WirtschaftsBlatt-Leitartikel: Es wird Zeit für etwas Handfestes - von Herbert Geyer
WirtschaftsBlatt-Leitartikel: Es wird Zeit für etwas Handfestes - von Herbert Geyer
Wien (OTS) - Wir leben in einer verrückten Zeit. Dass die Börsenhaussieren, während die Realwirtschaft noch am Boden liegt, ist ja
nicht gar so ungewöhnlich.
Dass der Dow Jones allerdings seit vier Jahren (und der Dax immerhin
seit zwei) von Höhepunkt zu Höhepunkt eilt, die Wirtschaft aber nicht
vom Fleck kommt, ist mehr als ungewöhnlich - ebenso die Tatsache,
dass die Indizes nicht von den typischen Zyklikern getrieben werden,
die am Beginn eines Konjunkturaufschwungs die besten Renditen
versprechen: Stahl, Bau, Verpackung, Autos.
Warum die Märkte sich offenbar von der Realität abgekoppelt haben,
liegt auf der Hand. Das billige Geld, das die Zentralbanken freigebig
über den Banken ausstreuen, wird (leider) nicht dazu verwendet, den
KMU die Kredite für dringend benötigte Investitionen zu geben,
sondern landet in diversen Finanz-Investments, wo es dazu neigt,
Blasen zu erzeugen: in Immobilien, in Aktien - oder auch in
Taxi-Konzessionen in Hongkong (siehe S. 12).
Dass die Gewinnzahlen, auf denen der aktuelle Aktienboom aufbaut, vor
allem durch Einsparungen erzielt werden und nicht durch Mehrgeschäft,
komplettiert das Bild.
Weil man sich auf die Märkte nicht verlassen kann, sind auch die
diversen Manager-Umfragen, auf denen die Ökonomen ihre Prognosen
aufbauen, nicht wirklich verlässlich.
Der Einbruch rund um den letzten Jahreswechsel, der sogar Deutschland
an den Rand einer Rezession geführt hat, war in den Umfragen erst
erkennbar, als er bereits da war.
Umso freudiger werden Nachrichten begrüßt, die auf handfesten
Erfolgszahlen beruhen: Die deutsche Industrieproduktion, die im Juni
bereits das zweite Mal in Folge zugelegt hat, ist so eine Nachricht.
Zumal sie nicht nur weit über den Erwartungen der Experten lag,
sondern auch auf einem Anspringen der Nachfrage nach
Investitionsgütern beruht.
Und genau dort liegt der Schlüssel für einen nachhaltigeren
Aufschwung: Auf steigende Exporte ist angesichts der international
schwachen Nachfrage nicht zu bauen, und auf den Konsum ist in Zeiten
hoher Arbeitslosigkeit und im Wettbewerb geschnürter Sparpakete auf
Dauer kein Verlass.
Wenn sich also die Zahlen aus Deutschland nicht als Eintagsfliege
entpuppen, gibt es wirklich Hoffnung auf ein Ende der Flaute.