Der transatlantische Graben wird tiefer
Der transatlantische Graben wird tiefer
Eurozone: geopolitische Spannungen bremsen Wachstum
Notenbanken: EZB soll Wachstum schaffen – Wirksamkeit weiterer Maßnahmen aber sehr begrenzt
EUR/USD: Dollar gestützt durch Fed-Politik und gute US-Konjunktur
Ölpreis: OPEC setzt auf riskante Strategie
Aktienmärkte profitieren von hoher Liquidität und steigenden Unternehmensgewinnen
Anlagestrategie: Aktien weiter übergewichtet
„Die geopolitischen Spannungen haben in Europa zu einer Stimmungsverschlechterung bei Investitionsvorhaben geführt. Diesen negativen Effekt sehen wir erst im Verlauf des Jahres 2015 moderat verbessert. Die Schätzungen für das BIP-Wachstum in der Eurozone 2015 liegen derzeit bei 1,2 Prozent, was gut 2 Prozentpunkte unter den Wachstumsprognosen für die USA liegt. Für das erste Halbjahr gehen wir davon aus, dass sowohl in den USA als auch in der Eurozone die Inflationsrate unter 1 Prozent liegen wird (in der Eurozone könnte sie durch den Ölpreis sogar kurzfristig negativ werden). Im zweiten Halbjahr wird die Teuerungsrate in den USA allerdings kräftig zulegen und sich bei rund 3 Prozent einpendeln, während der Anstieg in der Eurozone weit geringer ausfallen wird. Weiterhin bestehen bleiben auch die deutlichen Unterschiede innerhalb der Eurozone“, beginnt Valentin Hofstätter, Leiter der Abteilung Bond Market & Currency Research bei Raiffeisen RESEARCH bei der Raiffeisen Bank International AG (RBI) die Präsentation der „Strategie Globale Märkte“ für das erste Quartal 2015.
Aus den USA, einem der wichtigsten Handelspartner der Eurozone, kommen hingegen positive Nachrichten. Das reale BIP dürfte 2015 und 2016 um je 3,2 Prozent zulegen, nach gut 2 Prozent p.a. zwischen 2012 und 2014. Die Arbeitslosenquote wird weiter zurückgehen und Ende 2015 bereits unter 5 Prozent liegen. „Die USA befinden sich in einem selbstragenden Aufschwung und es gibt keinerlei Hinweise, dass dieser in absehbarer Zeit abreißen könnte. Und auch das globale Wirtschaftswachstum dürfte 2015 etwas besser ausfallen als 2014“, so Hofstätter weiter.
Mangels Handlungsfähigkeit der Regierungen in der Eurozone und der Unwilligkeit zu ernsthaften Reformen wird die Europäische Zentralbank (EZB) mit einer Aufgabe bedacht, die sie langfristig nicht erfüllen kann, nämlich nachhaltiges BIP-Wachstum zu generieren. Mario Draghi hat zuletzt umgeschwenkt und den breiten Kauf von Finanztitel, darunter wahrscheinlich auch Staatsanleihen, in Aussicht gestellt. Mit der Schaffung von Zentralbankgeld sollen die Marktzinsen weiter nach unten gedrückt werden, so dass die Finanzinstitute die geschaffenen Mittel zur Kreditgewährung und damit zu wachstumsanregenden Investitionen nützen können.
Doch die Rechnung hat laut Hofstätter gleich mehrere Haken. „Erstens haben die meisten Unternehmen genügend Cash-Bestände. Zweitens haben sich die Konjunkturerwartungen der Unternehmen eingetrübt, was für die Investitionsentscheidungen der Unternehmen viel relevanter ist als der Nullzinssatz. Drittens haben sich die Bonitäten vieler Unternehmen seit der Finanzkrise verschlechtert, während die Eigenkapitalerfordernisse der Banken gleichzeitig deutlich gestiegen sind. Neben der fehlenden Kreditnachfrage wirken sich die EZB-Assetkäufe somit auch ungewollt bremsend auf das Kreditangebot aus. Die niedrigen Zinsmargen der Banken machen die Kreditvergabe am Ende nicht mehr lukrativ. Eine gefährliche Entwicklung, die gerade jene Banken trifft, die ihr Geschäftsmodell auf „normale“ risikoarme Kredite und Einlagen stützen. Am Ende befindet sich diese Geldpolitik in der Sackgasse. Dazwischen aber hofft die EZB wohl, mit Einfluss auf die Wechselkurse die Exporte der Eurozone zu beleben“, analysiert Hofstätter weiter. Was der EZB damit aber gelingen dürfte ist die Anleiherenditen zumindest im ersten Halbjahr noch weiter sehr tief und die meisten Anleihenmärkte in der Eurozone sehr teuer zu halten. Die Durststrecke für Anleger setzt sich im Zinsbereich noch lange fort.
EUR/USD: Dollar gestützt durch Fed-Politik und gute US-Konjunktur
Die Renditedifferenz zwischen deutschen und amerikanischen 2-jährigen Staatsanleihen bleibt weiterhin die maßgebliche Bestimmungsgröße für die Wechselkursentwicklung von EUR/USD. „Wir gehen unverändert davon aus, dass die konträre gelpolitische Ausrichtung von Fed und EZB weiter zunehmen wird. Während wir erwarten, dass die Fed spätestens im Sommer den Leitzinssatz anheben wird, gehen wir davon aus, dass die EZB noch im Laufe des ersten Halbjahres 2015 ein großvolumiges Staatsanleihekaufprogramm auflegen wird, um eine merkliche Ausweitung ihrer Bilanzsumme zu erreichen. Für Mitte 2015 rechnen wir mit einem Wechselkurs von 1,17 EUR/USD, der sich im Jahresverlauf auf nur noch knapp über 1,10 EUR/USD weiter abschwächen wird“, so Hofstätter.
Ölpreis: OPEC setzt auf riskante Strategie
Die jüngsten OPEC-Entscheidungen stellen eine gravierende Strategieänderung dar, in der die vorübergehend niedrigeren Ölpreise in Kauf genommen werden, um keine Marktanteile an die Nicht-OPEC-Produzenten abgeben zu müssen und längerfristig wieder in den Genuss höherer Ölpreise zu kommen. Es ist zweifelsohne eine riskante Strategie, die aber am Ende durchaus den gewünschten Erfolg bringen kann.
Im Fokus der OPEC-Strategie steht vor allem die amerikanische Schieferölproduktion („shale oil“), die derzeit auf ein quantitatives Allzeithoch zusteuert. Durch das aktuelle Ölpreisniveau von unter USD 70 pro Fass Brent geraten vor allem Produzenten von Schieferöl unter Druck, da ihre Gewinnmargen einbrechen und die Produktion sich somit nicht mehr rechnet. Da die meisten Produzenten aber zumindest einen Teil ihrer Schieferölproduktion bereits zu höheren Preisen vorausverkauft haben („Hedging“), sollte sich der Preisdruck erst ab dem zweiten Halbjahr 2015 bemerkbar machen und dann zu niedrigeren Förderquoten führen. Die Kombination aus geringeren Fördermengen, sowohl bei der OPEC als auch im Schieferölbereich, und einer sich verbessernden Konjunktur, sollte dann wieder zu einer Preissteigerung führen. Insgesamt erwarten die Analysten von Raiffeisen RESEARCH für 2015 einen durchschnittlichen Ölpreis von USD 80 pro Fass Brent. Für die Eurozone stellt der gefallene Ölpreis jedenfalls ein Stimuluspaket genau zur richtigen Zeit dar, das sich auf den Konjunkturausblick 2015 voraussichtlich deutlich stärker positiv auswirken wird als Anleihenkäufe der EZB.
Globaler Aktienmarkt: 2015 stehen Unternehmensgewinne im Fokus
Der Nikkei 225 war im vierten Quartal 2014 weltweit einer der ertragsstärksten Aktienindizes. Dies ist einerseits auf das Wertpapierankaufprogramms der japanischen Notenbank und anderseits auf die Anhebung der Aktienquote des staatlichen Pensionsfonds zurückzuführen. „Wir gehen davon aus, dass der Faktor „Liquidität“ in Japan das Wachstum einerseits direkt durch Investitionen und Konsum und andererseits auch indirekt über steigende Exporte stützen wird. Für 2015 erwarten wir daher einen realen BIP-Anstieg von 1 Prozent. Bei den japanischen Unternehmensgewinnen ist von zweistelligen Gewinnwachstumsraten auf Gesamtmarktebene auszugehen. All diese Faktoren, in Kombination mit einer aktuell moderaten Bewertung, lassen für den Nikkei 225 ein starkes Börsenjahr erwarten“, beginnt Veronika Lammer, Leiterin der Abteilung Quant Research und Emerging Markets bei Raiffeisen RESEARCH, ihren Ausblick auf die Entwicklung der globalen Aktienmärkte.
Die Aktienmärkte der Eurozone blieben 2014 aufgrund der Krise in der Ukraine, dem geringen Wachstum und daraus resultierende Angst vor einer Deflation deutlich hinter jenen der USA zurück. Positive Faktoren waren hier neben der zunehmend akkommodierenden EZB-Politik vor allem auch die über den Erwartungen liegenden Unternehmensgewinne. Diese beiden Faktoren sind für die Analysten von Raiffeisen RESEARCH auch die beiden Hauptargumente, warum für das erste Quartal 2015 sowohl für den DAX als auch für den Euro STOXX 50 eine klar positive Entwicklung zu erwarten ist.
In den USA sprechen die aktuelle Wirtschaftsdynamik, die steigenden Unternehmensgewinne und die relative Konstanz des Aufwärtstrends grundsätzlich für den US-Aktienmarkt. Die Unternehmen des S&P 500 werden nach jüngsten Schätzungen 2014 um knappe 8 Prozent mehr verdient haben als im Vorjahr. 2015 sollte es ähnlich gut weitergehen, zumal die robuste Binnen-konjunktur negative Effekte, wie den starken Dollar und mäßige Exporte, kompensieren sollte.
EM-Aktienmärkten: Indien hat weiterhin Steigerungspotenzial
Die Aktienmärkte der Emerging Markets (EM) werden sich auch im kommenden Jahr recht unterschiedlich entwickeln. Der indische SENSEX zählt 2014 mit einem Kurszuwachs von 31,6 Prozent (Lokalwährungsbasis) zu den absoluten Outperformern unter den EM-Aktienmärkten. Das KGV ist mit 19,4 zwar weiterhin hoch, das Gewinnwachstum von derzeit 9,8 Prozent p.a. sollte aber noch Steigerungspotenzial haben und könnte sich 2015 nahezu auf 18,6 Prozent verdoppeln.
„Moderater hingegen werden die Steigerungen beim größten Konkurrenten China ausfallen. Der chinesische HSCE Index konnte zwar im vierten Quartal durch Zinssenkungen um 13,7 Prozent zulegen, das KGV ist mit 7,9 aber historisch weiterhin günstig. Die Auswirkungen der Zinssenkungen auf die Realwirtschaft sind schwer einzuschätzen, da die Kreditvergabe nach wie vor stark reguliert ist und sich die Margen der Banken reduzieren. Eine starke Konjunkturbelebung ist daher fraglich. Das Gewinnwachstum von derzeit 6,0 Prozent p.a., wird sich 2015 voraussichtlich auf 7,2 Prozent p.a. leicht steigern können“, geht Lammer auf die Entwicklungen der EM-Aktienmärkte ein.
Für den brasilianischen BOSVESPA hingegen rechnen die Analysten von Raiffeisen RSEARCH mit einer weiteren Verschlechterung auf Quartals- und Jahressicht. Das Wachstum der Unternehmens-gewinne hat wenig Aufwärtspotenzial, weshalb das KGV von 17,0 als historisch teuer einzustufen ist. Neben der stark intervenierenden Wirtschaftspolitik, belastet hier vor allem der verhaltene Ausblick für den Rohstoffsektor die Performancemöglichkeiten.
Anlagestrategie: Aktien weiterhin übergewichtet
Die neuerliche Lockerung der Geldpolitik in der Eurozone über den angestrebten massiven Kauf von Anleihen durch die EZB sichert das tiefe Renditeniveau für Euro-denominierte Anleihen für die nächsten Monate ab. Trotzdem gewichten die Analysten von Raiffeisen RESEARCH Anleihen in ihrem Portfolio unter, da für erstklassige Schuldner auf aktuellem Renditeniveau nach Spesen in vielen Fällen kein oder nur noch ein sehr geringer Ertrag erzielt werden kann. Ein Teil des positiven Effektes dieser geldpolitischen Maßnahme wird bereits in den Kursen reflektiert. Darüber hinaus unterstützt die europäische und japanische Liquiditätsschwemme nicht nur Anleihen sondern auch Aktien.
Viele Aktienmärkte weisen unverändert attraktive Dividendenrenditen bei moderaten Bewertungen auf. Hinzu kommt eine weltweit optimistische Konjunkturaussicht, die ein Ansteigen der Unternehmensgewinne erwarten lässt. Daher werden Aktien in der aktuellen Anlagestrategie für das erste Quartal 2015 auch mit 55 Prozent (plus 2 Prozentpunkte) übergewichtet, Anleihen mit 40 Prozent (minus 2 Prozentpunkte) und Immobilien unverändert mit 5 Prozent. „Die Hauptrisiken für unser Szenario sehen wir in einer Verschärfung des politischen Klimas mit Russland und einer Verstärkung der Kombination aus geringem Wirtschaftswachstum und deflationären Tendenzen in Europa und Japan. Die von uns für das erste Halbjahr erwartete erste Zinserhöhung in den USA könnte die Volatilität an den Finanzmärkten zwar generell erhöhen, sollte den Aufwärtstrend an den Aktienmärkten aber nicht beenden,“ geht Lammer abschließend auf etwaige Risiken ein.