WirtschaftsBlatt-Leitartikel: Europa muss um Industrie kämpfen - von Hans-Jörg Bruckberger
WirtschaftsBlatt-Leitartikel: Europa muss um Industrie kämpfen - von Hans-Jörg Bruckberger
Fiat denkt wieder einmal laut darüber nach, Teile der
Produktion und sogar den Konzernsitz in die USA zu verlegen. Was wie
ein Scherz klingt und vielleicht auch nur taktisches Geplänkel ist,
um in Italien Zugeständnisse zu erzwingen, ist jedenfalls
bemerkenswert. Allein, dass darüber auch nur diskutiert wird, ist
erschreckend. Kaum ein Konzern ist "italienischer" als Fiat - mit
Marken wie Alfa Romeo und Ferrari und der Eigentümerfamilie Agnelli.
Leider steckt mehr dahinter. Während Europa konjunkturell schwächelt,
kommen die USA in die Gänge, der Automarkt boomt sogar. Davon
profitiert Fiat dank Chrysler. So gesehen würde eine Zentrale in den
USA Sinn manchen, zumal die (süd-)europäischen Kernmärkte wohl auf
Jahre schwächeln. Das bankrotte Detroit würde den Italienern sicher
den roten Teppich ausrollen. Ähnlich erging es auch der Voestalpine,
als sie sich entschlossen hat, ein Werk in Texas hochzuziehen. Mit
offenen Armen wurde man dort empfangen.
In Europa aber wird die Industrie oft stiefmütterlich behandelt. Hohe
Lohnnebenkosten, teure Energie, Bürokratie und teils
unverhältnismäßig strenge Umweltauflagen führen zu einer
Deindustrialisierung. Und wehe dem, der in schlechten Zeiten einmal
Werke schließen muss. Dann mischt sich gern die Politik ein, in
vielen Ländern haben wir obendrein eine Tradition im Streiken. Und
bevor etwas passiert, wird erst einmal geprüft und diskutiert. Auf
lokaler und regionaler Ebene, auf nationaler und natürlich ganz
besonders gern in Brüssel.
In Amerika geht alles schneller. Dort findet nun auch eine
Reindustrialisierung statt. Begünstigt und angetrieben freilich von
dank Schiefergas niedrigen Energiekosten. Aber auch sonst muss sich
Europa anschnallen: Im internationalen Wettbewerb der Standorte kommt
man sonst rasch ins Hintertreffen. Dass die Politik in Italien nun
signalisiert, Fiat entgegenzukommen und den Konzern halten will, ist
löblich. Aber muss man wirklich erst mit dem Schlimmsten drohen, um
Gehör zu finden?