29.08.2007 - 21:06 Uhr
FTD: Die Männer, die General Electric nachbauen
In der Schweiz bahnt
sich Abenteuerliches an. Ein ambitionierter Manager, ein kampfeslustiger Baron und ein Oligarch könnten
eine Art eidgenössisches General Electric formen - wenn alle an einem Strang ziehen.
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Eine Woche brauchte Thomas Limberger, um zurückzukommen. Vergrault hatten sie ihn bei Oerlikon,
dem Schweizer Industriekonzern, den der deutsche Manager zu Großem führen wollte. Aus dem Hersteller
von Vakuumpumpen und Oberflächentechnik sollte, so die kühne Vision, eine Art eidgenössisches General
Electric werden.
Limberger, der sich damit rühmt, dass er mit der "Machete durch
den Unternehmensdschungel" geht, hatte das Management ausgewechselt, zugekauft, er war dabei, alles
umzukrempeln, was sich umkrempeln ließ - da wurde den Hauptaktionären die Sache zu heiß. Sie wollten
lieber einen "behutsamen Landschaftsgärtner", wie ein Insider sagt. Das ließ sich Limberger nicht
gefallen. Am 8. Mai ging er. Und am 15. Mai war er wieder da - als Chef des Unternehmens Von Roll.
Die Branche war fassungslos: Was, bitte schön, will Limberger bei einem unbekannten Schweizer
Isoliermaterialhersteller? Seit einigen Wochen ahnt man es: Er will natürlich Großes schaffen.
Expandieren. Zukaufen. Aus Von Roll etwas schmieden, was er bei Oerlikon nicht geschafft hat - eine Art
eidgenössisches General Electric. Er will seine Vision zu Ende führen. Und plötzlich taucht er am
Rande wieder auf: der Name Oerlikon.
Es gibt nur Indizien, aber wenn an ihnen etwas dran ist,
verbirgt sich dahinter ein Masterplan, der nicht nur in der Schweizer Industriegeschichte an
Tollkühnheit seinesgleichen suchen würde: Von Roll, so berichten Insider, könnte Oerlikon übernehmen.
"Limberger hat seine Pläne, die er mit Oerlikon hatte, nicht vergessen", sagt ein Vertrauter Limbergers.
Der Schweizer Konzern mit 19.000 Beschäftigten steht zwar nach einer Krise wieder gut da - aber der
Aktienkurs ist im Keller, hat sich in den vergangenen Monaten halbiert.
In alle Richtungen
sucht das "laufende Netzwerk", wie Limberger auch genannt wird, für seine Expansionspläne derzeit
Verbündete, hinter den Kulissen läuft ein abenteuerliches Spiel. Dunkle und illustre Gestalten mischen
mit: ein kampfeslustiger deutscher Baron, zwei verrufene österreichische Investoren, ein russischer
Oligarch, diverse Finanzinvestoren - und ein wenig sogar die Deutsche Bank.
Einen Partner hat
Limberger bereits gefunden: August von Finck, ein schillernder deutscher Milliardär und Hauptaktionär
bei Limbergers neuem Arbeitgeber.
Von Roll ist für den ehrgeizigen Manager ein perfektes
Vehikel: Der Traditionskonzern ist Machtbasis, Rückzugsraum und Startrampe zugleich. Er ist die
Verpackung, in die die Zutaten der kühnen Vision einfließen könnten. Einst waren die Schweizer ein
Stahlunternehmen, doch Mitte der 90er-Jahre stiegen sie aus der Branche aus, gingen vor fünf Jahren
beinah Konkurs. Seitdem werkelt Von Roll in einer Nische, verdient sogar ein wenig Geld.
Einem Großaktionär, der alle Tiefs und Verluste jahrelang eher zurückhaltend erduldet hatte, ist das
seit einigen Monaten plötzlich zu wenig: August von Finck. Der Spross der berühmten Bankiersfamilie,
der ein knappes Drittel an Von Roll hält, hat vor zwei Wochen die Macht an sich gerissen.
Auf einer außerordentlichen Vollversammlung putschte er gegen den Verwaltungsrat, besetzte ihn mit
Gefolgsleuten und drückte eine Kapitalerhöhung in Höhe von 323 Mio. Schweizer Franken durch. Geld, mit
dem was passieren soll. Geld für Thomas Limberger.
Von Finck und Limberger kennen sich seit
sieben Jahren, von Zeit zu Zeit treffen sie sich in München. Der Baron hält viel von dem deutschen
Manager, wegen des Elans, mit dem er seine Vision für Von Roll verfolgt.
Limberger liebt das
Tempo, fliegt Helikopter, geht am Abend gern mit Freunden Kart fahren. In der Woche hetzt er quer über
den Globus, trifft Geschäftspartner und mögliche Investoren - alles für das eine Ziel. "Von Roll soll
zu früherer Größe finden und den glanzvollen Namen wieder in die Welt tragen", sagt er. Das bestehende
Geschäft sei ja schön und gut. "Aber es braucht neue Bereiche, um nachhaltig in der Technologiebranche
wachsen zu können."
Die Vision eines neuen General Electric ist eigentlich nur logisch für
den Mann. Bis 2005 arbeitete er als Deutschlandchef für den US-Konzern. Gern plaudert Limberger von
seiner Zeit in dem Konzern, breitbrüstig sitzt er dann da, die Hände hinterm Kopf verschränkt. Er
verehrt seinen früheren Arbeitgeber noch heute, hat ein Faible für den Ex-GE-Chef Jack Welch und dessen
rigorosen Managementstil. Gern ist er nicht weggegangen. Doch der 40-Jährige wollte mehr sein als
München-Statthalter. "Ich bin ein Risk-Taker", sagt er. Bis ganz oben ist er bei dem US-Konzern nicht
gekommen, also versucht er, ein Abbild zu schaffen. Zuerst bei Oerlikon. Und nun mit Von Roll? Mit von
Finck hat er zumindest einen gefunden, der auch expandieren will.
Im Mai hat der Baron mit
seiner Attacke begonnen. Er schickt Von Rolls Verwaltungsrat einen Brief, in dem er seine neuen
Ambitionen darlegt. Im Unternehmen ist man "befremdet", mit anderen Worten: wie vor den Kopf gestoßen.
Das Management und andere Großaktionäre wollen lieber organisch wachsen. Monatelang sucht von Finck
Unterstützer für die Kapitalerhöhung und die Expansionspläne. Mitte August folgt dann der Showdown.
Überraschend klar entscheidet von Finck die Machtprobe für sich. Die überwältigende Mehrheit der
Aktionäre stimmt für seine Pläne.
Gleichzeitig baggern die ehrgeizigen Konzernbauer
Finanzinvestoren an, ob sie sich nicht an Zukäufen beteiligen könnten. Die Verhandlungen laufen. Geld,
so sieht es aus, wird nicht das Problem sein. Aber Limberger und von Finck brauchen noch weitere
Verbündete.
Hier könnte der russische Oligarch Viktor Wechselberg ins Spiel kommen. Der
50-jährige Milliardär ist einer der reichsten Männer Russlands, ist aber viel weniger bekannt als
Roman Abramowitsch oder Boris Beresowski. Nur in Kunstkreisen erregte er Aufsehen, als er für 100 Mio. $
die weltberühmten Fabergé-Juweleneier erwarb und den Kauf bei einem Lunch mit dem Sotheby's-Chef
klarmachte.
Nun könnte er auch in der Wirtschaftswelt für Furore sorgen. Nach und nach hat
er sich in Schweizer Industriekonzerne eingekauft. Er hält auch 14 Prozent an Oerlikon. Ihn müsste
Limberger für seine Vision gewinnen. Dem Vernehmen nach soll er sich mit dem Deutschen sehr gut
verstehen.
Wechselberg ist deshalb interessant, weil die Causa Oerlikon schon mal auf seinem
Tisch gelegen haben soll. Bereits vor einigen Wochen hat der Oligarch seine Anteile bei dem
Maschinenbaukonzern Sulzer aufgestockt. Verkauft haben die Anteile zwei sehr umstrittene österreichische
Investoren: Georg Stumpf und Ronny Pecik, die auch 30 Prozent an Oerlikon halten. In der Schweiz haben
sich die Eigner der Wiener Investmentgesellschaft Victory den Ruf als "Räuber" und "Schlangenfresser"
erworben. Gerüchte besagen, die hätten dem Russen auch ihre Oerlikon-Anteile angeboten. Doch der
entschied sich für Sulzer.
Nun soll Wechselberg angeblich bei Victory um die Option buhlen,
doch noch 15 Prozent an Oerlikon kaufen zu dürfen. Die könnte er nach Brancheninformationen
wahrscheinlich bekommen, weil zumindest Pecik wankt - während Stumpf nach außen dementiert und sogar
ankündigt, selbst nach Zukäufen zu suchen.
Einige Skeptiker halten das Szenario für
unrealistisch: "Ich würde fast ausschließen, dass Stumpf und Pecik auf dem jetzigen Kursniveau
verkaufen", sagt ein Investmentbanker, der mit der Materie vertraut ist. Andere Stimmen sagen indes: Sie
müssen es tun - denn beide sollen sich mit Kaufoptionen für Oerlikon übernommen haben. Dem Kursverfall
der Oerlikon-Aktie gingen Optionsgeschäfte voraus, die den Preis zunächst in schwindelnde Höhen
getrieben hatten - dahinter vermuten manche Pecik und Stumpf.
Sollten die Österreicher stur
bleiben, läge eine weitere Chance in der Deutschen Bank. Sie hält knapp 17 Prozent, Optionen
eingerechnet, sogar 40 Prozent. Eine Story, die der Aktie von Oerlikon wieder Auftrieb gibt, könnte den
Frankfurtern ganz gelegen kommen - zumal sie mit ihren Optionsgeschäften selbst zu der absurden Rally
beigetragen haben. Derzeit untersucht sogar die Schweizer Börsenaufsicht, ob die Bank ihre
Meldepflichten verletzt hat.
Sollte Limberger Oerlikon schlucken wollen, müsste er also
einige Anteilseigner auf seine Seite ziehen. Nach außen bestreitet er indes Ambitionen. Eine komplette
Übernahme liege "nicht in unserem Zielfokus".
Bei diesem Hin und Her scheinen selbst die
Haushistoriker bei Von Roll nicht mehr durchzublicken. Klickt man auf der Homepage den Link "Geschichte"
an, erscheint dort der Hinweis "In Bearbeitung". Wie recht sie haben.
Mitarbeit: Angela Maier
Autor/Autoren: Christian Höller (Wien), Thomas Fromm (München) und Horst von Buttlar
(Hamburg)
(c) FTD