Das gute 1. Quartal wird gehen – die schlechten Margen aber bleiben
Überragend war der
gestrige Handelstag nicht, das war aber auch nicht zu erwarten. Immerhin galt es für die EVN-Aktie, den
Dividendenabschlag (0,37 €) zu verkraften. Am 27. wird das Geld überwiesen. Ein knappes Monat später
wissen wir, wie es dem niederösterreichischen Energieversorger im 1. Quartal ergangen ist. Wieder ein
gutes Monat später ist dann bereits relativ klar, ob der Titel wieder einmal zu hehren Index-Ehren kommt
und Mitglied in Österreichs Leitindex ATX wird. Derzeit kämpfen EVN und A-Tec darum, Palfinger aus
der ATX-Riege zu kippen. Sollte das passieren, werden sich institutionelle Anleger mit ein paar Stück
des Titels eindecken, was bei dem geringen Streubesitz (weniger als 14 Prozent) durchaus zu
Kurssteigerungen führen kann.
Am 26. Februar ist aber die erste Bewährungsprobe für das laufende
Geschäftsjahr. Ein Plus ist da nicht nur zu erwarten, sondern beinahe schon Pflicht. Immerhin konnte der
Versorger in seinem Stammgebiet Niederösterreich per Anfang November eine Erhöhung der Gaspreise
durchboxen. Da das 1. Quartal der EVN von Oktober bis Dezember läuft, ist der Gaspreis-Effekt also
immerhin zwei Monate zu spüren. Leider nicht länger, denn per
15. Jänner wurde das Ganze
großteils wieder rückgängig gemacht (in zwei Schritten, Schritt zwei folgt am 15. März). Aber das
sind halt die „Freuden“ eines unter politischem Einfluss stehenden Versorgers.
Kurstreiber
Übernahmen? Interessant für Anleger der Branche Strom ist, dass das Übernahmekarussell nach
Mitteleuropa zu kommen scheint, was die Preise in dieser Region beflügeln könnte. Denn während zuletzt
alles auf den spanischen Markt starrte, der vor dem Umbruch steht, hat sich RWE mit Essent ein starkes
niederländisches Standbein zugelegt. 9,3 Milliarden € lassen sich die Deutschen das kosten (die
kartellrechtlichen Genehmigungen fehlen noch). Da das Geschäftsmodell von Essent dem der EVN ähnelt
(Multi-Utility-Strategie), haben wir die Übernahmemultiples auf die EVN übertragen (auch wenn die
Mehrheit von 51 Prozent beim Land Niederösterreich liegt und eine Übernahme derzeit daher
ausgeschlossen werden kann): Jedenfalls zahlte RWE 9,6-mal das EBITDA. Auf die EVN übertragen bedeutet
das ein Kurspotenzial von etwa zehn Prozent. Diese rechnen wir aber als Übernahmeprämie...
Beeindruckend ist das Kursziel, wenn man das Multiple für das Eigenkapital heranzieht. 50 € wären
das dann. Doch das spielt es sicher nicht und das liegt nicht an der Aktionärsstruktur. Vielmehr hat die
EVN ein Margenproblem. Denn während Essent auf eine rund 20-prozentige Eigenkapitalrentabilität kommt,
ist sie bei den Niederösterreichern knapp einstellig. Die im Vergleich geringen Margen zeigen sich nicht
nur auf der Seite der Bilanz, sondern auch in der G+V (im operativen Geschäft). Die EBITDA-Marge ist um
etwa ein Viertel schlechter als beim Schnitt der Konkurrenz.
Das liegt vor allem an der
eingeschlagenen Osteuropa-Expansion. Diese hat bisher im Ergebnis noch nie gezeigt, dass sie Mehrwert
brachte. Was auch daran liegt, dass die EVN ihre Markteintritte (vor allem Bulgarien und Mazedonien) vor
allem auf das Endkundensegment konzentrierte, die zur Belieferung notwendigen Erzeugungskapazitäten aber
nicht mitgekauft werden konnten. Zuletzt lag der Eigenerzeugungsgrad im Konzern bei bescheidenen 21
Prozent (in Österreich allein wären es 61 Prozent). Heißt: Die EVN muss jede Menge Strom am Markt
zukaufen (oft zu Preisen, die in regulierten Märkten nicht weitergegeben werden können). Gott sei Dank
hat sich der Strompreis-Anstieg zuletzt deutlich eingebremst.
Fazit. Kurzfristig überwiegen
positive News (gutes 1. Quartal, ATX-Aufnahme?), auch die Charttechnik lässt hoffen, 13 € sind ein
erstes Kursziel. Aufpassen müssen Anleger aber, sobald der Kurs unter elf fällt, unter 10,4 sollte es
keinesfalls gehen, sonst liegen sechs € in Reichweite. Fundamental weist die EVN eine geringfügige
Überbewertung auf. Heißt: Wer kurzfristig agiert (ein Stop-Loss bei 9,99 € tut aber jedenfalls Not),
kann auf den positiven Effekt von Good News hoffen. Ein massiver Einstieg drängt sich aber nicht auf.
Denn das Problem der zu niedrigen Margen wird sich morgen nicht lösen – übermorgen auch nicht.
WIrtschaftsblatt
21.01.2009