Format vom 03.10.2008
Kredite werden knapp, Projekte verschoben, Umsätze gehen zurück:
Österreichs B osse erwarten ein verdammt schwieriges Jahr.
Beim Ziegelhersteller Wienerberger
wird derzeit im Kleinen wie auch im Großen gespart. In einer Mail wurden die Mitarbeiter vor kurzem
eindringlich aufgefordert, nur noch schwarzweiß und nicht mehr in Farbe auszudrucken. Der weltweit
größte Ziegelkonzern wird heuer 450 Millionen Euro investieren, um 50 Millionen Euro weniger als
ursprünglich geplant. Außerdem wollte Wienerberger bis 2012 rund 25 neue Werke errichten, aber auch
dieses Vorhaben wird nun so nicht realisiert: Der Zeitplan dafür ist nach hinten verschoben. „Wir
sehen uns jetzt jedes Projekt genau an. Wir sind sicher selektiver geworden“, sagt
Wienerberger-Vorstand Wolfgang Reithofer. „Wir müssen jetzt alle kleinere Brötchen backen.“
Auch in anderen Unternehmen wie etwa bei Strabag, Agrana und Immofinanz ist neue Bescheidenheit
eingekehrt. Unfreiwillig. Denn Kredite sind knapp, und Geld von der Börse ist derzeit nicht zu
kriegen.
Die Krise, die vor rund einem Jahr am amerikanischen Immobilienmarkt ihren Anfang
nahm und jetzt – ein paar Bankenpleiten später – in der 700-Milliarden-Rettungsaktion der
US-Regierung gipfelt, hat sich zu einem Weltwirtschafts-Tsunami entwickelt. Und dessen Ausläufer treffen
auch die österreichische Realwirtschaft mit aller Härte.
Nach Jahren soliden Wachstums und
einer Hochkonjunktur mit prächtig steigenden Unternehmensgewinnen und rückläufigen Arbeitslosenzahlen
heißt es ab sofort: warm anziehen. Die Wirtschaftsforscher haben ihre Wachstumsprognose für 2009 auf
nur noch ein Prozent halbiert.
Heimische Bankenvertreter trafen sich in dieser Woche im
idyllischen Tiroler Alpbach zum Finanzsymposium. Dort, wo sonst in entspannter Atmosphäre künftige
Trends diskutiert und Netzwerke vertieft werden, ging es diesmal ums Eingemachte: um die sogenannte
Kreditklemme, unter der viele Firmen leiden.
„Ich fürchte, 2009 wird wesentlich schlimmer,
als jetzt noch viele glauben“, sagt Reinhard Platzer, Chef der Kommunalkredit. Im Markt sei kaum
langfristig verfügbares Geld aufzutreiben. Dadurch müssten viele Investitionsprojekte verschoben
werden. Besonders betroffen könnte die Immobilien-, Bau oder E-Wirtschaft sein. Die Kommunalkredit habe
extrem viele Anfragen für Finanzierungen, und auch die Zinsen seien sehr gut. „Aber wie alle anderen
haben auch wir das Problem der langfristigen Refinanzierung bei Kreditvergaben“, so Platzer.
Eine Spirale nach unten
Grundsätzlich ist zwar noch Geld im Markt, aber die Banken sind
wesentlich vorsichtiger geworden als noch vor einem Jahr. Auch wegen der schlechteren
Konjunkturprognosen. So sieht das auch Karl Sevelda, Vorstand der Raiffeisen Zentralbank: „Da kann
schon eine Spirale nach unten einsetzen“ .
Auch Bank-Austria-Vorstand Helmut Bernkopf
zittert unruhigen Zeiten entgegen. „Unsere Leute in der Kreditprüfung haben jetzt besonders viel zu
tun“, sagt der Firmenkunden-Chef der größten Bank Österreichs. „Projektfinanzierungen, die noch in
der Vorwoche problemlos durchgegangen wären, haben es jetzt deutlich schwerer.“ Denn die
Refinanzierungskosten haben sich bei der Bank Austria „um durchschnittlich 0,5 Prozentpunkte“
(Bernkopf) erhöht. Sollten Unternehmen an Auftrags- bzw. Nachfragerückgängen leiden, verschlechtert
das aus Sicht der Banken deren Bonität: „Kredite werden dann noch teurer.“
Teure
Firmenkredite
Binnen eines Jahres haben sich die Zinsen für Firmenkredite beinahe verdoppelt. Sie
liegen jetzt knapp unter oder über sieben Prozent. Manche Investitionen rechnen sich bei diesen Kosten
nicht mehr. So musste Strabag-Chef Hans Peter Haselsteiner diese Woche Pläne für den Ausbau von fünf
bis zehn Zementwerken mit seinem russischen Partner Oleg Deripaska vorerst verschieben. Der Baukonzern
hätte gut eine Milliarde Euro investieren sollen, davon ein Drittel mit Eigenkapital. „Im aktuellen
Finanzmarktumfeld müssen wir unsere Investitionsentscheidungen wohl dosieren“, erklärt Haselsteiner.
Sein Sprecher Christian Ebner wird noch deutlicher: „Wir haben das Geld, aber in dieser Situation
lieber am Konto, Cash ist jetzt King.“
Auch der Wiener Zuckerkonzern Agrana, der in den
vergangenen Jahren in Osteuropa kräftig investiert hat, wird nun die für diesen Herbst geplanten
Werkausbauten in Russland und Südafrika in der Höhe von sieben bis acht Millionen Euro ins nächste
Jahr verschieben. „Wir möchten die nächsten Monate abwarten, um Gewissheit über das Ausmaß der
Krise zu bekommen“, erklärt Agrana-Finanzvorstand Walter Grausam. „Ist die Lage auch 2009 noch
unsicher, könnten wir weitere Projekte im Volumen von 20 Millionen Euro aufschieben.“
Das
Wiener Bauunternehmen Porr ortet ebenfalls erste Auswirkungen. „Die Vergabe von Krediten ist
restriktiver, zudem haben sich die Konditionen überproportional verschlechtert“, sagt Porr-Sprecher
Roland Rudel. Beim Salzburger Kranhersteller Palfinger war die Stimmung auch schon besser. „Wir merken
deutlich, dass die Finanzkrise die Realwirtschaft eingeholt hat“, sagt Unternehmenssprecher Hannes
Roither. „Auf wichtigen Märkten wie Großbritannien und Spanien sind die Aufträge um bis zu 50
Prozent zurückgegangen. In diesen Ländern fehlen uns 100 Millionen Euro Umsatz.“
Immobranche unter Druck
Vor allem Immobilienunternehmen, die in den vergangenen Jahren mit
gigantisch hohen Kapitalerhöhungen und Bankkrediten ihre Expansion vorantrieben, leiden jetzt besonders.
Um liquide zu bleiben, musste die größte heimische Immo-Gesellschaft, Immofinanz, kürzlich ihre 4,4
Milliarden Euro schwere Projektpipeline um zwei Milliarden Euro zurückschrauben. Zusätzlich muss der
börsennotierte Konzern Objekte im Wert von 800 Millionen Euro verkaufen. „Wir haben unsere Strategie
so adaptiert, dass wir auch bei einem nicht funktionierenden Kreditmarkt keine Probleme bekommen“,
bekennt Immofinanz-Chef Karl Petrikovics. Dennoch warnen Aktienanalysten vor einer Liquiditätskrise.
Die massiv nach unten korrigierte Wachstumsprognose schockt auch die Politik. „Was wir jetzt
erleben, ist ein echter Konjunktureinbruch“, sagt Noch-VP-Wirtschaftsminister Martin Bartenstein.
„Jede Hochkonjunktur geht einmal zu Ende, der Abschwung fällt aber durch die Finanzkrise
stärker aus“, sagt Christian Helmenstein, Chefökonom der Industriellenvereinigung. „2009 wird ein
sehr schwieriges Jahr.“ Verhaltene Hoffnung lässt der Chef des Instituts für Höhere Studien,
Bernhard Felderer, aufkommen. Er rechnet mit keiner Rezession für Österreich, „falls sich die
Finanzkrise in Europa in Grenzen hält“. Dank des starken Fokus auf Osteuropa, einer produktiven
Industrie und des flexiblen Arbeitsmarktes werde sich Österreich besser als Deutschland und Italien
schlagen.
Durch den schwachen Dollar ist die Wettbewerbsfähigkeit der Österreicher gesunken.
Dazu kommt eine zurückhaltende US-Nachfrage. „Das trifft alle, die sehr stark in die USA
exportieren“, sagt Helmenstein. Der Anteil der USA an den Exporten, der 2006 noch bei sechs Prozent
war, schrumpfte bereits im Vorjahr auf 4,8 Prozent und wird heuer noch geringer ausfallen. Betroffen
davon ist etwa der Kristallhersteller Swarovski: In Tirol werden heuer 740 Arbeitsplätze abgebaut, noch
einmal so viele sollen es bis 2010 sein.
Wann kommt die Jobkrise?
Im September ging die
Zahl der Arbeitssuchenden im Vergleich zum Vorjahr zwar noch einmal leicht zurück. Doch schon bald wird
die Krise auch am Arbeitsmarkt deutliche Spuren hinterlassen. Derzeit werden im ganzen Land Mitarbeiter
gekündigt.
Der Fahrzeughersteller Magna Steyr in Graz etwa wird ab Anfang 2009 rund 200
Stellen streichen, rund 700 Beschäftigte haben das Unternehmen bereits verlassen. In Hallein wackeln 130
Arbeitsplätze bei Johnson & Johnson. Beim deutschen Druckmaschinenhersteller Koenig & Bauer sollen im
niederösterreichischen Werk einige Hundert Mitarbeiter abgebaut werden. Dieser Schritt sei notwendig,
weil mehrere Kunden infolge der restriktiveren Kreditvergabe Aufträge storniert hätten, sagt
Marketing-Direktor Klaus Schmidt.
Die Spirale nach unten hat begonnen.
„Wir sehen
uns jedes Projekt genau an und sind selektiver geworden. Alle müssen jetzt kleinere Brötchen backen.“
Wolfgang Reithofer Wienerberger-Chef „Das, was wir jetzt in Österreich erleben werden, ist
ein echter Konjunktureinbruch.“
Martin Bartenstein Wirtschaftsminister „Gerade in dem
aktuellen Finanzmarktumfeld müssen wir unsere Investitionsentscheidungen wohl dosieren.“
Hans Peter Haselsteiner Strabag-Chef „Wir bemerken erste Auswirkungen der Krise: Die Vergabe von
Projektfinanzierungen ist restriktiver.“
Wolfgang Hesoun Porr-Chef „Wir möchten die
nächsten Monate bei unseren Investitionen lieber noch abwarten.“
Walter Grausam
Agrana-Finanzvorstand „In wichtigen Märkten wie Großbritannien und Spanien fehlen uns 100 Millionen
Euro Umsatz.“
Herbert Ortner Palfinger-CEO Wieder 200 Kündigungen bei Magna: „Chrysler
hat sehr kurzfristig Volumina herausgenommen.“ Günther Apfalter Magna-Vorstand
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