Wall Street: Plötzlicher Sinneswandel
Datum 23.02.2008 - Uhrzeit 00:32 (© BörseGo AG 2007,
Autor: Maier Gerhard, Redakteur, © GodmodeTrader - http://www.godmode-trader.de/)
WKN: A0AET0 | ISIN: US78378X1072 | Intradaykurs:
New York (BoerseGo.de) - Der heutige Tag an der Wall Street bestätigt wieder einmal zwei
Erkenntnisse: 1. Die Börse ist launisch, spontan und immer für eine Überraschung gut. 2. Die
Entwicklung der Aktienmärkte hängt derzeit vorwiegend beim Schicksal der Finanzkonzerne ab. Beides
erklärt die heutige Achterbahnfahrt, die aus einem Hollywood-Studio stammen könnte.
Die Wall
Street war - bei relativer Nachrichtenstille - positiv gestartet. Der gestrige übertriebene Rutsch hatte
wieder Schnäppchenkäufer angelockt. Hilfreich war die Meldung, dass die Erzeugerpreise vom November und
Dezember - ein wichtiges Inflationsmaß - nachträglich herunter revidiert wurden.
Kurz nach dem
Start gerieten die Märke aber wieder ins Rutschen. Dafür gab es zwar keine handfeste Nachrichten,
dafür wurde aber eine Reihe von Kassandrarufen laut, die die Investoren verstörten. Am lautesten
schallte wohl Merrill Lynch. Die Investmentbank senkte die Daumen für die beiden Hypothekengiganten
Fannie Mae und Freddie Mac und stufte beide auf „Verkaufen“ herunter. Die Qualität der von beiden
Finanzriesen vergebenen Kredite verschlechtere sich weiter, weil die Krise bei den beliehenen Eigenheimen
anhält, hieß es. In die gleiche Kerbe haute Analystin Meridith Whitney vom Broker Oppenheimer. Sie
warnte heute, die Citigroup verfüge über zu wenig Eigenkapital um die - von der Immobilien- und
Kreditmarktkrise verursachten - Risiken auszugleichen. Daher bestünde kein Zweifel, dass die Citi sich
neues Kapital beschaffen muss - etwa durch Ausgabe von zusätzlichen Aktien - und ihre Dividende nochmals
senken wird. Zu allem Überdruss kürzte auch noch der Broker Sanford C. Bernstein & Co. seine
Gewinnschätzungen für die Branchennachbarn drastisch, für Goldman Sachs Group Inc., Lehman Brothers
Holdings Inc. und Bear Stearns Cos. jeweils um mehr als 40%. Laut Bloomberg ist Sanford C. Bernstein &
Co. bereits der vierte Broker, der in den vergangenen 2 Wochen die Gewinnschätzungen für die jeweils
anderen Broker kürzte - und damit jeweils die Stimmung an der Weltbörsen verdarb. „Das Geschäft mit
den Anleihen und der Handel dürften den Aktionären der Investmentbanken im laufenden Quartal Sorge
bereiten“, hieß es.
Kurz vor Schluss drehte der Markt plötzlich wieder. Auslöser war ein
Fernsehbericht: Der TV-Kanal CNBC meldete, dass eine Rettungsaktion für den angeschlagenen
Anleihenversicherer Ambac kurz bevorsteht. Glaubt man dem Sender haben sich eine Reihe internationaler
Bankhäuser, darunter Citigroup, UBS und BNP Paribas - verbündet, um dem 2. größten
Anleihenversicherer der Welt aus der Patsche zu helfen. Der Rettungsplan soll am kommenden Montag
verkündet werden. Da die Anleihenversicherer für gigantische Summen geradestehen, sind sie für das
Funktionieren der Finanzmärkte extrem wichtig. Kein Wunder also, dass der Wall Street plötzlich ein
Stein vom Herzen fiel. Die Konsequenz: Die Indizes, die tief im roten Bereich gependelt hatten, sprangen
plötzlich ins Plus und schlossen nahe den Tageshochs.
Per Saldo gewann der Dow Jones
Industrial Average 0,79% auf 12.381 Punkte, der S&P 500 avancierte um denselben Prozentsatz auf 1353
Punkte, der technologielastige Nasdaq Composite Index verbesserte sich um 0,16% auf 1.353 Punkte.
Im Vergleich zur Vorwoche gewann der Dow 0,27%, der S&P 500 stieg 0,23. Die Nasdaq verlor
dagegen 0,79%.
Dow Jones Average: Übertreibung zurückgenommen
Die
späte Rallye bescherte dem Dow immerhin 25 Gewinner, lediglich 5 Titel bleiben im roten Bereich hängen.
Es versteht sich, dass die Finanz-Titel zum Schluss die Nase vorne hatten: Der Tagesgewinner bei den Blue
Chips war die American International Group. Der größte Versicherer der Welt gewann 2,71% auf 48,88
Dollar, JP Morgan avancierte 2,00% auf 43,93 Dollar. Der Finanzkonzern wurde allerdings von Verizon auf
den dritten Platz verwiesen. Der Telefonriese kletterte 2,38% auf 36,20 Dollar. Damit konnte der
Telekommunikationsdienstleister wieder etwas Boden gut machen. Am Anfang der Woche war das Papier unter
Druck gestanden, weil die Investoren einen zu scharfen Preiskampf im US-Geschäft befürchteten. Jetzt
wurde die Übertreibung zurückgenommen.
Der Flop unter den Blue Chips war Intel. Der
Halbleitergigant verlor 2,36% auf 19,82 Dollar. Der Broker Friedman, Billings, Ramsey warnte, dass die
flaue Konjunktur in den USA den Chip-Konzernen schaden könnte. Deshalb sind derzeit an der Wall Street
manche Technologiepapiere so angesagt, wie hierzulande Konten in Liechtenstein. Das traf auch Microsoft,
die 1,49% auf 27,68 Dollar nachgab. General Motors bröckelte 0,91% auf 24,08 Dollar. Der Autoriese wurde
heute durch eine Beteiligung an der Finanzierungsgesellschaft GMAC (früher die Finanztochter von General
Motors für Kredite an Autokäufer) belastet. Die Ratingagentur Standard and Poor`s hatte heute deren
Rating gesenkt. Hohe Verluste aus dem Hypothekengeschäft von GMC belasteten dort auch die übrigen
Geschäftszweige, hieß es zur Begründung. Das geringere Rating behindere die Geschäfte von GMAC und
mindere daher den Wert der General Motors-Beteiligung, erklärten Analysten.
S&P 500:
Vorsichtige Auswahl
Der wahre Gewinner des Tages ist natürlich der Anleihenversicherer Ambac.
Beflügelt von der auf CNBC angekündigten Rettungsaktion sprang das Papier 16,03% auf 10,71 Dollar. Der
Rivale MBIA gewann immerhin 2,35% auf 12,18 Dollar. Die Hoffnung auf eine Entspannung in der Kreditkrise
half auch vielen anderen ausgebombten Finanz-Titeln:
Die Bankholding First Horizon gewann 7,29% auf
19,14 Dollar. National City Corporation, ebenfalls eine Finanzholding, avancierte 5,44% auf 16,85. Auch
die gebeutelten Broker konnte per Saldo zulegen, am besten schnitt dort Merrill Lynch mit einem
Tagesgewinn von 4,22% auf 53,05 Dollar ab.
Der Kreditenkartenanbieter Discover avancierte 6,64% auf
15,10 Dollar. Morgan Stanley hob den Dienstleister von „Untergewichten“ auf „Übergewichten“ und
das Kursziel von 15 Dollar. auf 24 Dollar. Die Aktie sei weniger riskant als die Papiere der
Konkurrenten, weil Discover bei seiner Kundenauswahl vorsichtiger sei, hieß es. Wie es der Zufall, will
gewann der Mediendienstleister Discovery Holdings 4,98% auf 22,96 Dollar. Dort hat die Credit Suisse das
Urteil von „Underperform“ auf „Neutral“ angehoben. Eine positivere Analysteneinschätzung trug
auch dazu bei, dass International Game Technology 5,37% gewann und auf 48,26 Dollar schloss - ein
52-Wochenhoch. Die Citigroup glaubt, dass Hersteller von Slot Geräten für Las Vegas Casinos gute
Chancen auf reichliche Aufträge hat. Dafür sprächen jedenfalls die zahlreichen Entwicklungsprojekte
(neue Casinos und Hotels) der Las Vegas-Konzerne.
Im Schatten blieben dagegen die
Hypotheken-Goliaths - trotz später Finanz-Rallye: Fannie Mae fiel 0,93% auf 28,72 Dollar, Freddie Mac
sank 4,11% auf 26,61 Dollar. Merrill Lynch senkte die Daumen für die beiden Hypothekenriesen und stufte
beide auf „Verkaufen“ herunter (vorher: „Neutral“ ). Der Grund: Die schwache Entwicklung der von
beiden Finanzinstituten vergebenen Kredite setze sich fort, weil die Krise bei den beliehenen Eigenheimen
weiter anhält, heißt es. Sovereign Bancorp verlor 4,68% auf 11,62 Dollar, zwischenzeitlich hatte die
Bankholding mehr als 10% abgegeben. Dort irritierte der plötzliche Rücktritt des Finanzchefs und weckte
die Frucht vor weiteren hohen Abschreibungen.
Nasdaq: Verhinderte Schwäche
Die Nasdaq litt unter der derzeitigen - konjunkturbedingten - Abneigung der Wall Street gegen
Technologiewerte.
Der Philadelphia Semiconductor Sector Index, der 19 Halbleiter-Titel erfasst,
begnügte sich mit plus 0,13% auf 351,88 Punkte. Ein Lichtblick war Nvidia mit einem Tagesgewinn von
4,84% auf 22,32 Dollar, ohne dass es dafür Nachrichten gab.
Research in Motion, Hersteller des
BlackBerry, gewann 1,18% auf 107,95 Dollar. Gestern hatten die Kanadier bereits 8,97% zugelegt. Der
Smartphone-Produzent hatte bereits gestern seine Umsatz- und Gewinnziele für das laufende Jahr
bekräftigt. Außerdem hoben die Kanadier ihre Prognose für das Wachstum bei den Abonnenten ihrer
Kommunikationsdienste an. „Die erwartete saisonale Abschwächung trat nicht ein“, hieß es dort. Der
Rivale Apple verlor dagegen 1,71% auf 119,46 Dollar. Der Darling des vergangenen Jahres schwächelt schon
seit Wochen. Dort belastet weiterhin die Angst vor einer Wachstumsverlangsamung bei iPods und iPhones.
Der Broker Bernstein Research gibt sich skeptisch und bezeichnet Apples Ziel, 10 Millionen iPhones im
laufenden Geschäftsjahr zu verkaufen, als „optimistisch“.
Intuit brach um 9,20% ein und
schloss auf 27,05 Dollar Der Spezialist für Buchhaltungs- und Steuer-Software, hatte gestern zwar im
Rahmen seiner Quartalszahlen die Gewinnerwartungen geschlagen, Umsatz und Ausblick verfehlten aber die
gesetzten Marken. Vor allem QuickBooks, eine Finanzmanagement-Software für kleine Unternehmen, verkaufe
sich langsam, hieß es. Da half es wenig, dass die Broker Oppenheim blieb bei „Outperform“ und
Jefferies & Co. bekräftigt die Kaufempfehlung, korrigierte allerdings das Kursziel von 34 Dollar auf 33
Dollar.
Internet: Streik der Verkäufer
Der Turnaround des Tages im Bereich
Internet war Amazon.com. Der E-Commerce-Pionier war gestern um 5,08% eingebrochen, heute stieg er um
3,12% auf 72,08 Dollar. Gestern war der Onlinehändler anscheinend ins Visier der Leerverkäufer geraten.
Der Anlass war die Meldung gewesen, dass Amazon-CEO Jeff Bezos 1,85 Millionen Aktien im Wert von 135
Millionen verkaufte (Kurs 73.21 Dollar). Heute wurde vermutlich die Tatsache zur Kenntnis genommen, dass
Bezos weiterhin noch 99,3 Millionen Aktien hält (Wert etwa 7,3 Milliarden Dollar). Die Erklärung für
den Verkauf liefert möglicherweise das sehr kostspielige Hobby von Bezos. Der Amazon-Chef betreibt auf
eigene Rechnung eine Firma, die bald Raumschiffe ins Weltall senden will. Der Rivale Ebay gewann 2,55%
auf 27,71 Dollar. Dort half der Broker Bernstein Research, der zwar sein Kursziel auf 36 Dollar senkte
(vorher: 40 Dollar) aber seine Einschätzung „Outperform“ bekräftigte. Die Aktie sei nach dem
Kursrückgang der vergangenen Monate unterbewertet, da verschiedene wachstumsorientierte Investoren wohl
in jüngster Zeit ausgestiegen sind, so der Broker. Das sei möglicherweise eine Überreaktion auf einen
Streik mancher Ebay-Verkäufer aus Ärger über eine veränderte Gebührenstruktur, hieß es.
Yahoo stagnierte bei 28,42 Dollar. Das Portal wird jetzt von verschiedenen Aktionären vor Gericht
verklagt, weil das Management sich bislang weigerte, das Übernahmeangebot von Microsoft zu akzeptieren.
Das Angebot, das ursprünglich einen rechnerischen Wert von 31 Dollar hatte, ist jetzt weniger wert, da
die Übernahme auch in Microsoft-Papieren bezahlt werden soll. Da der Kurs von Microsoft inzwischen um
mehr als 10% gefallen ist, hat sich der Wert des Übernahmeangebots verringert. Google stieg per Saldo
0,98% auf 507,80 Dollar. Zwischenzeitlich war das Papier allerdings auf 497,55 Dollar gerutscht.
Baidu.com, Chinas Marktführer bei den Suchmaschinen, avancierte 0,70% auf 244,39 Dollar.
Öl: Teurer trotz fallender Nachfrage
Das Öl wurde heute wieder teurer. Wie gewohnt
ignorierten die Fonds die fundamentalen Daten: Seit 6 Wochen wachsen die US-Vorräte beim Rohöl (Crude)
kräftig. Gestern wurde gemeldet, dass die US-Crude-Vorräte in der vergangenen Wochen um 4.204.000
Einheiten zugenommen haben (Konsens: plus 2.400.000 Einheiten), also beinahe doppelt so stark wie
erwartet. Die Nachfrage nach Treibstoff ging gegenüber dem Vorjahr um 1,1% zurück, die Nachfrage nach
Destillaten, einschließlich Heizöl, fiel um 1,9%. Die Bestände an Crude liegen jetzt um 1,9% über dem
5-Jahresdurchschnitt. Spielt anscheinend alles keine Rolle. Die Fonds haben gekauft, weil türkische
Solden im Irak einmarschierten, berichtet Bloomberg. Der Crude-Kontrakt für April stieg um 58 Cents auf
98,81 Dollar.
Gold: Wer zu früh schliesst.......
Die Goldrallye legte
heute eine kleine Pause ein. Laut Bloomberg führten - vorübergehend - fallende Energie- und
Rohstoffpreise zu einer leichten Korrektur. (Das Gold schloss früher als das Öl). Der April-Kontrakt
für Gold bröckelte jedenfalls 5 Dollar auf 944,20 Dollar je Unze.
Ausblick:
Montag:
16:00 Uhr Verkauf bereits bestehender Eigenheime vom Januar
Quartalszahlen: Nordstrom (Fashionhändler) und Pfizer (Viagra)
Dienstag:
14:30 Uhr
Verbraucherpreise vom Januar, 16:00 Uhr Verbrauchervertrauen vom Februar
DreamWorks Animation SKG,
Inc. (Hollywood-Studio), El Paso (Erdgas), HJ Heinz (Fertiggerichte), Home Depot (Baumarktkette), Macy´s
(Kaufhäuser). Office Depot (Büroausstatter), Target (Supermarktkette)
Mittwoch:
14:30
Uhr Auftragseingänge dauerhafte Güter vom Januar, 16:00 Uhr Verkauf neuer Eigenheime vom Januar, 16:30
Uhr Ölvorräte der Vorwoche
Aqua America (Wasserversorger und -entsorger), Nortel Networks
(Netzwerkausrüster), Salesforce (Software)
Donnerstag:
14:30 Uhr Arbeitslosenmeldungen
der Vorwoche
Del Monte (Dosengerichte), Dell, Freddie Mac (Hypothekenbank), Gap (Fashionhändler),
Sears Holdings (Supermarktketten). Sprint Nextel (Telekommunikation), Viacom (Medienkonzern,
einschliesslich MTV)
Freitag:
14:30 Uhr Einkommen und Ausgaben der privaten Haushalte
sowie Erzeugerpreise alle vom Januar, 15:45 Uhr Chicago Einkaufsmanagerindex (Industrieentwicklung im
Ballungsgebiet) von Februar, 16:00 Uhr revidiertes Verbrauchervertrauen Universität Michigan
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