Kovats: "Unternehmer, kein Unterlasser"
A-Tec-Chef Mirko Kovats schrieb sich 62 Thesen von der
Seele und spricht über outgesourcte Erziehung und grottenfade Yachten.
Wien, erster Bezirk.
Wächtergasse. Vorbei an goldenen Türschildern, auf denen der Name A-Tec Industries AG steht. Eine
Industriegruppe, die in Europa, Australien, Indien und China tätig ist. Vorbei an Videokameras,
begrüßt durch eine Assistentin, geht es ins Besprechungszimmer. "Sie sind zu früh, der Herr Doktor ist
noch in einem Termin. Nehmen Sie bitte Platz, er kommt dann."
Man nimmt Platz auf einer
schwarzen Ledercouch und an einem blank polierten Tisch, auf den sogleich seine Kaffeetasse gestellt
wird. Adjustiert wird. Dann betritt der 62-Jährige den Raum, reicht die Hand und setzt sich. Mirko
Kovats adjustiert die Tasse neu, lässt die Hände in den Schoss fallen und lächelt. "Bei mir dauert das
Frühstück zehn Minuten. Das heißt Kaffee und dann meistens irgendwelche, nicht mehr ganz frische,
halbe Topfengolatschen oder Ähnliches, die die Kinder vom Vortag übrig gelassen haben," sagt der Mann,
den man aus den Wirtschaftsseiten der Medien kennt.
Man weiß, dass er ein Selfmade-Man ist.
Dass er mit 23 Jahren in seiner Geburtsstadt Wien in Handelswissenschaften promovierte, ab 1971 im
Ostblock Werkzeugmaschinen und Anlagen verkaufte und so zum Osthändler avancierte, ehe dieses Dasein
durch den Fall des Eisernen Vorhangs endete. Weiß, dass er zwischenzeitlich Immobilienentwickler und
Diskothekenbesitzer war und im Alter von 49 Jahren mit dem Kauf der Salzburger Werkzeugmaschinenfabrik
Emco den Grundstein für seinen Konzern legte. Man weiß auch, dass die A-Tec-Aktie binnen eines Jahres
beinah die Hälfte ihres Wertes verlor, er als beinharter Verhandler und Taktierer gilt, der mitunter
auch ein Pokerface aufsetzen kann.
Doch nun lächelt er. Schnell kommt der als
öffentlichkeitsscheu Geltende auf seine Familie zu sprechen. Die Namen seiner beiden Söhne, 12 und 14,
will er nicht verraten. "Das ist Privatsache."
Dass er als Einzelkind einer Hausfrau und eines
Vaters mit ungarischen Wurzeln aufwuchs, erzählt er indes und erklärt etwas: "Für meine damalige
Lebensgefährtin und jetzige Frau war klar, dass wir nach dem ersten Kind unbedingt noch ein zweites
möchten." Von Anbeginn an war auch klar, dass seine um 16 Jahre jüngere Frau Ulrike keinem Beruf mehr
nachgehen wird. "Das ist nichts Machoides. Wir sind uns einig, dass die Kinder der vollen Aufmerksamkeit
zumindest eines Elternteils bedürfen. Ganz konservativ und langweilig. Ich bin der Meinung, dass man
Erziehung nicht outsourcen kann."
Kovats Wortwahl wie seine Körperhaltung - er verharrt nach
vorne gebeugt an der Sitzkante, die Arme auf die Beine abgestützt, den Blickkontakt haltend - machen
unmissverständlich klar, dass er Positionen einnimmt. Von ihnen nicht abrückt. In "Die Sowjets hatten
recht" hat er "62 Thesen eines Querdenkers" zu Papier gebracht. "Das war zweifellos anstrengend! Ich habe
an Wochenenden geschrieben, spätnachts und während meiner Langstreckenflüge, die ich jede zweite Woche
absolviere." Womit die Sowjets recht hatten, will er nicht sagen. "Das sollen die Menschen nachlesen. Da
will ich nicht vorgreifen! Nur so viel: Mein Buch handelt von meiner Laufbahn, meinen Anschauungen und
natürlich von Österreich, wo ich einige Ideen vortrage. Dabei bin ich aber sehr pragmatisch. Und: Die
Zahlen, die ich heranziehe, davon können Sie ausgehen, stimmen!" Ob er damit auf den Bestseller
"Deutschland schafft sich ab" anspielt und seine Thesen diametral zu Thilo Sarrazins stehen? "Ich will
dem Buch nicht vorgreifen!" Welche Idee dem Buch vorausging, erzählt er.
Sein Vater, Ingenieur der
Chemie, früh Witwer und der Grund, warum Mirko nicht ins Ausland ging ("Ich wollte ihn nicht alleine
lassen, obwohl wir immer sehr große Meinungsverschiedenheiten hatten"), wollte immer ein Buch schreiben,
tat es aber nie. Was er, der unter die Autoren gegangen ist, mit seinem Vater gemein hat? "Ich habe
vielleicht zehn Prozent von meinem Vater. Er war ein sehr viel unbequemerer Geist, als ich es bin",sagt
er, der selbst als solcher gilt.
Wie einen Affront nimmt er die Frage nach seiner
Berufsbezeichnung: Unternehmer, Konzernchef, Sanierer?
Er lehnt sich zurück, stützt beide Arme
seitlich auf die Couch und stellt die Gegenfrage: "Ganz einfach. Wenn jemand, der 11.500 Mitarbeiter
beschäftigt, kein Industrieller ist, wer dann? Industrieller. Selbstverständlich!" Zudem sieht sich der
62-Jährige als Vertreter der Old Economy, "als jemand, der Güter wie Werkzeugmaschinen herstellt. Keine
Güter des täglichen Bedarfs. Ich sage immer: ,Wir sind eine Infrastruktur-Company, da wir auch
Kraftwerke und eine Müllverbrennungsanlage betreiben. Darunter können sich die Menschen vielleicht mehr
vorstellen."
Wie hat man sich seinen Alltag vorzustellen? "Ich weiß, es klingt richtig
langweilig: Ich bin jeden Tag um sieben Uhr dreißig im Büro und versuche, das Rädchen ein bisschen
weiterzudrehen. Es sind nicht die großen Aktionen, die den Erfolg ausmachen. Es ist das Nachhaltige, das
Beständige." Er, dem es als Osthändler anfangs peinlich war, nicht alles zu wissen, weiß heute, dass
"das Lernen nie aufhört. Auch das klingt langweilig, ich weiß." Erst jetzt, nach einer halben Stunde,
nimmt Kovats den ersten Schluck Kaffee und lehnt sich hernach wieder zurück. So, als ob er der nächsten
unbequemen Frage harren würde, die folgt.
Neid & Österreich
Tugenden wie Loyalität
sind dem Wiener wichtig.Ob er verstehen kann, dass manche seine Geschäftspraktiken für unkonventionell
oder gar kriminell halten und sich fragen, warum einige seiner langjährigen Partner wie Ronnie Pecik
keine mehr sind? "Wissen Sie, das hat mich vor 15 Jahren gestört. Alle, die reden, haben nichts
bewiesen. Österreich ist ein Land des extremen Neides und der Gleichmäßigkeit. Wenn jemand
heraussticht, dann ist er auf jeden Fall unbeliebt." Was während des Gesprächs heraussticht, ist seine
Uhr.
Keine Luxus-Marke, wie man vermuten könnte. "Luxus ist für mich Zeit, und die habe ich
nicht." Deshalb fühlt er sich auch nicht als reicher Mann. "Ich bin vermögend. Reich wäre ich, wenn
ich vermögend wäre und Zeit hätte." Die eng bemessene Zeit liest er von einer Swatch ab, weil die
Reparatur seiner Lange zu teuer war. Maß-Anzüge oder -Schuhe? Fehlanzeige. Ebenso ein Citroën DS oder
Lincoln Continental in der Garage, die er sich früher wünschte und heute leisten könnte. "Ich habe die
Zeit nicht und den Platz. Das wäre ein Horror." Ebenso wie eine Yacht. "Ich war schon auf so vielen
Yachten und kann Ihnen sagen: Es ist grottenfad! Sie können nichts machen, außer sitzen, essen, trinken
und in die Luft schauen."
iPad & New York
Die Zeit, die er hat, will er mit
der Familie verbringen: An Wochenenden in Wien und im Urlaub in Dubai oder ihrer aller Lieblingsstadt New
York. "Wir haben ein Ritual. Zuerst zu Abercrombie & Fitch und dann in den Apple Store. Dort haben wir
unlängst drei iPads gekauft." Dieses benutzt er aus Effizienz-Gründen ebenso wie seinen BlackBerry,
seinen ständigen Begleiter, gerne. "Fragen Sie meine Frau! Das ist oft ein Scheidungsgrund", sagt er,
lacht und erklärt: "Ich bin ein Mailer und SMSer. Kein Telefonierer." Warum? "Weil man gezwungen ist,
sich kurz zu halten. Telefonate sind oft unkonkret und nicht effizient." "Effizienz" ist wie "Loyalität"
und "Paktfähigkeit" ein Wort, über das Kovats schreibt und spricht. Loyalität eine Tugend, die seine
Mitarbeiter haben müssen, seine wenigen Freunde auszeichnet und die er seinen Söhnen beibringen will.
Ob einer der Söhne in seine Fußstapfen treten wird, weiß er noch nicht. "Sie sollen etwas gut machen.
Egal, was."
Er selbst beschreibt sich als "zufriedenen Menschen, der nichts bereut. Wenn man
vieles unternimmt, geht auch einiges schief. Ich bin Unternehmer, kein Unterlasser." Wie lange noch? "Das
kann ich Ihnen nicht sagen und hängt von der Gesundheit ab. Stronach ist mit 78 noch aktiv. Dr. Taus ist
Ende 70, blitzgescheit und hochaktiv. Das ist für mich ein Ziel."
http://kurier.at/wirtschaft/w_unternehmen/2033704.php