Wer will schon die Wahrheit hören
von Jochen Steffens
Ich habe ein paar
Mails von Ihnen zu Nachrichten und Journalisten erhalten, die alle darauf abzielen, dass man diesen
sowieso nicht glauben könne, es gäbe keine mediale Wahrheit, die Presse sei gekauft, würde die Massen
nur in die Irre führen, so der Tenor.
Das alles kann sein, und ich will es nicht bestreiten,
aber, im Bezug zum Börsenjournalismus hatte ich letztens schon dargestellt, dass die Presse
„verkaufen“ muss, und dass sich große Schlagzeilen, die Angst verbreiten, einfach besser
verkaufen.
Auch nur Menschen
Zum anderen sind Börsen-Journalisten auch nur
Menschen, mit anderen Worten, diese sind genauso den Marktstimmungen unterworfen, wie alle anderen
Marktteilnehmer. Und sich gegen die Mainstream-Stimmung zu stellen ist überaus schwer. Es gehört viel
Mut dazu. Wenn man mit der Masse falsch liegt, kann man sich in dieser schön verstecken. Wenn man
allerdings als einziger falsch liegt, muss man den Spott eben dieser Masse aushalten können. Dieser
Gefahr wollen oder können sich viele Menschen einfach nicht aussetzen.
Gute Ausbildung,
aber keine Trader
Hinzu kommt, dass viele Journalisten im Börsen-Wirtschaftsbereich
vielleicht eine gute volkswirtschaftliche Ausbildung haben, aber über keinerlei oder nur sehr wenig
nachhaltige Trading-Erfahrung verfügen. Das macht einen erheblichen Unterschied, den man nicht
unterschätzen darf.
Die Wahrheit ist schwierig
Zudem, die Wahrheit, also die
wirkliche Wahrheit, wollen eben auch wenige hören. Ein Beispiel: Ich kann es mir hier im Investor’s
Daily mittlerweile hin und wieder erlauben, zu schreiben, dass ich etwas nicht weiß, eben weil ich immer
wieder auch gegen die Mainstream-Meinung Stellung beziehe und zudem viele meiner Prognosen in den letzten
Jahren eingetroffen sind.
So konnte ich schon letztes Jahr zugeben, dass ich nicht weiß, wie
groß das Ausmaß dieser Kreditmarktkrise ist, wie weit diese noch gehen wird, und wie groß die
Auswirkungen auf die Weltwirtschaft und damit an den Börsen sein werden. Ich habe es immer damit
begründet, dass ja offensichtlich die Banken selbst es nicht wissen, wenn sie sich untereinander nicht
trauen.
Aber können Sie sich vorstellen, so etwas in einem Kommentar einer der großen
Zeitungen zu lesen? Ein Journalist, der offen zugibt, keine Ahnung von einer Situation zu haben? Nein,
das scheint unmöglich. Das wollen die Leser auch nicht lesen. Als ich in den Anfängen meiner Arbeit als
Verfasser eines täglichen Newsletters mal geschrieben habe, dass ich etwas nicht weiß, erhielt ich
wütende Mails. Ich solle, wenn ich sowieso nur Inkompetenz demonstriere, doch besser komplett damit
aufhören, meine Meinung kundzutun. Offenbar ist hier Ehrlichkeit also unerwünscht.
Wollen
manche Menschen die Wahrheit nicht?
Insofern scheint die Frage, wie viel Wahrheit die Masse
überhaupt hören will, eine durchaus berechtigte Frage. In den meisten Fällen gehören immer zwei
Seiten zu einer Medaille.
Im Börsenbereich ist es sogar augenscheinlich: Schauen Sie sich
einfach an, wie viele Menschen immer noch diesen falschen Propheten hinterherlaufen, die wir alle kennen.
Diesen Spezialisten, die lediglich kleine Aktien pushen, um sich selbst mit diesen die eigenen Taschen zu
füllen.
Diese Pusher wollen den schnellen Euro. Ich bin der Überzeugung, dass Geld, welches
auf diese Art und Weise verdient wird, nicht glücklich macht. Wenn man sieht, wie die meisten dieser
Pusher enden, scheint das auch zu stimmen (gerade sind wieder ein paar interessante Verfahren in diesem
Zusammenhang anhängig.)
Aber, diese Pusher und Gauner können nur deswegen so erfolgreich
arbeiten, weil es immer noch genug Menschen gibt, die ihnen glauben wollen! Nein, ich glaube nicht, dass
die Opfer alle zu blöd sind, ich glaube wirklich, sie wollen einfach glauben, was man ihnen vorsetzt.
Denn wenn man die Namen dieser Pusher bei Google eingibt, findet man meist unzählige (!) Hinweise und
Warnungen. Und Google beherrscht heutzutage wirklich jeder.
Wie viel Wahrheit kann man
ertragen?
Wenn ich mich selbst frage, ob ich alles wissen will, bin ich skeptisch. Ich glaube,
es ist sogar einfacher, nicht alles zu wissen, was so auf der Welt passiert. Wenn man sich nur anschaut,
was alles in den letzten 60 Jahren nach dem 2. Weltkrieg hätte passieren können und nur um Haaresbreite
verhindert wurde, wie glücklich ist der Nichtwissende (und ich denke, selbst davon ist nur ein kleiner
Teil bekannt)?
Kann man sich entziehen?
Leider ist das, was Kostolany dazu
empfohlen hatte, heute kaum noch umsetzbar: Er empfahl, einfach alle Nachrichten und Kommentare
ausschalten und nur auf das achten, was man selber recherchiert hat und daran festzuhalten. Doch im
Zeitalter des Internets und der medialen Allmacht, wie soll man sich da noch diesen Mainstream-Stimmungen
entziehen?
Der ewige Zweifel
Ich denke, die Menschen müssen einfach einen
gesunden Zweifel an Allem erlernen. Endlich aufhören damit, alles zu glauben, was geschrieben steht und
im Fernsehen gemeldet wird. Wir müssen uns gerade dann, wenn wir an den Börsen Erfolg haben wollen,
aufmachen und eigene Initiative ergreifen, selber recherchieren und hinterfragen. Dabei alles und jeden
beständig in Frage stellen und niemals den Zweifel aufgeben. Das Schlimmste für Trader und Spekulanten
sind festgefahrene Überzeugungen.
Keine Zeit für Recherche
Hinzu kommt,
dass durch das Internet Nachrichten immer schneller veröffentlicht werden, darunter leidet die genaue
Recherche, mit anderen Worten, die Qualität einzelner Nachrichten.
Wo geht also die Reise in
diesem "Informationszeitalter" hin? Ich weiß es nicht, aber ich weiß, dass wir an den Börsen gerade in
der Zeit der medialen Allmacht einen klaren Kopf bewahren und zu unseren eigenen Gedanken und
Überzeugungen gelangen müssen.
Wenn man alles gegeneinander aufwiegt, kommt man zu dem
Schluss, dass nur eine Erkenntnis übrig bleibt: Der Markt hat immer Recht. Und damit kann es gut sein,
dass die Charttechnik die Wahrheit ist, die uns letzten Endes übrig bleibt...