nachfolgend ein artikel von jochen steffens :
Ein nicht unerheblicher Teil der Trader kommt
aus dem Lager der erfolgreichen Unternehmer und Akademiker. Diese verfallen gerne einer ebenso logischen
wie falschen Überlegung:
Sie haben durch ihren beruflichen Erfolg eindrucksvoll bewiesen,
dass sie sich gegenüber einer Masse von Konkurrenten durchsetzten konnten. Zumeist begründen sie das
mit ihrer Intelligenz. Also müssten sie doch auch an der Börse erfolgreich sein können. Wir stellen
uns nun vor, indem wir in gewohnter Weise die Situation deutlich überspitzen, wie die Falle der Börse
die Intelligenz demütigt: Dazu erschaffen wir einen zukünftigen Trader namens "T". Dieser hat zunächst
ein Hochschulstudium mit Bravur abgeschlossen, wurde danach ein wenig in der Wirtschaft rumgereicht und
hat dann ein eigenes erfolgreiches Unternehmen aufgebaut.
In diesem Werdungsprozess hat T eins
begriffen: Es gilt, größtmöglichen Gewinn bei geringstem Aufwand zu erzielen. Eines Tages rät ihm ein
"Freund", sein Geld doch an der Börse anzulegen. Gesagt getan – der erste Schritt zur Demütigung der
Intelligenz ist vollbracht. Es passiert, was passieren muss. T schafft es, in einem Monat aus 30.000 Euro
35.000 Euro zu machen. Dazu ist lediglich eine kurze Handlungen nötig gewesen: Er hat seine Bank
angerufen und Aktien gekauft.
In diesem Moment wird sein Geschäftssinn geradezu erleuchtet.
Eins ist klar: Nirgendwo sonst, so scheint es, kann mit weniger Aufwand mehr Gewinn erzielt werden. Er
hat den Heiligen Gral zum unendlichen Reichtum gefunden! Doch dies ist nur seine erste große
Fehleinschätzung, die zweite folgt sogleich: T lehnt sich zufrieden lächelnd zurück, nimmt seinen
goldenen Füllfederhalter zwischen Daumen und Zeigefinger beider Hände und kurbelt sinnierend sein
Gehirn auf Hochleistung: "Ich bin wesentlich intelligenter, als die meisten. Das habe ich in meinem Leben
bereits eindrucksvoll bewiesen. Ich werde natürlich auch an der Börse, allein schon durch mein Wissen
und meine Intelligenz, einen großen Vorteil gegenüber all den anderen Idioten haben, die sich da
rumtreiben." Damit hat er seine zweite und vielleicht ruinöseste Fehleinschätzung seines Lebens
besiegelt.
Als Unternehmer, aber auch in vielen akademischen Berufen, ist es sehr wichtig,
eine Meinung zu bilden und diese danach (!) zu vertreten und argumentativ zu belegen. In meinem
Jurastudium wurde mir sogar beigebracht: "Die Meinung, die sie in ihren juristischen Schriften vertreten,
ist vollkommen zweitrangig, wie nachvollziehbar und logisch stringent sie diese begründen, das ist der
notenentscheidende Faktor." Der geneigte Börsianer wird die Falle schon weit offen stehen sehen.
Trader T macht sich also daran, eine Aktie zu finden. Er findet (seinem Namen angelehnt,
Übereinstimmungen mit realen Aktien sind reinzufällig und nicht beabsichtigt) eine Aktie T. Er erwirbt
diese T-Aktie bei 100 Euro und die Aktie macht das, was sie nicht soll. Sie fällt.
Erstaunt
beobachtet T diesen Prozess. Nun kommt ihm seine überragende Intelligenz zu Gute: Er sucht im Internet
alle Argumente zusammen, die belegen, dass diese Aktie weiter steigen muss! Wie immer gibt es da viele.
Es kommt zu der dritten und dümmsten Fehleinschätzung seines Trader-Lebens: "Die ganzen Idioten, die da
diese Aktie verkaufen, sind einfach zu dumm, um zu erkennen, welche Perle des Aktienmarktes sie da weit
unter Preis verscherbeln! Die Argumentationskette, die beweist, dass diese Aktie eindeutig die beste
zurzeit erwerbbare Aktie ist, ist einfach zu stichhaltig, zu logisch – aber natürlich nur wirklich
intelligenten Menschen zugänglich!"
T lehnt sich zurück und genießt es geradezu, miterleben
zu dürfen, wie diese ganzen Idioten diese unglaubliche Perle verkaufen und verkaufen und verkaufen. Die
Aktie fällt auf 50 €, sprich 50 % Verlust. Nun hat T zwei Möglichkeiten: Er kann feststellen, dass
eigentlich er zu der Fraktion der Idiot zu zählen ist. Aber nein, das entspricht nicht seinem Charakter.
Nein, er wird seine überragende Intelligenz dazu benutzen, ein Schuldigen zu finden: Alan Greenspan, die
Börse, das Wetter, die Mondphase, oder er trug einfach die falsche Krawatte beim Kauf – egal. Zudem
ist eins klar: "Nun ist die Aktie bereits so weit gefallen, da kann sie nicht weiter fallen – sobald
sie wieder ihren Kaufpreis erreicht hat, verkaufe ich sie."
Eine weitere Fehleinschätzung,
die auf der Tatsache beruht, dass erfolgreiche Menschen große Schwierigkeiten damit haben, Fehler
einzugestehen. Ein Verkauf mit Verlust gleicht dem Eingeständnis eigener "Unfähigkeit". Die Börse
hätte gewonnen.
Nun schnappt die Falle endgültig zu. T, der es gewohnt ist, sich
durchzusetzen, sich durchzubeißen, wird sich erst jetzt (!) wirklich dazu entscheiden, ein Trader zu
werden. Schließlich hat er den ersten wirklichen Verlust erlitten, eine Demütigung. Um zu vermeiden,
dass sein Selbstbild vom erfolgreichen T leidet, um die Erkenntnis zu vermeiden, dass er an der Börse
mit all seinen Qualitäten, seiner Intelligenz gescheitert ist, wird er sich entschließen, dieser Börse
zu zeigen, wer der Herr hier im Hause ist!
Schließlich ist er "der T", mit dem Abschluss "A"
und dem Unternehmen "U". "Es wäre doch gelacht, wenn er diese Börse nicht den nötigen Respekt
beibringen könnte!"
Der Börse ist jedoch leider völlig egal, wem Sie das Geld abnimmt, ob
Professor P, Politiker SK, Volkswissenschaftler V oder Arbeitnehmer A. Vor der Börse, liebe Leser, ist
jeder gleich.
Sie können sich denken, wo T landen wird. Er wird irgendwann leise in einem
Internetbörsenforum fragen: "Wie erklärt ihr eigentlich eure Verluste eurer Frau?"(ein Originalzitat
aus einem Forum und eine überaus weit verbreitete Situation).
Der Herr S, ein Malergeselle
aus B, hat es da einfacher. Er hat ein einfaches System gelernt, er denkt nicht, dass er schlauer ist als
der Markt, er hält sich strickt an die Tradingregeln und wenn alle verkaufen, denkt er sich: Wenn die
alle verkaufen, da werden die schon wissen warum, da verkaufe ich auch lieber mal!"