Anlegerfehler
Die Herren in dunklen Anzügen und einige wenige Frauen, die sich am Donnerstag
vergangener Woche im Konferenzsaal E2 bei der Deutschen Bank in Frankfurt trafen, bewegen Milliarden.
Mehr als 200 Fondsmanager, Finanzanalytiker und Aktienhändler international tätiger Banken und
Investmentfirmen gaben sich ein Stelldichein - um an einem Psycho-Test teilzunehmen.
Das
Ergebnis war ernüchternd. Denn am Ende standen die hoch bezahlten Spezialisten da wie eine Herde Schafe,
die sich, von Instinkten und reflexhaftem Handeln geleitet, spielend leicht an der Nase herumführen
lässt. Ausgerechnet von Universitätsprofessoren, den egg-heads, die nicht mehr an der Börse anlegen
als das, was von ihrem bescheidenen C4-Gehalt übrig bleibt, ausgerechnet von ihnen mussten sich die
Praktiker von der Front bescheinigen lassen, dass sie nicht mit mehr Verstand Entscheidungen fällen als
die Studenten der Herren Hochschullehrer.
Das Experiment bestätigte die Erkenntnisse einer
noch recht jungen, aus den Vereinigten Staaten stammenden Forschungsrichtung - der behavioral finance.
Deren Kernaussage lautet: Anleger an der Börse, egal ob Anfänger oder Profis, handeln irrational und
neigen zu bestimmten, immer wiederkehrenden Fehlern. Beispiel: Eine Hälfte der in Frankfurt versammelten
Börsenprofis wurde gefragt, wie hoch sie die Wahrscheinlichkeit einschätzen, dass der Dow Jones bis zum
Jahresende sinkt. Dann wurde die gleiche Frage mit Bezug auf den japanischen Nikkei-Index gestellt. Die
andere Hälfte der Experten sollte dagegen angeben, wie wahrscheinlich es sei, dass der Dow und in seinem
Gefolge auch der Nikkei bis Silvester fällt. Ergebnis: Das Szenario, in dem beide Indizes fallen, wurde
für realistischer gehalten als die beiden zugrunde liegenden Einzelereignisse. Stochastisch barer
Unsinn. Aber Menschen neigen dazu, plausibel miteinander verbundene Vorgänge für besonders
wahrscheinlich zu halten. "Konjunktionsfehler" nennt sich das.
Unter Profis wie Kleinanlegern
verbreitet ist auch die nachweisbar vermögensschädigende Neigung, ausgerechnet an den Aktien
hartnäckig festzuhalten, die Verluste bescheren. Schon bei einem kleinen Kursgewinn werden dagegen
selbst vielversprechende Papiere eilig abgestoßen. Der Grund für diesen so genannten
Dispositionseffekt: Die Anleger richten ihr Handeln unvernünftigerweise danach aus, ob der Kurs ihrer
Aktien gerade unter oder über dem ursprünglichen Kaufpreis liegt. Notiert ein Papier niedriger, so
zeigen sich die Anleger weit risikofreudiger als im umgekehrten Fall. Sie klammern sich an die einmal
getroffene Investitionsentscheidung, ignorieren sogar dieser widersprechende Nachrichten und scheuen
sich, ihre Aktien im Minus zu verkaufen. Denn damit würden sie sich einen Fehler eingestehen, oder - wie
es an der Börse entlarvend heißt - sie würden "Verluste realisieren".
"Magisches Denken"
prägt das Auf und Ab der Kurse
Die Forschung, bei der Ökonomen, Soziologen und Psychologen
Hand in Hand arbeiten, hat eine ganze Fülle solcher Verhaltensauffälligkeiten zutage gefördert, die
den typischen Börsianer als reichlich verwirrten Menschen erscheinen lassen. Manche Laien mag das nicht
erstaunen, weil sie schon immer zu ahnen glaubten, dass "die an der Börse alle verrückt sind". Doch
für Wirtschaftswissenschaftler gilt in vielen Fällen immer noch der völlig rationale Homo oeconomicus
als das zwar bewusst vereinfachende, dafür aber umso erfolgreichere Modell zur Analyse der
Wirklichkeit.
Dieser Übermensch handelt denn auch stets zielstrebig, er wägt Kosten und Nutzen ab
und versucht seinen eigenen Vorteil zu maximieren. Die Pioniere der behavioral finance vertreten dagegen
den Standpunkt, dass die Abweichungen von diesem Standardmodell, die "Anomalien", so bedeutsam seien,
dass psychologische Erkenntnisse stärker genutzt und Modelle begrenzter Rationalität weiterentwickelt
werden müssten.
Wie weit man sich dabei womöglich von dem Vernunftsmodell entfernen muss,
lässt das besonders düstere Bild erahnen, das Robert Shiller, Ökonomieprofessor in Yale, von den
Akteuren an den Kapitalmärkten malt. Er vergleicht sie mit einer Schar Tauben aus einem berühmten
Experiment des Sozialpsychologen Burrhus Skinner aus den vierziger Jahren. Skinner hatte seine Labortiere
zuerst ausgehungert, um ihnen dann in festen Zeitintervallen von 15 Sekunden kleine Mengen Futter zu
geben. Die Vögel glaubten daraufhin, dass ihr eigenes Verhalten die plötzliche Nahrungszufuhr
ausgelöst habe. Eine Taube, die sich zu Beginn der Fütterung gerade umgedreht hatte, begann
fortwährend zu rotieren, eine andere hackte auf einer bestimmten Stelle des Käfigs herum - im Glauben,
das weitere Körnerangebot zu steuern. Magical thinking nennen das die Experten.
Nicht anders,
so meint Shiller allen Ernstes, verknüpfen auch Menschen an der Börse (und nicht nur dort) völlig
zusammenhanglose Koinzidenzen und richten ihr Verhalten danach. Das Irre dabei: An der Börse könnte die
Magie, so Shiller, tatsächlich das erwartete Ereignis auslösen, sofern nur genug Marktteilnehmer daran
glauben und entsprechend agieren.
Tief verwurzelte Verhaltensmuster können so das Auf und Ab
an den Börsen prägen. Nach Auffassung der Forscher sind die Psycho-Macken sogar die Grundlage dafür,
dass überhaupt so viel an der Börse gehandelt wird. Anleger neigten nämlich dazu, ihre eigenen
Urteilsfähigkeiten systematisch zu überschätzen. Auf die Frage: "Wo sehen Sie die Telekom-Aktie in
drei Monaten?" antworten sie mit viel zu eng gefassten Einschätzungen (etwa: "Zwischen 36 und 42 Euro").
Erst durch diesen Effekt der overconfidence sei es möglich, dass an den Börsen so viele Käufer und
Verkäufer zusammenkämen - im festen Glauben, jeweils der andere mache ein schlechtes Geschäft.
Besonders anfällig für diese naive Überheblichkeit sind übrigens Männer, wie der US-Ökonom Terrance
Odean, einer der Pioniere der behavioral finance, bei der Auswertung von 35 000 Depots einer Bank
festgestellt hat.
Obwohl die Finanzpsychologen den Anlegern bescheinigen, dass sie häufig
irrational handeln, sind ihre Fehler vorhersehbar. "Und wenn man ein Verhalten vorwegnehmen kann, dann
kann man auch davon profitieren", sagt Joachim Goldberg, Leiter der Abteilung Behavioral Finance, die die
Deutsche Bank eingerichtet hat. Der umtriebige Banker beschäftigt sich schon seit Jahren geradezu
leidenschaftlich mit diesem Forschungszweig. Fondsmanager und vermögende Kunden der Deutschen Bank
lauschen seinen Vorträgen mittlerweile gerne. Goldberg organisierte auch jene Konferenz in Frankfurt, in
deren Rahmen der Psycho-Test stattfand. Außerdem verfasste er zusammen mit dem Aachener
Betriebswirtschaftsprofessor Rüdiger von Nitzsch eine Einführung in den Finanz-Behaviorismus, die
helfen soll, typische Fehler zu vermeiden.
Selbst in den Vereinigten Staaten nutzen
Investmentfonds wie der Behavioral Value Fund bereits die neuen Forschungserkenntnisse. Doch Thomas
Gilovich, Psychologieprofessor am Center for Behavioral Economics and Decision Research der
Cornell-Universität, dämpft hoch gesteckte Erwartungen. "Auch wenn Sie wissen, dass zwei Linien gleich
lang sind, können Sie sich einer optischen Täuschung einfach nicht entziehen."
© beim
Autor/DIE ZEIT, November 20002
mfg
iwan