Und zu Weg Numero 2 passt das vielleicht schon ansatzweise:
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<http://www.taz.de/1/politik/amerika/artikel/1/als-papa-sich-aus-dem-staub-machte/?type=98
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Rückblick auf Argentinien in der Krise
Als Papa abhaute
Bank
verschwunden? Der Staatspräsident per Hubschrauber geflohen? Anarchie? Der argentinische Schriftsteller
Ariel Magnus hat 2002 hautnah erlebt, wie es sich anfühlt, wenn ein Staat wirklich pleite ist.
PATAGONIEN taz "Absolut sicher". Mit diesen Worten, die auf Deutsch besonders glaubhaft klingen, wollte
mich vor einigen Jahren ein gepflegter Bankangestellter der Berliner Sparkasse überreden, meine gesamten
Ersparnisse in Immobilienfonds zu investieren. Der Überzeugungs-Joker meines unerwünschten Beraters
(ich habe nicht um Rat gebeten, ich wollte mein Geld einfach anderswo als unter der Matratze aufheben)
war der Staat. Nichts konnte schiefgehen, denn der Staat galt als Absicherungsgarantie meiner
Investition. Der junge Mann sprach vom Staat wie ein Kind von seinem Papa. Allerdings einer, der ihn nie
im Stich lassen konnte. Absolut Papa.
ARGENTINIEN IN DER KRISE
Die Finanzkrise Ende 2001
hatte mehrere Gründe: Ein verfehltes Krisenmanagement des Internationalen Währungsfonds (IWF), die
Kopplung des Peso an den Dollar, eine enorme Schuldenrate, eine negative Handelsbilanz. Weil große Teile
der Wirtschaft vom Ausland abhängig waren, wurde das Land sehr anfällig für Spekulationen. Auslöser
war dann das von Präsident Cavallo eingeführte "corralito" (Zäunchen), das eine Obergrenze von 250
Peso die Woche für das Abheben von Bargeld von Girokonten vorsieht. Erstmals wurde damals eine
Diskussion über die Reformierung der internationalen Finanzarchitektur geführt.
Es war
Anfang 2002, gerade war der Euro eingeführt worden. Vor nur wenigen Monaten war der Staat in meinem
Land, Argentinien, pleitegegangen. Absolut pleite. Anzeichen dafür gab es viele, und es war nicht das
erste Mal, dass das Land in eine tiefe Krise sank - der Schock war trotzdem erheblich.
Es ist
schwer einzusehen, dass nicht mal der letzte Garant weiter zahlungsfähig ist. Als ob man das Fahrrad an
einer Laterne gesichert hätte und bei der Rückkehr entdeckt, dass nicht nur das Fahrrad, sondern auch
die Laterne weg ist. Wenn nicht nur das Angebundene, sondern das, woran es festgemacht wurde, selbst von
Wind verweht wird, was bleibt dann noch stehen?
Ein Jahrzehnt lang, also ungefähr so lang,
wie es jetzt den Euro gibt, hatte Argentinien, so versicherte man uns, eine starke Währung. Zumindest
innerhalb seiner Grenzen war jeder Peso einen Dollar wert. Als die Krise kam, gab der Finanzminister
bekannt: Wer in Dollars anlegte, wird Dollars wiederkriegen. Das konnte nur eines heißen: Vergiss es! In
der Tat wurden alle Dollars auf den Konten automatisch auf Pesos umgestellt. Dadurch verloren sich zwei
Drittel ihres Wertes. Als ob von heute auf morgen - bloß ein Gedankenspiel, bitte keine Panik! - alle
Euros auf den Privatkonten in Mark zurückgestellt würden. Mit dem Unterschied, dass man jetzt für jede
Mark nicht wieder einen Euro, sondern nur 30 Cent bekäme.
Wie damals für uns die deutschen
Haushaltsgeräte oder die US-amerikanischen Medikamente werden hier nun der venezolanische Sprit, das
argentinische Fleisch und das chinesische Allesmögliche dreimal so teuer. Dreist, oder?
Und
das war nicht das Schlimmste. Denn selbst wenn jemand die Reste seines Vermögens aus der Bank retten
wollte, stand ihm sein Geld nicht zur Verfügung. Ähnlich wie vor wenigen Tagen in Island - kein
Gedankenspiel in diesem Fall, aber es ist doch ein Land ganz im Norden, offenbar betreffen diese Probleme
nur Nationen in Erdpolnähe - verhängte die Regierung zu der Zeit ganz im Süden eine Sperre auf die
Privatkonten: Man durfte nur ein paar hundert Pesos pro Woche abheben, gerade so viel, um sich zu
ernähren. Um eines aber machte uns die Krise reicher: Das Wort "corralito" (Zäunchen) gewann eine
zusätzliche Bedeutung.
Heute denkt dabei niemand mehr an einen Kinderzaun, sondern eher an
eine Sperre für den kindischen Glauben an eine absolute Sicherheit.
Wie nach einem
Flugzeugabsturz, so kamen auch hier plötzlich alle Privatgeschichten zu Tage. Nur dass in diesem Falle
fast jeder im Flugzeug saß: die Lehrerin, die sich gerade den Wunsch erfüllen wollte, einmal nach
Disneyland zu fliegen. Die Familie, die gerade ihr Haus verkaufte und im Begriff war, ein Neues zu
kaufen, das Geld aber vorsichtshalber noch bei der Bank liegen hatte. Der Taxifahrer, der jahrelang
gespart hatte, um seine kranke Tochter im Ausland operieren zu lassen. Mein Freund Julián, der sich
gerade einen Mac kaufen wollte. Auf einmal nahm Geld seine wahre Gestalt an: Es war all das, was wir
versäumt hatten, vorher zu machen. Nicht Zeit war Geld, sondern Geld war Zeit, und zwar verlorene.
Die Mittelschicht entdeckte sich als politische Gruppe. Man sang das inzwischen klassische "¡Que
se vayan todos!" ("Alle sollen weg!") gegen Politiker aller Parteien, während man durch die sommerlichen
Straßen demonstrierte, machte alle Lichter zu einer gewissen Uhrzeit aus und klopfte eifrig auf die
eigenen Küchentöpfe. Dies führte zu weiteren Gewinnen in Sachen Wortschatz: "apagón" (Stromausfall)
wurde zu einem Kampfwort, während "cacerolazo" (Topfschlagen) für immer auf dem Soundtrack der
Revolution der Kontoinhaber bleiben wird. Die "Alles, nur nicht mein Sparkonto"-Partei organisierte
später auch Tausch-Flohmärkte mitten in der Stadt und "asambleas" (Volksversammlungen) in den Barrios.
Auf einmal herrschte so etwas wie ein gemeinschaftliches Gefühl im Land, als hätten wir endlich wieder
eine Weltmeisterschaft gewonnen. Und als wäre uns im Nachhinein die Trophäe unrechtmäßig geraubt
worden.
Außer den Politikern galt die Wut natürlich auch den Banken, staatlichen wie
privaten. Ihre Fassaden wurden mit allem Möglichen verschmutzt, von Eiern und Spucke bis Farbe und Kot.
Berühmt wurde ein Mann, der mit Sonnenschirm und Liegestuhl, Sandalen und Badehose seine
Ferien vor seiner Bank verbringen wollte, nachdem das Geld für die wirkliche Reise ferner als der Strand
selbst lag. Lehre Nr. 1 in einer Finanzkrise: Man lasse sich den Humor nicht nehmen. Die meisten Menschen
aber waren empört. Vor allem darüber, dass sie den Räubern ihre Beute mehr oder weniger freiwillig
ausgehändigt hatten.
Mein Vater, der ähnliche Abwertungen schon früher erlebt hatte und
der anscheinend ein besseres Gedächtnis als der Durchschnitt besitzt, belehrte mich schon als Kind: Man
solle das Geld nicht auf eine argentinische Bank tun, und vor allem niemals in Pesos. Misstrauen ist gut,
Vermeiden ist besser. Was kann ein so schlecht erzogenes Kind, eine so schlecht erzogene Nation von Bank,
Währung und Staat halten?
Peso heißt eigentlich Gewicht. Das Wort soll offenbar der
Währung eine gewisse Schwere verleihen. Doch es ist die Unbeständigkeit der Währung, die letzten Endes
das Wort jeder festen Bedeutung beraubt.
Lehre Nr. 2: Auch die massivsten Begriffe verlieren
während einer Finanzkrise an Speck - ob sie nun Staat heißen, Sparkasse, absolut oder sicher. Die
Proteste verloren allerdings nicht an Kraft. Sogar McDonalds-Filialen wurden attackiert, als ahnte man
schon damals, woher die Krise wirklich kam (also von Landsleuten, die gute Geschäfte mit Auslandskapital
machten).
Ende Dezember 2001 kam es dann zu massiven Plünderungen und Straßenkämpfen mit
der Polizei, die zu vielen Toten führten. Der Präsident musste fliehen, im etymologischen Sinne: Er
nahm einen Helikopter direkt vom Dach des Regierungssitzes, um den wütenden Massen auf der Straße aus
dem Weg zu gehen. In den letzten Tagen dieses Schicksalsjahres hatte das Land mehrere Regierungschefs
nacheinander, deren erster Verwaltungsakt ihre eigene Kündigung war.
Und während Neujahr
hatten wir überhaupt keinen Präsidenten. Kurios: Niemand hat ihn vermisst.
Lehre Nr. 3
könnte deswegen heißen: Bloß nicht die Ruhe da unten bewahren, wenn man da oben was umrühren will.
Aus diesem aufgewühlten, an den Rand der Anarchie geratenen Land kam ich gerade zurück, als ich meine
unfreiwillige Beratungsstunde in der Berliner Sparkasse hatte. Ich fasste diese Erlebnisse in einer
raschen Schilderung zusammen, um meinem Finanzexperten nahe zu bringen, warum ich ein wenig
sensibilisiert war gegenüber Banken, Anlagen und Papa Staat.
"Tja, mein Freund", grinste
mich der Fachmann mit der Selbstgefälligkeit eines Erdenbewohners erster Klasse an: "Sie müssen wissen,
Deutschland ist nicht Argentinien." Und da hatte er natürlich Recht: Argentinien ist groß und an
Ressourcen reich genug, um alle seine Einwohner üppig zu ernähren, was eine Krise noch
unwahrscheinlicher als in Deutschland machen sollte. Wir verabschiedeten uns voneinander, ohne Einigung
und voll des Bedauerns, und schon eilte er zur nächsten Kundin, einer alte Dame, die er absolut sicher
reingelegt hat.
In den letzen Monaten habe ich häufig an jenen Berater gedacht. Vielleicht
auch er an mich. Die Weltkrise hat Deutschland ein wenig näher an Argentinien rücken lassen, zumindest
teilen wir jetzt dieselbe Welt. Eine Welt, so doof es auch klingen mag, in der die einzige Sicherheit
darin besteht, dass es keine Sicherheiten gibt. Weniger Marketing und etwas mehr Plato-Lektüre hätte
ihn das schon früher lehren und ihm große Verluste ersparen können. Denn ich gehe davon aus, dass er
selbst seine gesamten Ersparnisse in Immobilienfonds investiert hat. Sonst müsste ich denken, er sei ein
Zyniker, und zwar nicht im griechisch-philosophischen Sinne.
Ich nehme inzwischen aber an, er
war einfach geldgierig und skrupellos. Wie auch seine alten und nicht so alten Kunden, die sich niemals
fragten, wieso sie mit ihrem Geld mehr Geld machten, ohne es zu verdienen. Für sie alle sollte die Krise
in Argentinien als Gebrauchsanweisung für die beginnende Weltkrise dienen.
Endlich können
wir die Moralisten sein, die Besserwisser. So wie Europa in Sachen Menschenrechte Vorlesungen hält, so
wollen ausnahmsweise auch mal wir, die ärmeren Länder dieser Welt, einmal auch klugscheißerisch das
gute Beispiel abgeben.
Und sollte jemand das Gefühl haben, dies alles klinge irgendwie nach
unangebrachter, fieser, kindischer Schadenfreude, dann lautet die Antwort ist: Tja, mein Freund, absolut.