Format vom 08.02.2008
Andreas Treichl, Vorstandschef der Erste Bank, spricht erstmals in
einem Interview über die aktuelle Kreditkrise, die Konjunktur und den Milliardenbetrug bei der Société
Générale.
Format: Herr Treichl, die aktuelle Banken- und Finanzkrise erfasst immer
sichtbarer auch andere Branchen. Namhafte Experten wie George Soros ziehen mittlerweile sogar Vergleiche
mit der großen Wirtschafts- krise von 1929. Wie dramatisch ist die Lage wirklich?
Treichl:
Ich kann solche Vergleiche nicht nachvollziehen. Damals hatten wir wirtschaftlich eine ganz andere
Situation. Es gab in vielen Ländern Anzeichen für eine dramatische Wirtschaftskrise. Ich glaube nicht,
dass die Finanzwirtschaft, auch wenn sie heute ein ungleich höheres Gewicht hat als 1929, die reale
Wirtschaft, oder nennen wir es Güterwirtschaft, tatsächlich nachhaltig negativ beeinflussen kann.
Format: In dieser realen Wirtschaft sehen Sie keine Krise?
Treichl: Ich sehe
Schwächezeichen, aber keine Krise. Es gibt große Volkswirtschaften, die die globale Konjunktur
stimulieren - etwa China, Russland, Zentraleuropa oder Indien. Ich halte es daher für ausgeschlossen,
dass wir in eine weltweite Rezession rutschen.
Format: Dennoch hinterlässt die Subprime-Krise
Spuren, vor allem an den Börsen.
Treichl: Ich bin überzeugt, dass durch diese Krise das
Risiko wieder einen adäquaten Preis bekommen wird. Das halte ich für gar nicht schlecht. Man wird jetzt
eine Zeit lang vernünftiger agieren, bis in ein paar Jahren das nächste Finanzprodukt auf den Markt
kommt, dem alle wie die Lemminge nachlaufen, und dann gibt es die nächste Finanzkrise. Der Lernprozess
wird kommen, aber es wird auch immer schnell vergessen.
Format: Wie konnte sich die Tatsache,
dass ein paar tausend Amerikaner ihre 80.000-Dollar-Start-up-homes nicht mehr zahlen können, zu einer
derartigen Krise ausweiten?
Treichl: Subprime ist eigentlich ein schmales Segment im
Kreditmarkt. Aber darauf aufbauend sind zahlreiche Finanzprodukte kreiert worden, die reißenden Absatz
fanden und daher immer höhere Volumina generiert haben. Das ist ja auch der Grund, warum das nach Europa
geschwappt ist. Es haben viele Banken enorme Summen investiert, und jetzt sind entsprechende
Abschreibungen nötig. Die Probleme sind ein Resultat der Größenordnung. Die Folge ist, dass Kredite
teurer werden, und zwar sowohl für Staaten als auch für Unternehmen und Private. Die Risikobereitschaft
der Kreditgeber sinkt, und dadurch wird auch das Wachstum beeinträchtigt.
Format: Also doch
ein Einfluss auf die reale Wirtschaft?
Treichl: Es gibt selbst erfüllende Prophezeiungen.
Wenn ich einem hochintelligenten Kind jeden Tag sage, "Du bist ein Trottel", dann wird das irgendwann
seine Auswirkungen haben. Wenn ich pausenlos die Wirtschaft schlechtrede, dann hat das auch einen
gewissen Einfluss auf das Verhalten der Menschen. Man sollte das andererseits auch nicht überschätzen.
Denn am Ende des Tages bleibt ein gescheites Kind eben gescheit und eine gesunde Wirtschaft gesund.
Irgendwann gewinnt die Realität.
Format: Nach der Asienkrise 1998 und der Pleite des
Hedgefonds LTCM gab es Bemühungen, die Kapitalmärkte stärker zu regulieren und transparenter zu
machen. Nun geht diese Krise ausgerechnet von den USA aus, wo nach dem Enron-Desaster die Risiko- und
Transparenzvorschriften durch den Sarbanes-Oxley Act massiv verschärft wurden.
Treichl: Man
muss sich damit abfinden - und das hat jetzt nichts mit Subprime zu tun -, dass solche Krisen
system-immanent sind. Jede Krise führt zu neuen Instrumenten der Risikosteuerung. Wir werden ein Basel 3
bekommen und Sarbanes-Oxley-2, und statt 2.000 Mitarbeitern im Risk Management gibt es dann 3.000. Aber
das kostet wieder Geld, das die Banken durch neue Produkte hereinbekommen werden, die die Leute, die sie
kaufen, nicht verstehen, und der Kreislauf beginnt von Neuem. Da habe ich keine Lösung.
Format: Der französische Präsident Nicolas Sarkozy und der britische Premier Gordon Brown überlegen,
Kapitalflüsse zu besteuern und sie dadurch auch transparent zu machen. Glauben Sie, dass diese
sogenannte "Tobin-Tax" etwas bringt beziehungsweise überhaupt durchsetzbar ist?
Treichl: Ich
halte das nicht für machbar. Dafür bräuchten sie eine weltweite Einigung, damit Investoren keine
Schlupflöcher mehr haben. Das ist unrealistisch. Genau deshalb gibt es eben die zahlreichen
Karibikgesellschaften und Steueroasen, die davon leben, dass es diese Einigung nicht gibt.
Format: Macht es Sinn, die Hedgefunds stärker zu regulieren, wie jetzt ebenfalls gefordert wird?
Treichl: Ich würde nicht auf die Hedgefunds hinpecken. Die haben ihre Vor- und Nachteile, sind
aber nicht an der aktuellen Krise schuld. Praktisch alles, was zur Risikominimierung verwendbar ist, kann
auch zu dessen Erhöhung dienen. Vor diesem Hintergrund ist es eher problematisch, dass die Branche der
Anlage- und Vermögensberater zu wenig reguliert ist.
Format: Wie hängt das zusammen?
Treichl: Die Produkte werden immer komplexer, und die Folge ist, dass oft weder Käufer noch
Verkäufer wirklich verstehen, was sie tun. In manchen Ländern werden über 50 Prozent der Produkte von
Banken und Versicherungen nicht mehr von den Finanzinstituten selbst verkauft, sondern von Beratern. De
facto fehlt da die Kontrolle. Aber noch einmal: Es ist unmöglich, ein Regulativ zu finden, das
verhindert, dass die Leute Geld verlieren oder dass es Betrüger gibt. Das ist eine Illusion. Wie in dem
Lied über den Banküberfall: Das Böse ist immer und überall.
Format: Unter anderem ist es
auch in der Société Générale, wo ein Händler, angeblich allein, fünf Milliarden Euro verspekuliert
hat. Was ist dort Ihrer Meinung nach passiert?
Treichl: Da maße ich mir kein Urteil an. Ich
bedauere es ungemein, dass das ausgerechnet in der SocGen passiert, deren Chef ich für einen der
intelligentesten und besten Banker halte, die ich je kennen gelernt habe. Gerade er war immer extrem um
Risikomanagement bemüht. Faktum ist: Wenn dieser Händler das wirklich allein gemacht hat, dann muss im
System etwas grob falsch gewesen sein. Ich persönlich halte die Einzeltäterthese aber für
ausgeschlossen.
Format: Wäre so etwas, wenn auch in kleinerer Dimension, bei der Erste Bank
möglich?
Treichl: Natürlich überprüft man bei solchen Ereignissen sofort alle Systeme.
Aber etwas in dieser Dimension ist bei uns undenkbar. Natürlich passiert bei uns auch genug. Wir haben
56.000 Mitarbeiter und 16 Millionen Kunden. Da geschehen Fehler und auch Betrügereien. Das wird man nie
ganz verhindern können, aber die Größenordnungen sind völlig andere.
Format: Sie haben im
November den Abschreibungsbedarf aus der Subprime-Krise mit 20 Millionen Euro angegeben. Wird es dabei
bleiben, oder sind, wie manche befürchten, im Jahresergebnis noch höhere Summen fällig?
Treichl: Wir hatten nie Investments in Subprime-Produkte. Wir mussten aber wegen der rückläufigen
Kurse 20 Millionen Abschreibungen vornehmen. Mit dem Betrag hat es sich aber auch schon.
Format: Die Aktie der Erste Bank hat dennoch massiv gelitten. Seit Jahresbeginn ist der Kurs um 30
Prozent auf 35 Euro gefallen. Viele Investmentbanken haben Einstufung und Kursziele Ihrer Aktie deutlich
zurückgenommen.
Treichl: Wir bekommen jetzt die Watschen, die eigentlich andere verdienen.
Die Erste Bank ist heute keinen Cent weniger wert als vor einem halben Jahr, als der Kurs bei 57 Euro
stand. Wegen der bevorstehenden Bilanzzahlen darf ich derzeit leider keine eigenen Aktien kaufen. Dürfte
ich es, dann würden ich und viele andere Kollegen das jetzt tun.
Format: Einer der Gründe
für die Skepsis der Analysten ist Ihre Rumänientochter BCR. Es wird erwartet, dass die von Ihnen in
Aussicht gestellten Wachstumszahlen nicht halten.
Treichl: Die Verteuerung der Kredite trifft
natürlich auch die CEE-Staaten. Das kann eine Auswirkung auf das Wachstum haben. Aber dieses wird immer
noch bei fünf bis neun Prozent liegen und somit weit über dem in Westeuropa.
Format: Glauben
Sie an eine Rezession in den USA?
Treichl: Ich halte es nicht für völlig ausgeschlossen.
Wenn, dann eine kurze von vielleicht zwei Quartalen. Aber selbst in diesem schlimmsten Fall werden die
Auswirkungen auf den CEE-Raum überschaubar sein. Das Handelsvolumen mit den USA ist sehr gering, und die
Nachfrage kommt aus dem steigenden Konsum und notwendigen In-vestitionsgütern. Dazu kommt, dass in
solchen Phasen die Konsumenten auf günstigere Produkte umsteigen, die meist in CEE produziert werden.
Man kauft dann eben keinen Audi, aber einen Skoda, und statt Miele kommt Gorenje in die Küche.
Format: Die UBS hat in ihrer jüngsten Analyse erklärt, die Erste Bank sei nicht mehr als
Wachstumsunternehmen zu bewerten.
Treichl: Unsere Ziele liegen bei einem Wachstum von 25
beziehungsweise 20 Prozent für die kommenden Jahre. Jeder kann selbst entscheiden, ob das für die
Bezeichnung Wachstumsunternehmen reicht.
Format: Wie lange wird es dauern, bis die
Finanzbranche die aktuelle Krise überwunden hat?
Treichl: Wenn ich das richtig vorhersagen
könnte, wäre ich von mir schwer beeindruckt.
Format: Abschließend eine andere Vorhersage:
Wie heißt der nächste Präsident der USA?
Treichl: Ich glaube Hillary Clinton. Ich hoffe das
auch. Die Republikaner sind nach acht Jahren Bush unwählbar. Clinton ist erfahren und gerissen. Die hat
auch eine Chance, mit Putin fertig zu werden, was in den nächsten Jahren immer wichtiger wird. Obama ist
mir zu blauäugig. Der glaubt noch an das Gute in der Welt.
"Ich kann Vergleiche mit der
großen Weltwirtschaftskrise von 1929 nicht nachvollziehen." Andreas Treichl, Erste Bank
Socgen-Chef Daniel Bouton.
"Es tut mit leid, dass es ausgerechnet ihn erwischt hat. Er ist einer
der intelligentesten Banker, die ich kenne."
Erste-Tochter Banca Comerciala Romana
Bukarest
Selbst im schlimmsten Fall einer US-Rezession werden die Auswirkungen auf die CEE-Staaten
überschaubar sein.
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Gruß