1987 Reloaded? Parallelen und Divergenzen in aktuellen Börsenzyklen
Japan lag im
High-Tech-Fieber, der Nikkei-Index stand auf einem Allzeithoch und auch der Dow Jones-Index hatte sich
innerhalb von nur zwei Jahren gerade mehr als verdoppelt: 1987 war ein großartiges Börsenjahr -
zumindest bis zum 19. Oktober.
Denn am berühmten »Schwarzen Montag« verlor der Dow
Jones-Index an nur einem Tag -22 Prozent, der Nikkei musste fast -15 Prozent einbüßen und die Börse in
Hongkong erlebte mit -45,8 Prozent ein regelrechtes Massaker.
Was war
passiert?
Nach fünf Jahre andauerndem Bullenmarkt schoss der Dow Jones Industrial
Average im August 1987 auf seinen damaligen Höchststand von 2.722 Punkten. Doch obwohl die Fed schon
seit Anfang des Jahres den Leitzins mehrmals angehoben hatte, waren die Kurse dennoch auf immer neue
Rekorde geeilt.
Allmählich wurden erste Stimmen laut, die Aktien seien überbewertet.
Gegenüber Europa und insbesondere Deutschland wiesen die USA zudem ein großes Handelsdefizit auf, das
den US-Export und damit auch den Dollar stark belastete. An den Märkten breitete sich Pessimismus aus
und die Stimmung begann zu kippen. Als dann am Wochenende der damalige US-Finanzminister James Baker
damit drohte, den Dollar noch weiter fallen zu lassen, wenn die Deutsche Bundesbank nicht bereit sei,
durch eine Zinssenkung die Binnenkonjunktur endlich anzukurbeln, war schließlich der Krach perfekt.
Und heute?
In nur vier Jahren hat sich der Nasdaq-100 mehr als
verdoppelt, im selben Zeitraum verzeichnet der Dow Jones-Index ein Plus von fast 77 Prozent und nach
jahrzehntelanger Durststrecke konnte sich auch der Nikkei in den letzten vier Jahren fast mehr als
verdoppeln und liegt nun nur noch fünf Prozentpunkte unter seinem Allzeithoch von Dezember ‘89.
All das sind aber Peanuts, verglichen mit dem Technologiesektor: So sind alle Technologiewerte
zusammen in den letzten fünf Jahren mehr als doppelt so stark angestiegen, wie der gesamte S&P 500.
Dabei war die Dominanz der Techaktien so stark, dass jeder andere Sektor hinter dem SPX her hinkt.
Getrieben wird diese Performance ausschließlich von Fantasie: So wird der S&P 500 gegenwärtig
mit dem 20-fachen an zukünftigen Gewinnen gehandelt, obwohl IPOs (also Börsengänge) nahezu kaum noch
stattfinden - mal abgesehen von Unternehmen wie ARM.
Die Erwartungen der Anleger treiben
derzeit so perverse Blüten, dass ARM einen Gewinnrückgang von -84 Prozent (bezogen auf den Nettogewinn
der letzten 9 Monate) vermelden kann und die Aktie trotzdem um fast 60 Prozent nach oben schießt. Das
Zauberwort? KI.
Warum ausgerechnet 1987?
Der nun schon seit fünf
Jahren andauernde Bullenrun wurde bereits mit vielen Ausnahmeerscheinungen wie etwa den Nifty-Fifty
(1972/73) oder der Dotcom-Blase zur Zeit der Jahrtausenderwende verglichen.
Auch steht außer
Zweifel, dass es sich in Zeiten extrem angestiegener Zinssätze, um ein in der Tat außergewöhnliches
Phänomen handelt, aber noch nie wurde der derzeitige Bullenrun mit den 1980ern verglichen.
Warum eigentlich nicht? Damals wie heute profitierte Japan von einem rasanten Anstieg seiner Schulden
und niedrigen Zinssätzen, der US-Arbeitsmarkt zeigte eine erstaunliche Resilienz gegenüber
Zinserhöhungen der Fed und auch damals konzentrierte man sich an der Börse auf einige wenige
Unternehmen:
Kurz nach Bekanntwerden der Zahlen von Meta vergangenen Freitag erlebte der S&P
500 sein Déjà-vu mit 1987: An diesem Tag schloss der Index mit einem Plus von 1,3 Prozent, obwohl mehr
als 60 Prozent der an der New York Stock Exchange gehandelten Aktien, im Minus lagen. So etwas passierte
zum letzten Mal am Schwarzen Montag.
»Dies ist ein Aktienauswahlmarkt, und die Auswahl wird
immer begrenzter, vor allem an der Nasdaq gibt es immer weniger Kaufgelegenheiten, und der Index selbst
ist sehr überbewertet.«, so der renommierte Wirtschaftswissenschaftler David Rosenberg.
Aufgrund ausgebliebener Impulse mussten in den letzten zwei Wochen etwa Tesla, Apple und Google die
Mag-7 verlassen. Die Märkte konzentrieren sich nun auf die übrig gebliebenen vier, allen voran Nvidia
und einigen Highflyern, die den KI-Hype zu nutzen wissen.
Gleiches gilt für
Europa
Dieses Phänomen beschränkt sich aber nicht nur auf die USA - man sieht es an den
Märkten auf der ganzen Welt. So wird auch der Euro Stoxx von einigen wenigen Unternehmen dominiert:
ASML, SAP und LVMH bzw. Novo Nordisk.
Diese Unternehmen machen nicht nur mehr als 20 Prozent
des gesamten Euro Stoxx 50 aus, sondern sind auch der einzige Grund dafür, dass der Stoxx 600 noch nicht
ins Minus abgedriftet ist.
Dabei handelt es sich mitnichten um »dumb money«. Denn wie eine
Auswertung der Nomura Group jetzt zeigt, sind es vor allem Vermögensverwalter, die enorme Geldmengen in
die Märkte pumpen und für den derzeitigen Bullenrun verantwortlich sein dürften.
Oder befinden wir uns doch kurz vor 1929?
Jason Goepfert, Researcher bei Sundial
Capital, wies diese Woche auf ein Phänomen hin, dass es so schon seit fast 100 Jahren nicht mehr gegeben
hatte:
Mit dem gestrigen Überschreiten der 5.000er-Marke hat der S&P 500 nämlich auch sein
Dreijahreshoch überschritten. Gleichzeitig wurden weniger als 40 Prozent der darin enthaltenen Werte
über ihrem 10-Tage-Durchschnitt gehandelt, weniger als 60 Prozent wurden über ihrem
50-Tage-Durchschnitt und weniger als 70 Prozent über ihrem 200-Tage-Durchschnitt gehandelt.
Das ist seit 1928 nur ein einziges Mal vorgekommen: Am 8. August 1929 - zwei Monate später erlebte die
Börse ihr wohl schlimmstes Armageddon, dass anschließend in die Große Depression mündete.
Warum der Bullenrun nun möglicherweise endet
Tatsächlich weist der
gegenwärtige Anstieg von Aktien mit einem 52-Wochen-Tief auf ein mögliches Kippen der Stimmung hin:
Denn zum ersten Mal seit Jahren ist die Anzahl an Aktien mit einem Jahrestief höher als jene mit
52-Wochen-Hochs, trotzdem eilt der Nasdaq-100 von einem Rekord zum nächsten.
Das ist eine
äußerst seltene Konstellation, die im Regelfall schwachen Renditen vorausgeht. Zudem hat der Nasdaq-100
(wie oben erwähnt) gerade das 20-fache seines KGVs überschritten, was bedeutet, dass die Renditen
dieser Aktien nur noch 5 Prozent betragen, während man zur gleichen Zeit bei dreimonatigen
US-Staatsanleihen eine Rendite von 5,39 Prozent erhält - ohne sich dabei den mit Aktien verbundenen
Risiken auszusetzen.
Ich zitiere an dieser Stelle Kostolany: »Je höher die Verzinsung am
Anleihenmarkt, desto weniger Geld steht dem Aktienmarkt zur Verfügung und vice versa.«
Alles, was es jetzt noch braucht, ist, dass die Renditen langfristiger Anleihen (derzeit 4,19 Prozent)
ebenfalls über die 5-prozentige-Rendite bei Tech-Aktien steigt, oder die Kurse der Techwerte und damit
deren KGV noch weiter anzieht und die Renditen dieser Aktien noch weiter fallen - dann würde man sich
nämlich irgendwo in der Mitte treffen.
Wie davon profitieren?
In
Folge dessen würden auch all die Vermögensverwalter (wir erinnern uns an den Chart) mit der
Umschichtung von Aktien auf Anleihen beginnen - und damit wird der Börse eher früher als später die
Puste ausgehen.
In dieser Zeit werden Aktienkurse eine Weile seitwärts wandern, während die
Kurse am Anleihenmarkt haussieren - zugleich gehen aber auch die Renditen zurück, was in der Theorie
für ein ausgleichendes Kräfteverhältnis zwischen Anleihen und Aktien an den Märkten sorgen sollte.
In der Praxis war das so gut wie nie der Fall und an den Aktienmärkten fehlt es in dieser Phase
oft nach wie vor an Geld: Die Kurse beginnen zu bröckeln, was weitere Anleger abschreckt und auf die
Stimmung drückt.
Der Markt ist dann sehr anfällig für negative Schlagzeilen, was bei
schlechter Wirtschaftslage (2008), ansteigender Skepsis ob der Gewinnerwartungen (1973, 2000) oder einem
unter Druck stehenden Dollar (1987) recht schnell in Panik umschwenken kann.
Derzeit lassen
sich aber weder Pessimismus noch Panik an den haussierenden Märkten erkennen, zudem befinden wir uns mit
insgesamt 64 Nationen und rund 49 Prozent der Weltbevölkerung im größten Wahljahr der
Menschheitsgeschichte. Es werden daher wohl auch politische Motivationen dahinter stecken und deren
Entscheidungsträger, die davon profitieren, wenn die Stimmung möglichst lange optimistisch bleibt.
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Hier geht's zum vollständigen Artikel (inkl. aller Bilder und Charts):
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