Aktienwert 2006 binnen eines Jahres verfünffacht
Anklageschrift: Missbrauch von Insiderinformation
Aktie lag im Jahr 2006 auf über 100 Euro
Die Deutsche Bank soll massive
Kursmanipulation in bwin-Aktien betrieben haben. Der Bankmanager wurde kürzlich wegen Insiderhandels
angeklagt. Dem Geldinstitut drohen nun Schadenersatzklagen.
Ein Glücksspiel war es letztlich
nie. Als Roman Eisenschenk im März 2005 bei einer Investorenkonferenz in London die Aktie des
Sportwettanbieters bwin anpreiste, spielte Risiko keine Rolle. Den anwesenden Fondsmanagern wurde die
bevorstehende Liberalisierung des
EU-weiten Glücksspielmarktes erklärt und das damit verbundene
Kurspotenzial der Online-Plattform bwin. „Die Aktie kann nur steigen“, versprach Eisenschenk. Die
Finanzinvestoren nickten zufrieden. Immerhin war Eisenschenk Leiter des Wiener Aktienhandels der
Deutschen Bank, und seine Geldtipps waren gefragt. Unter den Geldjongleuren fand sich auch Martin
Begsteiger, früher Konsulent der Meinl Bank und euphorischer bwin-Aktionär. „Eisenschenk hat den
richtigen Riecher“, schwärmte Begsteiger damals gegenüber einem anwesenden Investmentprofi.
Reibach für Deutsche Bank
Tatsächlich sollte sich Eisenschenks Prophezeiung bewahrheiten: In den
folgenden Monaten explodierte die Nachfrage nach bwin von unter 20 Euro auf über 100 Euro (siehe
Grafik). Eine Verfünffachung binnen eines Jahres. Nicht nur Londoner Geldhaie waren erfreut, sondern
auch Eisenschenks Brötchengeber: Die Deutsche Bank verdiente beim An- und Verkauf von bwin-Aktien viele
Millionen Euro. Selbst beim Crash Mitte 2006, als über Nacht mehr als zwei Milliarden Euro Börsenwert
vernichtet wurden, klingelten bei der Deutschen Bank die Kassen – möglich dank saftiger
Verkaufsspesen.
Ermittlungen abgeschlossen
Auf das bwin-Kursfeuerwerk wurden damals auch
Finanzmarktaufsicht und Justiz aufmerksam, die umgehend ein Verfahren wegen möglichem Insiderhandel
einleiteten. Nach mehr als zwei Jahren sind die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Wien abgeschlossen.
Das brisante Ergebnis wird in der FORMAT exklusiv vorliegenden Anklageschrift vom 3. Oktober 2008
zusammengefasst. Der von Richterin Daniela Setz-Hummel (im Bild) voraussichtlich im März verhandelte
Insiderfall belastet vor allem die Deutsche Bank. Minutiös wird in dem 23 Seiten starken Gerichtspapier
(Aktenzahl 605 St 8/07a-19) dokumentiert, wie der größte Aktienhändler der Wiener Börse die
bwin-Kurse systematisch und zum eigenen Vorteil manipuliert und Tausende Kleinanleger geschädigt haben
soll. Allein der Ersten Bank soll laut Staatsanwalt Hans-Christian Leiningen-Westerburg ein Schaden von
zumindest 70 Millionen Euro entstanden sein. Die Deutsche Bank, der nun Schadenersatzklagen drohen, plant
den Rückzug aus Wien.
Ein Blick in die Anklageschrift:
„Martin Begsteiger und Roman
Eisenschenk haben in Wien am 28./29. Juni 2006 im gemeinsamen Zusammenwirken die Insider-Information,
dass der Kurs der bwin-Aktien durch einen von ihnen inszenierten Im-Kreis-Verkauf künstlich hoch
gehalten wurde, mit dem Vorsatz ausgenützt, sich und einem Dritten – der Deutschen Bank –
Vermögensvorteile zu verschaffen, indem sie davon betroffene Finanzinstrumente, nämlich 2,2 Millionen
bwin-Aktien, an die Erste-Bank-Tochter Central European e-Finance AG („ecetra“) verkauften, obwohl
sie wussten, dass dieser Kurs binnen kurzem zusammenbrechen würde, und sich dadurch einen 50.000 Euro
jedenfalls bei weitem übersteigenden Vermögensvorteil verschafft“, heißt es in der Anklageschrift.
„Begsteiger und Eisenschenk haben hierdurch das Verbrechen des Missbrauches von Insiderinformationen
nach Paragraf 48 b Börsengesetz begangen.“ Bei einer Verurteilung drohen den beiden Beschuldigten
– für sie gilt freilich die Unschuldsvermutung – bis zu fünf Jahren Gefängnis. Begsteiger und
Eisenschenk sowie Klaus Winker von der Pressestelle der Deutschen Bank wollten die Causa gegenüber
FORMAT nicht kommentieren.
Künstliche Nachfrage
Offensichtliches Ziel von Begsteiger,
Eisenschenk und Deutsche war es laut Gerichtsakt, die bwin-Kurse derart nach oben zu treiben, dass sie
für große Pensions- und Investmentfonds interessant werden. „Über einen Zeitraum von vier Monaten
wurden 55 Millionen bwin-Aktien an der Börse von Eisenschenk für Begsteiger gekauft und von ihnen
außerbörslich zuerst ver- und einige Tage danach wieder zurückgekauft“ (Anklageschrift). Ein
atemberaubendes Kursringelspiel kam in Gang: Aktien wurden von der Deutschen an die Privatinvest Bank
verschoben, von dort wanderten sie an ecetra und am Ende wieder zurück zur DB. Diese Luftgeschäfte
suggerierten dem Markt enormes Kaufinteresse. Monatelang war das Ringelspiel für alle lukrativ.
„Eisenschenk und Begsteiger war es gelungen, mit einem Einsatz von nicht mehr als fünf Millionen Euro
täglich den bwin-Kurs so zu beeinflussen, dass die psychologisch wichtige Grenze von 100 Euro Ende April
2006 durchbrochen wurde, was eine Marktkapitalisierung der bwin-Aktie von mehr als drei Milliarden Euro
ergab“ (Anklage).
Größter bwin-Aktionär
Begsteiger avancierte so zum größten
bwin-Aktionär. Kursgewinne konnte er aber nicht realisieren. Er profitierte am Papier. Bei Eisenschenk
und den Banken war das anders: „Eisenschenk handelte nicht uneigennützig. Er erwartete sich aus der
Geschäftsbeziehung zu Begsteiger materielle Vorteile, die in seinen Augen auch gravierende Verstöße
gegen interne Vorschriften (Handel mit nicht zugelassenen Kunden, Mobiltelefonate im Handelsraum,
Weitergabe von Kundeninformationen) rechtfertigten. Diese Vorteile ergaben sich einerseits aus der extrem
leistungsabhängigen Entlohnung der Aktienhändler, die von den Gewinnen des Handelsraums abhängt, und
aus der Chance, mit Hilfe von Begsteiger zu einem der wichtigsten Aktienhändler in bwin-Aktien zu
werden, was zusätzliches Geschäft und zusätzliche Gewinne – und damit einen zusätzlichen Bonus –
versprach“ (Anklage).
Der Anfang vom Ende
Das Drama begann im Juni 2006, als klar
wurde, dass Kursmanipulationen ins Geld gingen. Die spektakuläre Inhaftierung der bwin-Vorstände in
Frankreich sowie das härtere Vorgehen gegen illegales Glücksspiel in den USA setzten die bwin-Aktie
unter Druck. Weil Stützungskäufe immer teurer wurden, zog Eisenschenk laut Gerichtsakt die Reißleine:
„Nachdem sie entdeckt hatten, dass ihre Spekulation zu Verlusten geführt hatte und sie einen
Kursverfall nur mehr verzögern, aber nicht aufhalten konnten, verlagerten sie das Risiko auf die
Erste-Tochter ecetra, um die Deutsche davon zu entlasten.“
Die Erste Bank sitzt nun auf diesen
bwin-Aktien, beklagt einen Schaden von mindestens 70 Millionen Euro und hofft auf einen Wertzuwachs.
Letzteres dürfte eher unwahrscheinlich sein: Denn die Aktie war, wie sich nun herausstellte, wohl nie
mehr als 15 Euro wert.
Von Ashwien Sankholkar - FORMAT vom 12.12.2008