Schwächelt der Euro aktuell nur?
Ist er schon schwer krank oder liegt er bereits auf dem
Sterbebett?
GEWINN untersuchte den Patienten mit Philipp Vorndran von Flossbach & von Storch
und erstellte einen Befund.
Die Diagnose des ausgesprochenen Euro-Skeptikers: Die Lage ist
ernst, aber nicht hoffnungslos.
GEWINN:
Die Gerüchte, dass der Euro
zerbricht, wollen nicht verstummen - soll ich jetzt meine Schillinge wieder hervorholen?
Vorndran:
Ihre Schilling-Restbestände können Sie ruhig weiter in Euro umtauschen. Sie sind ja
mit einem festen Wechselverhältnis an den Euro gebunden und de facto in ihm aufgegangen. "Alte
Schillinge" würden im Fall des Falles bei der Einführung eines ganz "neuen Schillings" wie Euro
behandelt und zum selben Verhältnis umgewandelt.
GEWINN:
Immer, wenn der Euro zum
US-Dollar zulegt, kommen neue Horrormeldungen über Finanzprobleme einiger Euro-Staaten über den Ticker
- könnte das lanciert sein? Wie gefährdet ist der Euro wirklich?
Vorndran:
In der
Euro-Zone und den USA kämpft Not gegen Elend. Die Probleme diesseits und jenseits des Atlantiks sind
Realität und keine Erfindung böser Spekulanten. Aber Sie haben natürlich recht, temporär wird das
eine Thema vom Markt stärker fokussiert als das andere.
Mittelfristig werden beide Blöcke
nicht um eine Neuordnung ihrer Schulden oder eine starke Inflation umhinkommen, denn die heutige ohnehin
schon sehr schwierige Situation zeigt ja noch nicht einmal das komplette Schuldenbild. Das, was an
Belastungen für die zukünftigen Rentenzahlungen und Krankenvorsorge noch auf uns zukommt, übersteigt
vielfach unsere Vorstellung - die demografische Falle schnappt schonungslos zu.
Ein Euro mit
einem klaren durchsetzbaren Regelwerk, das nicht alle Jahre von krisengeplagten Regierungschefs geändert
werden muss, flankiert von einer durchsetzbaren, einheitlichen Wirtschafts- und Steuerpolitik würde
funktionieren. Aber dort sind wir heute lange noch nicht. Wenn diese Voraussetzungen nicht sehr schnell
geschaffen werden, ist das Risiko groß, dass der Euro in fünf Jahren in der heutigen Form nicht mehr
existiert.
GEWINN:
Warum, meinen Sie, gilt gerade in US-Finanzkreisen ein Zerfall des
Euro praktisch schon als sicher?
Vorndran:
Da muss ich widersprechen, gemäß meiner
Erfahrungen gibt es in den USA ähnlich viele Skeptiker bzw. Unterstützer der Euro-Idee wie in Europa.
Nur in den USA wird Kritik deutlicher formuliert als in der Euro-Zone. Viele europäische Bankökonomen
wissen natürlich, was ein Auseinanderbrechen des Euro für viele Bankbilanzen bedeuten würde, und
berichten von ihrer Skepsis oft nur hinter vorgehaltener Hand.
Die härtesten Kritiker des
Euro finden wir im Übrigen in der Schweiz und zunehmend in Tschechien. Dort hat man immer stärker das
Gefühl, dass nicht zusammenwachsen kann, was nicht zusammengehört. Die Tschechen wollen nicht mehr in
den Euro-Verbund.
GEWINN:
Wird es zwei Euro-Zonen geben - eine harte im Zentrum und eine
weiche an den Rändern?
Vorndran:
Sie meinen Holland, Luxemburg, Finnland, Deutschland
und vielleicht Österreich plus neu Schweden, Dänemark als Hart-Euro-Zone und der Rest mit Latein-Euro?
Daran glaube ich nicht, denn Frankreich müsste aufgrund seiner langfristigen ökonomischen Aussichten
der Weichwährung beitreten und ein Auseinanderbrechen der Achse Berlin-Paris erachte ich
währungspolitisch als absolut unrealistisch. Da glaube ich eher noch an ein Ende der Euro-Idee in Gänze
oder, um den größten politischen Gesichtsverlust zu vermeiden, an die zusätzliche Wiedereinführung
frei schwankender lokaler Währungen nebst dem Euro.
Der wirkliche Sprengsatz in der
Euro-Zone ist die dramatisch auseinanderdriftende Wettbewerbsfähigkeit zwischen Ländern wie Finnland
oder Deutschland auf der einen Seite und Griechenland, Portugal oder Spanien auf der anderen Seite. Dies
kann innerhalb einer Währungszone und ihren fixen Wechselkursen nicht schnell genug angepasst werden.
Fragen Sie mal Ihre Leser, ob sie ihren Lohn zukünftig lieber in Euro oder Schilling ausbezahlt bekommen
wollen und in welcher Währung sie in einem solchen Fall ihr Haus finanzieren? Vielleicht können wir
nach ein paar Jahren der Anpassung - ökonomisch und politisch - wieder zu einem alleinigen Euro-System
zurückfinden - beginnend mit einer Kern-Euro-Zone.
GEWINN:
Glauben Sie, dass Staaten
die Euro-Zone verlassen werden? Welche?
Vorndran:
Griechenland, Portugal und Spanien
täten sich und ihrer Bevölkerung langfristig einen großen Gefallen, wenn sie die Euro-Zone schnell
verlassen würden. Nur so können sie auf den Weltmärkten wieder wettbewerbsfähig werden. Das wollen
die führenden Euro-Zonen-Vertreter aber logischerweise verhindern, denn sie wissen, wenn der Erste geht,
steht das ganze Projekt vor dem Zerfall.
Natürlich würde der Ausstieg kurzfristig massive
Opfer mit sich bringen und Kosten generieren, viele der europäischen Banken würden beispielsweise
insolvent und müssten temporär verstaatlicht werden, aber ohne große Opfer geht ein solcher
Anpassungsprozess ohnehin nicht vonstatten. Das weiß jeder Bürger, der seinen gesunden Menschenverstand
gebraucht und eins und eins zusammenzählen kann.
GEWINN:
Wer profitiert vom aktuell
schwachen Euro zum US-Dollar?
Vorndran:
Es ist die europäische Exportindustrie. Ihre
Produkte werden im Vergleich zu denen anderer Staaten billiger. Der große Verlierer sind die
europäischen Sparer, deren Vermögen täglich an internationaler Kaufkraft einbüßen. Das ist ein
Fiasko angesichts der ungedeckten Schecks für unsere Altersvorsorge. Die Politik und Medien werden nicht
müde, vom Exportboom zu sprechen - aber von der Verwässerung der Ersparnisse hört man selten etwas.
GEWINN:
Kommen Ihrer Ansicht nach die Euro-Bonds?
Vorndran: Ich hoffe nicht,
denn es kann eigentlich nicht sein, dass diejenigen, die notorisch über ihre Verhältnisse leben, von
den Vernünftigen andauernd subventioniert werden. Aber ich befürchte, dass man die Euro-Bonds durch die
Hintertüre doch einführen wird, beispielsweise durch einen Euro-Zonen-Rettungsfonds, der keine
Obergrenze mehr aufweist und eigene Anleihen ausgeben kann.
Somit werden diese Schulden final
durch das Steuersubstrat der gesünderen - nicht gesunden! - Volkswirtschaften garantiert und diese im
schlimmsten Fall mit in den Strudel gezogen.
GEWINN:
Soll man sich jetzt Franken in den
Sparstrumpf tun, um von einem weiteren Franken-Anstieg zu profitieren?
Vorndran:
Franken
allein wäre etwas eindimensional investiert, die Währung der Eidgenossen hat inzwischen schon so stark
zugelegt, dass man in Bern und Zürich sogar eine feste Anbindung des Franken-Kurses an den Euro
diskutiert. Hoffentlich werden diese Hirngespinste möglichst schnell wieder aus den Köpfen vertrieben.
Einen Teil - bis zu 25 Prozent seines Vermögens - sollte man aber fraglos in Qualitätswährungen
halten, zu denen ich weder Euro, US-Dollar oder Yen zählen würde.
Eine Mischung aus
Franken, norwegischer Krone, australischen, kanadischen, Singapur- und Hongkong-Dollar macht da aber
sicher Sinn. Diese Volkswirtschaften sind fähig und willig, ihre Schulden auch in 20 Jahren noch
zurückzuzahlen. Auch physisches Gold und Silber erachte ich als finale Währung und sie sollten in
keinem Vermögen gänzlich fehlen.
Finanzprofi und Chefstratege
Die
Schuldenprobleme können nur durch starke Inflation gelöst werden", warnt Philipp Vorndran,
Aktienexperte der renommierten Kölner Vermögensverwaltung Flossbach & von Storch.
Vorndran
war zuvor Chefstratege der Credit Suisse.
Seinen beruflichen Werdegang startete er bei der
Bank Julius Bär in Frankfurt und Zürich.
Quelle: Gewinn vom 2.2.011
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Gruß