmrechte zu klären. Durch die Transaktionen von Maris S. waren die Vermögen
großer Investmentfonds, Hedgefonds und ihrer Klienten dermaßen geschmolzen, dass nun wieder 80 % der
weltweiten Vermögens in den Händen von über 50 % der Weltbevölkerung lag. Vor dem großen Crash lag
der Anteil bei unter 5 %. Die einzige Bedingung, die die USA, Deutschland und andere Schuldner
zähneknirschend akzeptieren mussten, war das weltweite Verbot von Zinsen.
Ein Jahr nach den
Ereignissen wurde Paul S. der Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften verliehen. Doch er nahm sich die
die Freiheit, ihn auszuschlagen. Aber auch das verdiente Geld bedeutete ihm nicht sehr viel, denn das
größte Geschenk der Welt war seine Tochter Maris. Allerdings nahm er das Angebot des amerikanischen
Präsidenten an, Dr. Copper, der sich völlig unerwartet am 22. Oktober durch einen tödlichen
Herzinfarkt von der wirtschaftlichen Bühne verabschiedet hatte, als Notenbankpräsident zu folgen, Denn
wie sagte schon der alte Rothschild: "Gebt mir die Kontrolle über das Geld einer Nation und es kümmert
mich nicht länger, wer die Gesetze macht."
THE END:
Zum Autor: Artur P. Schmidt
promovierte in Systemwissenschaften mit dem speziellen Schwerpunkt der kybernetischen Marktanalyse. Er
war Strategieberater bei einer amerikanischen Consultingfirma und leitete die Strategische Planung eines
grossen deutschen
Energiehandelsunternehmens. Heute ist er einer der führenden
Systemwissenschaftler und Kybernetiker weltweit sowie CEO der
Finanz-Portale
www.unternehmercockpit.com, www.optioncockpit.com sowie www.futurescockpit.com, welche auf Risk-Management sowie
die Analyse der optimalen Timing-Zeitpunkte für den Kauf- und Verkauf von Aktien, Options, Commodities
und Währungen ausgerichtet sind. Er ist Autor von 9 Büchern und hunderter von Fachartikeln zu den
Themen Unternehmensführung, Internationale Finanzmärkte und Technologietrends.
Quelle: http://www.be24.at/blog/entry/1031