Die Banken- und Verschuldungskrise im Dezember 2007 Analyse und Bewertung
„Jede Zeit
hat ihre Flucht aus der Wirklichkeit“ (Hermann Hesse)
Auszüge aus dieser Quelle: http://mack-weise.de/pdf/aktuell/M&W-FactSheet_Bankenkrise_2.pdf -------------------------------------------------------------------
Warum die Krise
gerade erst begonnen hat Noch im letzten Jahr konnte oder wollte selbst die US-Notenbank Fed
keine Übertreibungen an den US-Immobilienmärkten feststellen – und das nach einem furiosen
Preisanstieg von über 86 % seit dem Jahr 1996. Erst im Dezember 2006 wurde erstmals ein Problem am
Häusermarkt diagnostiziert, nachdem es sich verbal nicht mehr zudecken ließ. Der steigende Ausfall an
zinsangepassten Krediten ließ sich nicht mehr verheimlichen. Für die Ökonomin G. D. Fosler,
Chefvolkswirtin des Conference Board, eines der wichtigsten Wirtschaftsforschungsinstitute der Welt, hat
die Krise gerade erst begonnen, andere sprechen lediglich von „Übersteigerungen“ an den
Kreditmärkten (Prof. Dr. Zeitler, Vizepräsident der Deutschen Bundesbank), einer „lösbaren Krise“
(J. Ackermann, Chef Deutsche Bank) oder gar dem „Platzen einer Spekulationsblase“ (N. Roubini,
US-Professor für Volkswirtschaft und ehemaliger Präsidentenberater). Ja – was denn nun?
Mit Vollgas gegen die Wand – wozu gibt es eine Vollkasko-Versicherung? Alan Greenspan,
der gefeierte Pop-Star der Finanzbranche, ließ alle wissen, dass die Fed nichts gegen überschießende
Preise an den Finanzmärkten unternehmen wird. Die Finanzindustrie verstand sofort und ließ sich nicht
zweimal bitten. Im Wissen, vollkasko-versichert zu sein, wenn es mal schief geht (siehe LTCM-Krise 1998),
wurde das Risiko kräftig erhöht – bis hin zur Gefährdung der eigenen Existenz (massive
Eigenkapitalprobleme bei z. B. Citigroup, Fannie Mae und Freddie Mac). Ein Begriff aus der
Versicherungsbranche bezeichnet dieses Verhalten: „Moral Hazard“. Auch die englische Notenbank (BoE),
einst so hart und eisern wie Margaret Thatcher, schmolz wie Butter in der Sonne, als der Finanzierer
Northern Rock an ihre Pforten klopfte. Die Büchse der Pandora wurde geöffnet, und mit dem Finanzierer
Paragon steht schon der nächste zu Rettende parat. Übrigens – auch in Deutschland wird fleißig
gerettet.
Mit Finanzinnovationen, außerbilanziellen Zweckgesellschaften, Private Equity
oder Hedgefonds konnten die Banken ihr teures Eigenkapital schonen und ein immer größeres Rad drehen
– mit fatalen Folgen für die Wirtschaft, aber auch jeden Einzelnen. Sie führten neben dem
amerikanischen auch gleich das globale Finanzsystem an deren Belastungsgrenzen heran, so dass G. Peters,
Kreditstratege von Morgan Stanley, heute eine 50 %ge Wahrscheinlichkeit sieht, dass das Finanzsystem
„wegen der Verluste aus den Hypotheken zu einem abrupten Halt kommen wird“.
So wie sich
heute erkennen lässt, ist nicht nur die weltweite Finanz- und Versicherungsbranche mit „wahrem
Giftmüll“ (N. Roubini) verseucht. Anfang Dezember berichtete der Spiegel, dass sich sogar die
Stadtverwaltung der norwegischen Kleinstadt Narvik – zusammen mit drei anderen norwegischen Gemeinden
– mit insgesamt 64 Mio. USD am US-Hypothekenmarkt verzockt hat.
Wie konnte es soweit
kommen? Jeder, der (unter-)schreiben konnte, durfte. Was ist in einer Spekulationsblase neben
ausreichender Liquidität immer von Nöten? Genau, ein Heer von geblendeten Ahnungslosen und diejenigen,
die die Spekulation schüren und am Laufen halten. Der fulminante Preisanstieg amerikanischer Immobilien
zog, nachdem der Zustrom gesunder Kreditnehmer zu verebben begann, auch die ungesunden (sub-prime) –
das Gros des Spekulationsheeres – an. Das Klondike-Fieber brach nun erneut in Amerika aus! Und die
Banken – sie schürten diesen Exzess, denn sie hatten mit dem „Schuldtitel-Trick“ (Verbriefung und
Weitergabe von Problemkrediten, ohne die eigene Bilanz zu berühren) offenbar die Quadratur des Kreises
gefunden.
Finanzinnovationen lassen Risiken verschwinden – oder doch nicht? Händeringend
suchten Finanzinvestoren nach dem Platzen der Dotcom-Bubble 2001 bis 2003 neue Anlageprodukte, und die
Finanzindustrie schickte ihre besten Harvard-Absolventen ins Rennen – zur Entwicklung und Produktion
eines dauerhaften Provisionsertrages. Präsentiert wurde innerhalb kürzester Zeit eine Buchstabensuppe,
die sich für die Hungrigen, aber auch zunehmend für die Sterne-Köche als schwer bekömmlich
erweist.
Um ihr Eigenkapital zu schonen bzw. die Eigenkapitalrentabilität zu erhöhen,
suchten und fanden die Banken die Lösung. Außerbilanzielle Zweckgesellschaften, sogenannte
„Conduits“ oder „SIVs“ (Structured Investment Vehicles), wurden als neue Player in den
unregulierten OTC-Märkten als verlängerter Arm der Banken aktiv.
Die außerbilanziellen
ABCP-Programme (Asset Backed Commercial Papers) in Verbindung mit RMBS (Residential Mortgage Backed
Securities: an Immobilienkredite gebundene Wertpapiere), denen als spezialbehandelte Sahnehäubchen die
Finanzinnovation des 21. Jahrhundert, die CDOs (Collateralised Debt Obligations oder „gebündelte“
Schuldtitel) aufgesetzt wurden, ermöglichten den Banken erstmals, Kreditkonsumenten mit dem Geldmarkt zu
verbinden. Konzipiert als „Schuldscheine auf Schuldscheine“, erlaubten diese eine weitere
Aufsplitterung, bis sich das inhaltliche Risiko auf nicht mehr messbar reduziert hat – so jedenfalls
berechneten es die finanzmathematischen Modelle. Das „perpetuum mobile“ war erfunden und gleichzeitig
das Risiko verschwunden. Perfekt! Oder: zu schön, um wahr zu sein. Der immense Erfolg benebelte dann
sämtliche Sinne der professionellen Marktteilnehmer.
Freunde braucht der
(Bank-)Mensch Doch es brauchte Helfer. Ein Gütestempel musste her – um die Euphorie zu
fördern. Alte Freunde wurden kontaktiert, und die Ratingagenturen nahmen ihre Arbeit auf. Die Agentur
Moody’s etwa erzielte so 2006 ca. 40 % ihres Jahresumsatzes mit der Bewertung „strukturierter
Produkte“, bei einer Umsatzrendite von 37 % nach Steuern! Ein Interessenskonflikt? Wenn man der
Finanzwelt so nahesteht und sich dazu noch aus ihren Taschen bedient, kann man schwerlich „Vorsicht!“
rufen. Nicht zu Unrecht bezeichnete der Präsident der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht
(BaFin) Jochen Sonio sie zuletzt „als größte unkontrollierte Machtstruktur im
Weltfinanzsystem“.
Derivate – die Geburtsstunde einer
„Massenvernichtungswaffe“ (W. Buffet, 2005) Nach dem Platzen der Internetblase
etablierte sich ein Anlageinstrument wie kein zweites: das Derivat. Mit diesem Instrument lässt sich so
ziemlich alles verbriefen, und die Banken entwickelten ungeahnte Kreativität. Alles wird nun handelbar
gemacht. Immobilien, Kredite, Rechte an Zahlungsströmen und, und, und …
Wo alles so perfekt
läuft, sind die Risiken nicht weit. So sind z. B. CDS (Credit Default Swaps, ein Kreditderivat zum
Handeln von Ausfallrisiken von Krediten, Anleihen oder Schuldnernamen), ursprünglich als Absicherung
für faule Kredite gedacht, das Objekt einer weltweiten Spekulation geworden. Kein anderer Bereich des
Derivate-Sektors wächst derzeit so stark wie die CDS. Diese noch junge Anlageklasse vereint mittlerweile
ein größeres Volumen als Aktienderivate (7.500 Mrd. USD) und Rohstoffderivate (7.000 Mrd. USD)
zusammen. Nach Berechnungen der Bank für internationalen Zahlungsverkehr (BIZ) lag das weltweit
ausstehende CDS-Volumen im ersten Halbjahr 2007 bei rund 43.000 Mrd. USD. Zum Vergleich: 2001 waren es
noch knapp 1.000 Mrd. USD. An das Volumen der Zinsderivate mit insgesamt 292.000 Mrd. USD reichen die
Kreditderivate allerdings noch lange nicht heran.
Die Bank JP Morgan Chase ist der
weltgrößte „Derivate-Player“. Sie besitzt Derivate im Wert von gigantischen 70.800 Mrd. USD (Stand
1. Quartal 2007) – nur etwas mehr als das 5fache des US-Bruttoinlandsproduktes (BIP)! Die Gesamtaktiva
betragen lediglich 1.351 Mrd. USD (2006). Die Citigroup, als weltweit zweitgrößter Player, vereint ein
Derivatevolumen von lediglich 34.800 Mrd. USD, das etwa dem 2,5fachen des US-BIP entspricht, auf sich.
Davon sollen allein 2.930 Mrd. USD auf besonders risikoreiche Kreditderivate, für die derzeit keine
Marktpreise abrufbar sind, entfallen! Die vorerst geglückte Rettung der mit Eigenkapital-Problemen
kämpfenden Citigroup durch einen arabischen Staatsfonds kostet die Bank nun jährlich happige 11 %
Zinsen!
Willkommen im Casino Nach Angaben der Bank für den internationalen
Zahlungsverkehr (BIZ) sind weltweit ca. 613.000 Mrd. USD in Derivate verpackt – ein Anstieg von 35 %
innerhalb von 12 Monaten (06.2006–06.2007). Zum Vergleich: Das Welt-BIP beträgt lediglich 59.000 Mrd.
USD!
...
Jetzt, wo das Kind in den Brunnen gefallen ist, revidieren die
Ratingagenturen ihre ursprünglichen Einschätzungen, was die Krise wiederum verschärft. Denn derzeit
liefern sich Ratingagenturen einen regelrechten Wettstreit, wer die CDOs der SIVs am schnellsten
herabstufen kann – so dass die Banken mit Wertberichtigungen und notwendigen Rückstellungen kaum noch
nachkommen. Insgesamt haben sich die Vermögenswerte der SIVs von ursprünglich ca. 400 Mrd. USD bereits
um ein Viertel reduziert. Inzwischen sehen sich die Großbanken (z. B. HSBC, Rabobank und WestLB)
verstärkt gezwungen, ihre SIVs in die eigenen Bücher zu nehmen – und gefährden damit den Erfolg des
SIV-Superfonds.
Um all die erstklassigen, nur leider nicht handelbaren CDOs der SIVs
aufzunehmen, initiierte die Citigroup in ihrer Not – sie hat hier schließlich ca. 80 Mrd. USD im Feuer
– zusammen mit der Bank of America, JP Morgan und der US-Regierung (!) den derzeit nur noch (mangels
Interesse anderer Banken!) mit 50 Mrd. USD ausgestatteten neuen SIV-Superfonds (MLEC), der in den USA
bereits scherzhaft „SIV-Hotel“ genannt wird. (Französische Banken sind mit ihren Versuch, einen
Superfonds nach amerikanischem Vorbild einzurichten, vorerst gescheitert – vorerst!) Es sollen ab Ende
Dezember Preise (!) gestellt werden, und schon braucht es keine Wertberichtigung in den Bankbilanzen –
so das Ansinnen. Selbst Alan Greenspan erscheint diese Sache suspekt – und das will schon etwas
heißen!
Buchführung auf amerikanisch – FAS 157 Einen bilanziellen Wertansatz
der illiquiden Wertpapiere können die amerikanischen Banken aber auch ohne den Superfonds erzielen, denn
mit der sogenannten Level-3-Methode ist bilanztechnisch einiges möglich. Sie gestattet es, eigene Preise
festzusetzen (also zu schätzen!), wenn kein Marktpreis – wie bei den Kreditderivaten (CDOs) der SIVs
– ermittelbar ist, und diese in der Bilanz statt als Kapitalverringerung als Ertragsminderung
auszuweisen.
Reuters listete Anfang November dazu auf: Morgan Stanley 088,21 Mrd. $ per
31.08.07 Goldman Sachs 072,05 Mrd. $ per 31.08.07 Lehman Brothers 034,68 Mrd. $ per 31.08.07 Bear Stearns 020,25 Mrd. $ per 31.08.07 Citigroup 134,84 Mrd. $ per 30.09.07 Merrill Lynch
015,39 Mrd. $ per 28.09.07 Bank of America 021,64 Mrd. $ per 30.06.07
Es ergibt sich ein
Betrag von 387,06 Mrd. USD, nur bei diesen Banken. In Deutschland hingegen werden die Wirtschaftsprüfer
rigoros auf die Anwendung der Internationalen Rechnungslegungsstandards (IAS) 39, einem im Kern mit FAS
157 übereinstimmenden Standard, achten!
Internationale Bilanzregeln ermöglichen aber
noch nach wie vor das Verstecken der Verluste. Beispielsweise sichert Morgan Stanley einen nominalen
Gegenwert von 6.000 Mrd. USD ab – dies entspricht fast dem BIP Deutschlands! Das theoretische Risiko
wird lediglich mit 38 Mrd. USD angegeben! Das ist nicht beruhigend, wenn man sich vor Augen führt, dass
der Großteil der Wertansätze lediglich auf Schätzungen beruht. Müsste eine Bank wie JP Morgan nur gut
3 % ihres Vermögens abschreiben, wäre ihr Eigenkapital vernichtet. Bei der Deutschen Bank würden
übrigens schon 2 % Abschreibungsbedarf auf ihr Bilanzvermögen das gleiche Ergebnis bewirken.
Versagen der Bankenaufsicht „Es gibt Bankvorstände, die der Komplexität dessen, was sie
tun, nicht gewachsen sind. <…> Die Hochnäsigkeit der Manager, die wir mitunter gesehen haben – nach
dem Motto: Wir sind cleverer als die anderen – endete in einem Desaster. <…> Es ist bemerkenswert,
wie viel Zeit einige Bankmanagements brauchen, um die Risiken richtig zu bewerten. Seit Ende Juli sind
Monate vergangen und einige der Manager wissen immer noch nicht, welchen Wertberichtigungsbedarf sie
haben“, sagte Bundesfinanzminister Steinbrück in einem Interview anlässlich der IKB-Bankkrise
gegenüber der Financial Times Deutschland am 30.11. 2007. Starke Worte!
...
Auswirkungen einer Vertrauenskrise Nach der kurzfristigen Entspannung an den Geldmärkten
herrschen mittlererweile wieder dieselben Risikoaufschläge wie zum Zeitpunkt des Ausbruches der
Finanzkrise, wobei die Verspannungen panikartige Züge annehmen. Inzwischen sind einige Kapitalmärkte
völlig zum Erliegen gekommen. Der Zins für ein- bis dreimonatige Euro-Ausleihungen stieg Anfang
Dezember auf den höchsten Wert seit dem Jahr 2000! Und viele glaubten schon, das Schlimmste sei bereits
überstanden.
Auf der Titelseite der International Herald Tribune erschien jüngst ein Bericht
darüber, „dass sich die Finanzarterien schneller zusammenziehen als je zuvor aufgezeichnet“. Die
Hauptquellen für Kredite, also ausstehende kommerzielle und industrielle Kredite sowie kurzfristige
Kredite (CP: Commercial Paper), hatten im August mit 3.300 Mrd. USD ihren Höhepunkt erreicht und sind
seitdem um ca. 9 % auf nur noch 3.000 Mrd. USD gefallen. Seit Aufzeichnungsbeginn 1973 wurde noch nie ein
derart starker Rückgang verzeichnet ! Der 2.200 Mrd. USD schwere Markt für CP, der als wichtigste
Refinanzierungsquelle amerikanischer Unternehmen gilt, gerät zusehends ins Stocken.
...
Nun gerät der Markt für US-Kommunalanleihen, 2.500 Mrd. USD schwer, ins Taumeln, und die
Geldquelle für die US-Gemeinden, die sich hier zu historisch niedrigen Zinsen Geld leihen konnten,
beginnt zu versiegen. Der jetzige Risikoaufschlag ist so enorm, dass vorerst kein Geld für Schulen,
Lehrer, Straßen, Flughäfen etc. aufgenommen wird. Die für Finanzen in Miami zuständige Lasana Mack
wird von der Washington Post zitiert: „Wegen der Kreditkrise gibt es eine einzigartige und wohl auch
unvorhersehbare Dynamik“.
Die jüngsten Opfer dagegen sind Kommunalobligationenfonds, die von den US-Bundesstaaten Florida, Montana und Connecticut verwaltet werden. Der kleinste Besitz von
durch SIVs ausgegebenen strukturierten Produkten verschreckte die US-Gebietskörperschaften und
Schul-Distrikte, die ihre überschüssigen Barmittel in den staatlich verwalteten Fonds parkten.
Panikartige Verkäufe ließen einen Fonds aus Florida von über 27 Mrd. USD in kürzester Zeit auf nur
noch 15 Mrd. USD schrumpfen. Um diese Liquiditätsabflüsse zu kompensieren, müssen Fondsvermögenswerte
zu fast jedem Preis liquidiert werden!
Chip Mason, Chef und Gründer von Legg Mason, sagte
erst Anfang Dezember, dass sich der Kreditmarkt im schlechtesten Zustand seit 47 Jahren befindet. Mason
muss es wissen, denn er verwaltet über 1.000 Mrd. USD, darunter auch viele große Geldmarktfonds.
Der Staat wird als Geisel genommen Unter Führung der Fed läuteten weltweit die
Notenbanken eine lange, weiter andauernde Phase des billigen Geldes ein und sorgten in Verbindung mit
„Moral Hazard“ für ein „Eine-Billion-Dollar-Problem“ (bei schlecht besicherten Hypotheken), um
die Worte von Bill Gross, PIMCO-Fondsmanager, zu benutzen. Ausgerüstet mit den „Greenspan-Put“,
überschritten die maßgeblichen Akteure erneut die Schwelle in die Krise und erwarten Rettung in
höchster Not. Der Staat als letzter Gläubiger ist gezwungen, den verlorenen Einsatz aus dem Feuer zu
holen – wie schon so oft! Und alles bleibt beim Alten – bis zum nächsten Mal!
Ein Kollaps
des Kreditmarkts ist weitaus schlimmer als das Platzen einer Aktienblase. Wenn die Aktien krachen,
verliert man Vermögen. Wenn hingegen der Kreditmarkt kracht, geht die eine oder andere Bank Pleite,
Hedgefonds kollabieren, das Private-Equity- und Venture-Capital-Geschäft ist schlagartig beendet, und
als Folge wird es für Unternehmer und Privatleute schwieriger, Kredite zu erhalten. Was genau bei einem
Crash im Kreditmarkt eines globalisierten Finanzmarktes passiert, weiß aber niemand, denn dieser Markt
ist noch nie zusammengebrochen!
Der Plan zur Rettung wird von den Finanzakrobaten natürlich
gleich mitgebracht! Der Europa-Chefvolkswirt der Deutschen Bank forderte, dass „die Verluste (der
Finanzindustrie) über eine steigende Inflation sozialisiert werden sollten“. „Inflation ist eine der
perfidesten Formen der Enteignung der kleinen Sparer“, so Frau Bundeskanzlerin Dr. Merkel. Dabei
verschweigt sie, dass der hochverschuldete Staat der Inflationsprofiteur schlechthin ist.
...
Trotz eines Schön-Wetter-Ausblicks ist gut zwei Monate später erneut die US-Notenbank
„außergewöhnlich alarmiert und flexibel“ (Ben Bernanke) „angesichts der hohen Unsicherheit über
die weitere Entwicklung der Wirtschaft“ (Donald Kohn, Vizechef der US-Notenbank). Laut Kohn wird
die Fed ihre „Geldpolitik pragmatisch gestalten“ und kann daher nicht die US-Wirtschaft leiden
lassen, „bloß um ein paar Spekulanten eine Lektion zu erteilen“. So kündigten beide die nächste
Senkung auf Inflationsniveau am 11.12. 2007 an und bereiten zukünftigen Spekulations-Blasen neuen
Nährboden! Bernanke ignoriert den 16 %igen Anstieg der US-Geldmenge „Money of Zero Maturity“ (MZM)
bzw. den Schuldenzuwachs der US-Wirtschaft um 12 % auf Jahressicht! Wie sehr sich die Verantwortlichen
mit ihrer Rolle des Zuschauers abgefunden haben, zeigt sich an der Rede von Prof. Dr. Zeitler, die er am
19.10. 2007 im Rahmen der 10. Euro Finance Week hielt: „… Ebenfalls naheliegend ist die Frage, ob man
solche Turbulenzen in Zukunft verhindern kann. Ich meine, wir werden in Zukunft damit leben müssen.“
Die perfekte Geiselnahme!
Der Retter naht – und belohnt „Moral Hazard“ und
Leichtsinn. Sie haben Schwierigkeiten mit Ihren Verträgen? Wir ändern einfach die Bedingungen
– blitzschnell! Wir werden nicht zulassen, dass Verträge für Sie zu einem Problem werden! Zu viel
Geld ausgegeben? Knapp bei Kasse? Keine Sorge, wir werden noch etwas nachdrucken!
Die
US-Regierung verkündete nun, die schlimmsten Folgen der in den kommenden zwei Jahren anstehenden
Neujustierung von Ramschhypotheken im Volumen von ca. 367 Mrd. USD aus ca. 1,7 Mio. Subprime-Krediten
auffangen zu wollen. Trotzdem werden der Fed zufolge bereits im nächsten Jahr ca. 1,8 Mio. Hausbesitzer
die Belastung einer deutlichen Zinssteigerung verspüren, von denen es wahrscheinlich 500.000 nicht
schaffen werden.
George Bush präsentierte am 06.12. 2007 den von der Immobilienkrise
Betroffenen seinen Rettungsplan „Hope Now Alliance“ – und der Aktienmarkt reagierte mit „Standing
Ovations“! Die Lösung des Kreditproblems soll ganz weit in die Zukunft verlagert werden! Nach
Schätzung der Bank Barclays Capital werden aber nur 12 % aller Subprime-Schuldner – etwa 240.000 –
Hoffnung haben dürfen. Ansonsten hofft die Bush-Regierung, dass vor allem die Gläubiger des
„Giftmülls“ auf ihre vertraglichen Rechte verzichten werden.
„Hope now“ – im
Stile einer „Bananenrepublik“! „Es ist nicht übertrieben zu sagen, dass die
Unantastbarkeit von Verträgen, die im guten Glauben eingegangen worden sind, eine der tragenden
Säulen des Kapitalismus ist. Wenn wir diese Unantastbarkeit entwerten, sehen wir weitaus größeren
Liquiditätsengpässen entgegen als demjenigen, in dem wir jetzt stecken“, warnt die
Deutsche-Bank-Analystin K. Weaver angesichts der US-Regierungspläne, in bestehende Verträge
einzugreifen, zu Recht.
Den Kopf in der Schlinge Augenscheinlich ist jetzt das
Limit erreicht, jenseits dessen die Verschuldung nicht mehr wachsen kann! Seit 2001 erhöhten sich die
Schulden der US-Haushalte von 7.000 auf 13.000 Mrd. USD. Stagnierende Löhne (das Realeinkommen der
amerikanische Haushalte liegt heute 1.000 USD unter dem Stand von 2000, ca. 48.000 USD), steigende
Rohstoffpreise, fallende Immobilienpreise und dazu noch eine restriktivere Kreditvergabe nach der
jüngsten Krise werden die Situation des Einzelnen weiter verschärfen. Löhne und Gehälter machen
bereits heute den geringsten jemals ermittelten Anteil am US-BIP seit 1947 aus. Der Ausfall des
amerikanischen Verbrauchers, der für ca. 70 % des US-BIP und etwa ein Drittel des gesamten Konsums auf
der Welt verantwortlich ist (Focus Money Nr. 32/2007), wird nur schwer zu verkraften sein.
Im Land der unbegrenzten Möglichkeiten Ein Blick auf die Entwicklung der amerikanischen
Wirtschaft in den letzten 50 Jahren offenbart deren Veränderungen – von Ersparnissen hin zu Schulden,
von Produktion hin zu Finanzierungen, von der Güterproduktion hin zum Kauf von Gütern.
Der
Währungshüter der US-Bankaufsichtsbehörde Walker schätzt sogar, dass die Summe der ausstehenden
besicherten wie auch unbesicherten US-Schulden die astronomische Summe von 71.000 Mrd. USD erreicht hat.
Knackige Zahlen lieferte die Fed am Abend nach Bush’s Rede und lieferte den wahren Grund für die
„Standing Ovations“. Endlich über 30.000 Mrd. USD, um genau zu sein 30.641 Mrd. USD: das ist der
Schuldenstand des nichtfinanziellen Sektors (Haushalte, Unternehmen, Staat) Ende des 3. Quartals. Der
Finanzsektor bringt weitere 15.435 Mrd. USD ein. Wie viel Schulden verträgt eine Volkswirtschaft?
Scheinbar läuft der Praxistest theoretischer Modelle.
Ein Blick zurück? Vielleicht hat einer der erfolgreichsten Vermögensverwalter der USA, Jeremy Grantham, Recht. Er
beschreibt die Situation so: „Der Brontosaurus wurde in den Schwanz gebissen, aber die Information hat
noch nicht sein winziges Gehirn erreicht“.
„Der Überschuss an Krediten, den die
Nationalbank von Japan und die Fed in die Wirtschaft gepumpt hatten, sprang auf den Aktienmarkt über –
was einen phantastischen spekulativen Boom auslöste. Verspätet wurde von den Vertretern der Federal
Reserve versucht, den Liquiditätsüberhang abzuschöpfen und schließlich gelang es auch, den Boom zu
stoppen. Aber es war zu spät. <…> Die Weltwirtschaft stürzte in die große Depression der 30er
Jahre.“
Alan Greenspan’s Analyse zur Weltwirtschaftskrise 1929, veröffentlicht 1966
im The Objectivist
Der Amerikaner würde sagen "a good read" 
mfg el
gato
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