Eurozone-Wirtschaft schrumpft erstmals seit fünf Monaten und Servicesektor rutscht wieder in Kontraktionszone

Eurozone-Wirtschaft schrumpft erstmals seit fünf Monaten und Servicesektor rutscht wieder in Kontraktionszone



Ergebnisse auf einen Blick:

HCOB Flash Eurozone Composite PMI bei 49,5 (April: 50,4), 6-Monatstief.
HCOB Flash Eurozone Service-Index Geschäftstätigkeit bei 48,9 (April: 50,1), 16-Monatstief.
HCOB Flash Eurozone Index Industrieproduktion bei 51,5 (April: 51,5), unveränderte Wachstumsrate.
HCOB Flash Eurozone Industrie PMIbei 49,4 (April: 49,0), 33-Monatshoch.

Wie die Vorabschätzung signalisiert, ist die Eurozone-Wirtschaft im Mai wegen des anhaltenden Auftragsrückgangs erstmals wieder geschrumpft. Während der Servicesektor in den rezessiven Bereich abrutschte, wurde die Industrieproduktion moderat gesteigert. Die Beschäftigungslage blieb konstant, womit auch der kurzzeitige Stellenaufbau zum Erliegen kam. Zugleich sanken die Geschäftsaussichten binnen Jahresfrist auf ein 19-Monatstief. Der Anstieg der Einkaufs- und Verkaufspreise schwächte sich ab, wenngleich die Preistrends auf Sektorenebene auseinanderliefen. Im Verarbeitenden Gewerbe sanken die Einkaufs- und Verkaufspreise, bei den Serviceanbietern stiegen sie.

Produktion und Nachfrage

Mit 49,5 Punkten nach 50,4 im Vormonat sank der saisonbereinigte HCOB Flash Eurozone Composite PMI erstmals seit fünf Monaten wieder unter die neutrale Wachstumsschwelle von 50 Punkten und signalisierte damit, dass die Privatwirtschaft der Eurozone im Mai geringfügig geschrumpft ist. Die aktuelle Umfrage basiert auf rund 85% der regulären Rückmeldungen.

Ausschlaggebend für den neuerlichen Rückschlag war, dass die Geschäftstätigkeit im Servicesektor zum ersten Mal seit letztem November moderat zurückging und der entsprechende Index auf den tiefsten Wert seit 16 Monaten sank. Im Gegensatz dazu wurde die Industrieproduktion zum dritten Mal hintereinander und so stark ausgeweitet wie im April.

In Deutschland sank die Wirtschaftsleistung wieder, nachdem sie in den ersten vier Monaten dieses Jahres gestiegen war.

Damit landete Deutschland wie Frankreich - wo die Wirtschaft bereits zum neunten Mal hintereinander schrumpfte - in der Kontraktionszone. Mit erneut kräftigem Wachstum schnitten die übrigen von der Umfrage erfassten Länder zum wiederholten Mal besser ab, wenngleich die Wirtschaftskraft hier nicht mehr ganz so stark zulegte wie in den zurückliegenden drei Monaten.

Während dem Rückgang der Wirtschaftsleistung im Mai eine Wachstumsphase vorausging, verharrt der Auftragseingang nun bereits seit genau einem Jahr im roten Bereich. Obwohl die Einbußen diesmal nur mäßig ausfielen, waren es trotzdem die höchsten seit Dezember 2024. Wie bei der Geschäftstätigkeit gab auch hier der Dienstleistungssektor den Ausschlag, wo das vierte Auftragsminus zu Buche schlug. Im Verarbeitenden Gewerbe stabilisierte sich die Neuaufträge nach dreimonatigem Rückgang. Die Exporte (inklusive des Intra-Eurozone-Handels) wiesen wie bereits im Vormonat nur ein moderates Minus aus.

Beschäftigung

Nach zweimonatigen minimalen Zuwächsen blieb die Beschäftigung im Mai konstant. So glich der leichte Stellenaufbau im Servicesektor die schwächste Reduzierung in der Industrie seit einem Jahr aus.

In Deutschland und Frankreich sanken die Beschäftigtenzahlen, in den übrigen von der Umfrage erfassten Ländern stiegen sie.

Aufgrund des erneuten Auftragsrückgangs fiel der 26. Abbau der Auftragsbestände in Folge im Mai so deutlich aus wie seit Jahresbeginn nicht mehr.

Preise

Analog zu den auseinanderlaufenden Trends bei der Geschäftstätigkeit, entwickelten sich auch die Preise zwischen Verarbeitendem Gewerbe und Servicesektor unterschiedlich. In der Industrie sanken die Einkaufspreise zum zweiten Mal hintereinander und so kräftig wie zuletzt im März 2024. Im Gegensatz dazu verteuerten sie sich bei den Dienstleistern noch etwas stärker als im April. Insgesamt stiegen die Einkaufspreise ungefähr genauso stark wie im Vormonat und damit etwas weniger deutlich als im langjährigen Mittel.

Der Anstieg der Verkaufspreise schwächte sich hingegen insgesamt auf ein 7-Monatstief ab. Analog zu den Einkaufspreisen kontrastierten höhere Angebotspreise bei den Dienstleistern mit den erstmals seit drei Monaten wieder rückläufigen Verkaufspreisen im Verarbeitenden Gewerbe. In Frankreich sanken die Verkaufspreise, in Deutschland und den übrigen von der Umfrage erfassten Ländern stiegen sie ein weiteres Mal.

Lagerhaltung und Lieferketten

Der Reduzierung der Einkaufsmenge verlagsamte sich im Mai zum sechsten Mal hintereinander und fiel so schwach aus wie nie zuvor seit Beginn der Reduzierung vor 35 Monaten. Trotz anhaltend starkem Abbau sanken die Bestände an Vormaterialien mit der niedrigsten Rate seit April 2023, und die Bestände an Fertigwaren so langsam wie seit acht Monaten nicht mehr. Die Lieferzeiten verkürzten sich den vierten Monat in Folge, allerdings nur leicht.

Ausblick

Nachdem sie im April regelrecht abgesackt waren, sanken die Geschäftsaussichten binnen Jahresfrist im Mai nochmals leicht und fielen mit dem tiefsten Wert seit Oktober 2023 auch weniger optimistisch aus als im langjährigen Mittel.

Ausschlaggebend hierfür war die schwindende Zuversicht bei den Serviceanbietern, wo der entsprechende Index auf den tiefsten Wert seit September 2022 fiel. Lässt man die Monate während des Ausbruchs der Corona-Pandemie 2020 außen vor, sank der Index hier sogar auf den zweitniedrigsten Wert seit Ende 2012. In starkem Gegensatz dazu verbesserten sich die Geschäftsaussichten in der Industrie markant und fielen so optimistisch aus wie seit Februar 2022 nicht mehr.

Dr. Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt der Hamburg Commercial Bank, kommentiert:

“Die Konjunktur in der Eurozone kommt nicht Schwung. Seit Januar zeigt der Gesamt-PMI nur marginale Zuwächse und im Mai ist die Privatwirtschaft sogar in den schrumpfenden Bereich gedreht. Die US-Zölle können hier nicht als Schuldiger identifiziert werden. Im Gegenteil, vermutlich sind Vorzieheffekte, um die Zölle zu umgehen, ein Teil der Erklärung dafür, warum es in den vergangenen Monaten im verarbeitenden Gewerbe sogar etwas besser gelaufen ist. So haben die Unternehmen dieses Sektors bereits den dritten Monat in Folge ihre Produktion ausgeweitet und erstmals seit April 2022 sind die Auftragseingänge nicht mehr gefallen. Die Dienstleister hingegen, die nur in wenigen Bereichen wie etwa der Abwicklung des internationalen Handels von der US-Zollpolitik betroffen sein dürften, weisen das erste Mal seit November 2024 eine schrumpfende Geschäftstätigkeit aus. Während die Auslandsnachfrage nach Dienstleistungen ebenfalls schwächelt, dürfte es vor allem die schwache Inlandsnachfrage sein, die dem Sektor zusetzt.

Die Momentaufnahme für den Mai ist unerfreulich. Mit Blick auf die Zukunft sind die Unternehmen nur verhalten optimistisch, liegt doch der Index weiterhin deutlich unter dem langfristigen Durchschnitt.

Perspektivisch besteht jedoch Grund zur Zuversicht. Denn die sich verbessernde Lage im verarbeitenden Gewerbe findet in der Breite statt, wie die positiven Entwicklungen in Deutschland und Frankreich zeigen. Voraussichtlich weiter fallende Leitzinsen dürften ebenso helfen wie die Tatsache, dass die Ölpreise derzeit auf einem wesentlich niedrigeren Niveau sind als im Durchschnitt des Vorjahres. Dazu kommt, dass Deutschland mit seiner wahrscheinlich sehr expansiven Fiskalpolitik wieder die Rolle der Konjunktur-Lokomotive für die Eurozone übernehmen könnte. Letzteres wird unterstrichen durch den deutlichen Sprung beim Index künftige Produktion in Deutschland auf ein überdurchschnittliches Niveau.

Die Europäische Zentralbank wird diese Zahlen mit einem lachenden und einem weinenden Auge betrachten. Zwar ist im vielbeachteten Dienstleistungssektor die Inflation bei den Verkaufspreisen von einem bereits niedrigen Niveau leicht gefallen.

Jedoch ist die Teuerungsrate bei den Einkaufspreisen hoch und hat sich sogar etwas beschleunigt. Angesichts der zuletzt fallenden Energiepreise dürften höhere Löhne hier eine wichtige Rolle spielen.

Dennoch scheint die EZB geneigt zu sein, mit vorsichtigen Zinssenkungen weiter zu machen, unterstützt durch die fallenden Einkaufspreise im verarbeitenden Gewerbe.“