Für Anleihenbesitzer nicht uninteressant, also interessant.
Von der
Direktanlage-Seite-Marktkommentar.
-Es gibt derzeit gute Gründe für einen Zerfall des Euro.
-Ich halte ein solches Szenario gleichwohl nicht für wahrscheinlich. Die beteiligten Länder
wollen es nicht. Der Markt kann es nicht erzwingen.
-Seien Sie trotzdem vorsichtig mit dem
Kauf von europäischen Hochzinsanleihen.
Kürzlich sagte mir ein Banker in Italien, er gehe
davon aus, dass es den Euro in fünf Jahren nicht mehr gebe. Solche Meinungen sind in diesen Wochen kein
Einzelfall. Als Folge davon hat sich die Gemeinschaftswährung auf den Devisenmärkten abgeschwächt,
nicht nur gegenüber dem Dollar, sondern auch gegenüber dem Schweizer Franken und sogar dem britischen
Pfund. Müssen wir ein Auseinanderbrechen des Euro befürchten?
Gründe dafür gäbe es genug.
Innerhalb der Eurozone haben sich die Ungleichgewichte zwischen den einzelnen Staaten deutlich
ausgeweitet. Deutschland hat einen riesigen Leistungsbilanzüberschuss gegenüber Defizitländern wie
Spanien, Portugal oder Italien. Die Wettbewerbsfähigkeit der Spanier hat sich in den letzten zehn Jahren
gegenüber den Deutschen um 16% verschlechtert, die der Iren sogar um 26%. Es ist klar, dass dies auf
Dauer so nicht aufrecht zu erhalten ist.
Entsprechend haben sich die Risikozuschläge
ausgeweitet, die einzelne Staaten bei der Kreditaufnahme bezahlen müssen. Griechische Staatsanleihen
rentieren heute bei zehn Jahren Laufzeit mit 5,8%, italienische mit 4,2%, österreichische mit 4,1%
(Deutschland 2,9%). Es ist noch gar nicht so lange her, dass die Zinsen in Österreich noch unter denen
in der Bundesrepublik lagen. Natürlich waren damals die Risikozuschläge zu niedrig. Aber heute sind sie
zu hoch. Hinter diesen Aufschlägen steht die Angst, es könne in einzelnen Ländern zu Zahlungsproblemen
kommen, am Ende vielleicht zu einem Staatsbankrott.
Bei der Gründung der Währungsunion war
jedermann klar, dass sie auf Dauer nur funktionieren kann, wenn sie durch eine politische Union
abgesichert ist. In der Wirtschaftsgeschichte hat bisher keine größere Währungsunion gehalten, die
nicht in einen politischen Verbund eingebunden war.
Die Währungsunionen innerhalb des
Deutschen Reiches oder innerhalb der Vereinigten Staaten beispielsweise waren stabil. Die Lateinische
Münzunion zwischen Frankreich, Belgien, der Schweiz, Italien und Griechenland zerbrach dagegen nach 60
Jahren, die skandinavische Münzunion (Dänemark, Schweden, Norwegen) nach 40 Jahren.
Trotz dieser
Probleme bin ich davon überzeugt, dass der Euro nicht zerfallen wird. Der wichtigste Grund: Kein Land
hat heute ein Interesse, aus der Währungsunion auszuscheiden. Es würde dabei nur verlieren. Ohne den
Euro würden sich die Wechselkurse der schwächeren Länder stark abwerten. Die Inflation nähme zu. Die
Zinsen würden ansteigen. Die Staatsschulden würden sich erhöhen. Sie wären schwerer zu refinanzieren.
Rezession und Arbeitslosigkeit wären noch schlimmer. Auch für relativ starke Länder wie Deutschland
wäre das Leben ohne Euro schwerer. Die Wechselkurse würden sich aufwerten. Die protektionistischen
Gefahren würden zunehmen. Der Export würde noch mehr leiden mit entsprechenden Konsequenzen für
Rezession und Arbeitslosigkeit. Es sind solche Überlegungen, die dazu führen, dass selbst der sehr
stark allein auf die Interessen seines eigenen Landes fixierte deutsche Finanzminister Hilfen für
bedrängte Partner in der Eurozone nicht mehr so kategorisch ausschließt wie bisher.
Derzeit will
aber nicht nur niemand den Euro verlassen. Es wollen auch neue Mitglieder in die Gemeinschaft. Der Euro
ist so attraktiv wie nie zuvor. Die Slowaken sind heilfroh, dass sie in diesem Jahr beigetreten sind,
weil ihnen dadurch die Abwertung der Währung erspart geblieben ist, unter der die anderen
zentraleuropäischen Länder leiden.
In Polen und der Tschechischen Republik, natürlich auch
in Ungarn, den baltischen Staaten, Bulgarien und Rumänien wird überlegt, ob man nicht früher dem Euro
beitreten kann. Freilich wäre es eine Katastrophe, wenn die Eurozone dem nachgeben und Länder aufnehmen
würde, die nicht die formellen Maastricht-Kriterien erfüllen. Das würde allen schaden, weil es die
stabilitätspolitische Grundlage des Euro und seine Reputation auf den Devisenmärkten nachhaltig
gefährden würde. Glücklicherweise können wir darauf vertrauen, dass die Europäische Zentralbank dem
nicht nur nicht zustimmen, sondern es auch mit allen Mitteln zu verhindern versuchen würde.
Einem
Zerfall des Euro steht auch entgegen, dass damit der europäischen Idee die Basis entzogen würde. Der
Euro ist in den letzten zehn Jahren zur „Geschäftsgrundlage Europas“ geworden. Er kreiert und
repräsentiert wie nichts anderes die europäische Idee. Wenn man ihn preisgeben würde, wären die
Arbeit und die Erfolge der letzten fünfzig Jahre europäischer Einigung und die Schaffung einer
europäischen Friedensordnung gefährdet. Politiker sind sicher oft pragmatisch und gehen Kompromisse
ein. Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass sie alle zusammen (nicht nur ein Einzelner) dieses
Fundament auf’s Spiel setzen würden.
Zu bedenken ist auch: Eine Währung kann man im Zeitalter
der globalen Verflechtung nicht einfach wie ein Hemd wechseln. Es hat Jahre gedauert hat, um den Euro in
die Computersysteme der Banken und Unternehmen einzuführen. Ebenso schwierig und zeitraubend wäre der
Übergang zu einer neuen Währung. Dies umso mehr, als viele paneuropäisch tätige Unternehmen
inzwischen europaweite Zentren zur Zahlungsabwicklung haben.
Aber selbst wenn keiner der Euro
aufgeben will: Könnte es nicht sein, dass der Markt den Zerfall des Euro erzwingt? So wie er früher das
System fester Wechselkurse gesprengt hat? Das geht hier freilich nicht so einfach. Denn in einer
Währungsunion gibt es keine Wechselkurse, die die Zentralbanken verteidigen müssen. Hier könnte der
Markt nur auf einen Anstieg der Risikospreads spekulieren, also etwa griechische Staatsanleihen verkaufen
und Bundesanleihen kaufen. Das würde die Griechen unter Druck setzen, weil sie mehr Zinsen zahlen
müssten. Das wäre schmerzhaft. Aber es gibt hier keine festen Grenzen, die zu verteidigen sind. Zudem
können die Notenbanken dem durch innergemeinschaftliche Swap-Arrangements oder sonstige Hilfen
entgegenwirken, die freilich jeweils mit harten stabilitätspolitischen Auflagen verbunden sein müssen.
Die Konsequenz für den Anleger: Gehen Sie davon aus, dass es den Euro auch noch in zehn
Jahren geben wird. Was passieren kann ist, dass Gemeinschaftswährung auf den Devisenmärkten noch
schwächer wird. Die Risikozuschläge bei den Renditen für einige Staaten Südeuropas, Österreichs und
Irlands können weiter steigen. Manch einer mag die höheren Renditen für kaufenswert halten. Ich rate
dabei allerdings zu Vorsicht. Natürlich werden die Papiere bei Fälligkeit zum Nominalwert
zurückgezahlt und der Anleger kann damit eine Zusatzrendite erwirtschaften. Andererseits ist nicht
auszuschließen, dass es während der Laufzeit zu dramatischen Entwicklungen kommt und sich Zahlungen
vielleicht auch manchmal zeitlich verzögern. Wer ruhig schlafen will, sollte nicht nach den höchsten
Renditen streben.