Profil vom 07.04.2008
Interview
Der Ökonom und frühere US-Finanzminister
Lawrence Summers über die Folgen der Finanzkrise, die Gefahr einer weltweiten Rezession und die
Hilflosigkeit der Bush-Administration.
profil: Mr. Summers, die USA laborieren an den Folgen
der Finanzkrise. Die Rezession wird immer greifbarer. Wird sie auch Europa erfassen?
Summers:
Gut möglich. Der Gegenwind bläst aus drei Richtungen: Seit sich die amerikanische Wirtschaft abgekühlt
hat, kann sie weniger aus dem Rest der Welt importieren. Zweitens haben amerikanische Exporteure dank des
schwachen Dollars inzwischen einen Kostenvorteil gegenüber der globalen Konkurrenz und werden
Herstellern aus EU-Ländern und Japan Geschäfte abjagen können. Und drittens sind Kredite global
knapper geworden, und dies erhöht die Kosten für Investitionen überall auf der Welt.
profil: Sie machen uns Angst. Wie hoch schätzen Sie die Wahrscheinlichkeit einer europäischen
Rezession?
Summers: Sie ist sicher viel höher, als viele Europäer meinen. Die Frage ist
wirklich, woher in Europa die Nachfrage nach Gütern kommen soll, wenn nicht nur die Amerikaner weniger
kaufen, sondern die Exporte wegen des starken Euro allgemein zurückgehen werden. Auch die europäischen
Banken werden weniger Kredite vergeben und so das Wachstum auf dem Kontinent bremsen.
profil:
Angenommen, Sie haben Recht: Weshalb hat dann die Europäische Zentralbank die Zinsen bisher nicht
gesenkt?
Summers: Als ehemaliger Finanzminister bin ich zurückhaltend bei der Beurteilung der
Leistung einer Zentralbank. Aber das Ausmaß des Risikos wird möglicherweise unterschätzt.
profil: Die Schweizer UBS, bis vor Kurzem der Inbegriff einer grundsoliden Bank, hat gerade vergangene
Woche weitere 20 Milliarden Dollar abgeschrieben - ihre Wertberichtigungen belaufen sich inzwischen auf
unglaubliche vierzig Milliarden Dollar. Ist es denkbar, dass selbst eine große europäische Bank in
dieser Krise untergeht?
Summers: Ja. Die Finanzmärkte gehen zumindest davon aus, dass es
möglich ist. Sehen Sie nur, welch hohe Risikoprämien Banken heute im Vergleich zur öffentlichen Hand
zahlen müssen, um Kredite aufzunehmen. Auch deshalb wiegt die Krise so schwer.
profil: In
einem solchen Fall würde doch der Staat einschreiten und einen Zusammenbruch verhindern - wenn auch auf
Kosten der Steuerzahler.
Summers: Es gibt sicher viele Gründe anzunehmen, dass der Staat
einer solchen Bank unter die Arme greifen würde.
profil: Die meisten Europäer verstehen die
momentanen Wirtschaftswirren aus Amerika nicht. Weshalb sind sie so gefährlich?
Summers: Im
Gegensatz zu anderen Abschwüngen hat diese Krise nicht die US-Zentralbank verursacht, welche die
Konjunktur immer wieder mal bremst, um sie dann wieder anzukurbeln. Dieses Mal hat das Finanzsystem an
sich versagt. Es ist deshalb unklar, wie gut die üblichen wirtschaftspolitischen Instrumente
funktionieren. Die Krise erinnert mich an Japans verlorene Dekade in den 1990er Jahren, als die
Wirtschaft nach dem Platzen der Immobilienblase zehn Jahre lang stagnierte. Vergleichbares ereignete sich
auch in den Vereinigten Staaten nach 1929.
profil: Wie würden Sie die Risiken einem Laien
erklären?
Summers: Seitdem die Immobilienblase geplatzt ist, haben die sinkenden Preise auf
dem Liegenschaftsmarkt zu einer Kreditverknappung in der ganzen Wirtschaft geführt. Wir erleben mehrere
Abwärtsspiralen gleichzeitig: Die sinkenden Häuserpreise haben die überschuldeten Hausbesitzer in
Schwierigkeiten gebracht, die ihre Hypotheken nicht mehr bezahlen können - das führt zu einer
Liquidationswelle und drückt die Hauspreise noch weiter nach unten. Die Hypothekarausfälle wiederum
brachten die Finanzinstitute ins Trudeln, sie schränkten Kredite ein, das schwächt die Wirtschaft und
verschärft die Kreditprobleme weiter - eine zweite Abwärtsspirale. Und schließlich haben die Leute
begonnen, ihre Ausgaben einzuschränken. Die Folge: Die Einkommen sinken, sodass die Leute noch weniger
ausgeben, die Einkommen sinken noch mehr. Diese drei Abwärtsspiralen sind beängstigend.
profil: Deswegen hat die US-Notenbank Fed die Zinsen ja auch bereits mehrfach gesenkt. Und der Kongress
schickt jetzt mit einem milliardenschweren Stimulierungspaket jedem Einwohner einen Scheck in der Höhe
von bis zu 1200 Dollar. Reichen diese Finanzspritzen nicht, um der Wirtschaft neuen Schub zu geben?
Summers: Bisher wissen wir das nicht. Zum ersten Mal besteht allerdings eine gewisse Hoffnung,
dass wir die Rezession eindämmen können.
profil: Befindet sich Amerika bereits in der
Rezession?
Summers: Höchstwahrscheinlich ja. Es fühlt sich jedenfalls so an, auch wenn
vielleicht die Wirtschaft noch nicht schrumpft. Die Leute spüren die steigende Gefahr, entlassen zu
werden, sie stellen fest, dass ihre Häuser an Wert verlieren, und merken, dass es schwieriger wird,
einen neuen Job zu finden, ein Darlehen zu bekommen oder ein Auto zu kaufen. Man muss aber zwischen der
Realwirtschaft und dem Finanzsystem unterscheiden. Ich wäre sehr überrascht, wenn sich die
Realwirtschaft in den nächsten sechs Monaten nicht weiter verschlechtern würde. Da die Immobilienpreise
immer noch fallen, steigen auch die Zwangsvollstreckungen, Konsumenten bekommen weniger Kredit, und die
Periode mit sehr geringem oder negativem Wachstum wird anhalten. Es ist aber möglich, dass die Gefahr
fürs Finanzsystem früher vorbei ist.
profil: Wie das?
Summers: Die Preise der
Wertpapiere sind so stark gefallen, dass sie womöglich diese kommende wirtschaftliche Verschlechterung
bereits widerspiegeln. Der Markt geht von einer substanziellen Anzahl von Firmenpleiten und einem
weiteren Anstieg zahlungsunfähiger Hypothekarschuldner aus. Damit sich der Finanzsektor erholt, muss es
der realen Wirtschaft also nicht unbedingt besser gehen; es reicht, wenn die Investoren überzeugt sind,
dass es nicht zu einer Katastrophe kommt.
profil: Die Rettung der Investmentbank Bear Stearns
hat den Finanzmärkten den ersehnten Vertrauensschub gegeben. Der Preis war jedoch hoch: Jetzt gehen
einfach alle davon aus, dass auch sie im schlimmsten Fall nur weich fallen können.
Summers:
Zweifellos würden wir ohne die Hilfe der US-Notenbank heute viel weniger Vertrauen sehen. Der Schritt
der Fed war wirklich notwendig, aber die Frage ist: Hat er ausgereicht, um zu verhindern, dass die
Finanzkrise außer Kontrolle gerät und die Realwirtschaft mit sich reißt?
profil: Wieso
greift der Staat überhaupt ein? Eine Rezession kann doch auch eine gesunde Korrektur eines überhitzten
Marktes sein.
Summers: Wir wären ziemlich kaltschnäuzig, wenn wir zulassen würden, dass
zwei Millionen Leute arbeitslos werden, nur um die Marktexzesse zu korrigieren. Ich gehöre zur Schule
der Ökonomen, die Rezessionen möglichst verhindern wollen. Wir müssen noch viel mehr darüber
nachdenken, wie wir in Zukunft garantieren können, dass das Finanzsystem mit genügend Kapital versorgt
ist.
profil: Im Moment beschaffen sich die Banken viel von diesem zusätzlichen Kapital bei
ausländischen Staatsfonds. Autokratische Länder des Nahen Ostens oder Asiens werden zu wichtigen
Miteigentümern der Banken - da lauern doch wieder neue Gefahren.
Summers: Das ist keine
ideale Lösung, aber man nimmt das Geld, wo man es findet. Ich hoffe zumindest, dass nicht unsere eigenen
Steuergelder in die Kapitalisierung gebeutelter Finanzinstitutionen fließen; insofern sind diese
Staatsfonds vielleicht die beste Lösung.
profil: Sollte die öffentliche Hand nicht mehr für
den Mittelstand tun, statt den Banken zu helfen?
Summers: Das staatliche Stimulierungspaket
wird helfen. Doch es ist verrückt, dass wir bisher nicht mehr getan haben, um gewöhnlichen Leuten
dringend benötigte Ressourcen in die Hand zu geben - etwa mit Essensmarken für die Bedürftigen oder
Zahlungen an Gemeinden, deren Budgets von der Immobilienkrise besonders stark betroffen sind.
profil: Und die Gläubiger bezahlen die Rechnung.
Summers: Auch für die Gläubiger erweist
sich die Teilabschreibung einer Hypothek oft als die bessere Lösung als eine teure Zwangsvollstreckung.
Die Frage ist, wie man die Beteiligten dazu ermutigt, die Hypotheken neu auszuhandeln. Wir sollten also
mehr Geld ausgeben für solche Kreditberatungen und die Konkursgesetze so anpassen, dass es einfacher
wird, Hypotheken abzuschreiben, wenn der Konkursrichter dies für sinnvoll hält.
profil:
Übertreiben Sie den Ernst der Lage nicht, wenn Sie bereits mehr Essensmarken verteilen wollen? Das
erinnert an Schreckensbilder der großen Depression.
Summers: Nein, das Programm für
Essensmarken ist in den Vereinigten Staaten ein zentraler Teil des normalen sozialen Sicherheitsnetzes
und kein Anti-Hunger-Programm. Aber viele Leute haben ihre Jobs verloren und benötigen
Einkommenszuschüsse, es sind auch Leute mit vielen Kindern und sehr tiefen Löhnen. 20 Millionen
Amerikaner verlassen sich auf Essensmarken, und es ist sicher sinnvoll, auf die Krise mit Mehrausgaben
auf diesem Gebiet zu reagieren.
profil: Es ist schon bemerkenswert, wie jetzt plötzlich
selbst Banker und wirtschaftsliberale Kommentatoren ein Eingreifen des Staates fordern. Ist die Krise
eine Folge der wirtschaftlichen Deregulierung der vergangenen zwanzig Jahre?
Summers: In den
neunziger Jahren hatten die Japaner eine schreckliche Finanzkrise, obwohl deren Finanzsystem viel
stärker reguliert war als unseres. Ich denke auch nicht, dass die großen Banken, die einer gewissen
staatlichen Aufsicht unterstehen, in der Krise besser gefahren sind als etwa nicht regulierte
Finanzinstitute wie Hedgefonds. Doch auch wenn die Deregulierung nicht Ursache der Krise war, ist klar:
Härtere Vorschriften bei der Vergabe von Hypotheken sind nötig.
profil: Diese und andere
Rezepte zur Bewältigung der Krise werden auch in der kommenden Präsidentschaftswahl eine wichtige Rolle
spielen. Wie stark schadet die ungewisse Wirtschaftslage den Republikanern, die bisher an der Macht
waren?
Summers: Historisch gesehen profitiert die Oppositionspartei in einer solchen
Situation. Ein wichtiger Teil des Wahlkampfs wird die Frage nach einem glaubhaften Plan sein, der
Mittelstandsfamilien wirklich hilft.
profil: Welcher Kandidat hat den besten Plan?
Summers: Es mag Sie nicht überraschen, dass mir die Ideen der Demokraten näher liegen. Ich glaube,
ihr Plan einer allgemeinen Krankenversicherung, Steuergutschriften für die Mittelklasse und die
Reduktion des Budgetdefizits würden mehr für die Wirtschaft tun als der Fokus der Republikaner auf
permanente Steuersenkungen für einen sehr kleinen und sehr reichen Teil der Bevölkerung.
profil: Interessant ist, dass die Schwäche des Dollars bisher nicht zum Politikum geworden ist. Wie
tief kann er noch fallen?
Summers: Ich habe wie andere Ökonomen auch erwartet, dass das
große US-Zahlungsbilanzdefizit irgendwann zu einer Abwertung des Dollars führen würde. Ich vermute
deshalb, dass der Dollar in den nächsten fünf Jahren eher auf dem heutigen Niveau liegen wird als auf
dem Niveau von früher.
profil: Wann wird der Euro den Dollar als Reservewährung der Welt
ablösen?
Summers: Es ist zwar möglich, aber im Moment fällt eher auf, wie wenig sich die
Währungsgewichtung bei den Geldreserven verändert hat. In der unmittelbaren Zukunft wird der Dollar
seine zentrale Rolle im globalen Finanzsystem behalten, auch wenn ich schon erwarte, dass der Euro in
dieser Hinsicht an Bedeutung gewinnen wird.
profil: Wir sind also nicht am Ende der
wirtschaftlichen Hegemonie der Vereinigten Staaten, wie einige Europäer bereits jubeln?
Summers: Die USA wurden schon oft angezählt. Doch ich bin bis jetzt immer noch lieber mit Amerikas
Problemen konfrontiert als mit den wirtschaftlichen Sorgen aller anderen Länder.
Interview:
Alain Zucker
Lawrence Summers, 53, Professor an der Harvard-Universität, ist einer der
einflussreichsten amerikanischen Ökonomen. Summers hat eine turbulente Karriere im amerikanischen
Staatsdienst und an Spitzenuniversitäten hinter sich. Mit 16 begann der Neffe von zwei
Nobelpreisträgern mit seinem Studium, und mit 28 war er bereits einer von Harvards jüngsten
Professoren. Er verließ den Elfenbeinturm 1991, um Chefökonom der Weltbank zu werden, arbeitete dann in
verschiedenen hohen Funktionen für Präsident Bill Clinton, bevor er Ende der neunziger Jahre
US-Finanzminister wurde. Von 2001 bis 2006 war Summers Präsident der Harvard-Universität. 2005 löste
er eine internationale Kontroverse aus, als er darüber spekulierte, dass es vielleicht aus genetischen
Gründen nur wenig Frauen in der naturwissenschaftlichen Spitzenforschung gebe. Heute arbeitet Summers
neben seiner Professur für den Hedgefonds The D. E. Shaw Group.
Lawrence Summers, Bill
Clinton "20 Millionen Amerikaner verlassen sich auf Essensmarken"
Anlässlich seiner
Ernennung zum US-Finanzminister im Mai 1999 in Washington.
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Gruß