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Datum/Zeit: 05.10.2017 12:56
Quelle: APA

RBI -Ökonom: Fairer Wert des Euro liegt bei 1,30 US-Dollar


Spitzenwerte von über 1,40 US-Dollar möglich - EZB muss Aufwertung akzeptieren - Rechtzeitig in Lockerung der Geldpolitik einsteigen - Nationalratswahl ohne Auswirkungen auf Finanzmärkte



Trotz der rasanten Aufwertung des Euro gegenüber dem US-Dollar in den vergangenen Monaten sieht Raiffeisen-Ökonom Gunter Deuber die europäische Gemeinschaftswährung noch immer eher unterbewertet. Der angemessene Wert des Euro liege bei rund 1,30 US-Dollar, sagte Deuber am Donnerstag bei einem Pressegespräch in Wien. Seit Jahresbeginn befestigte der Euro von etwa 1,04 auf aktuell 1,18 US-Dollar.

Einen wesentlichen Grund für den Aufwertungsdruck sieht der Raiffeisen-Research-Abteilungsleiter Volkswirtschaft, Zinsen und Währungen in den Leistungsbilanzüberschüssen der Eurozone, die es nicht nur in Deutschland gebe, gegenüber dem Defizit der USA. Sollte die Europäische Zentralbank (EZB) ihre Geldpolitik normalisieren, könnte der Euro sogar - wie bereits in der Vergangenheit - wieder auf über 1,40 US-Dollar hinaufschießen. Werte von 1,40 bis 1,50 Dollar seien zuletzt in den Jahren 2007 und 2008 erreicht worden. "Damals hat sich niemand dagegen gewehrt", meinte Deuber. "Die EZB muss eine Aufwertung akzeptieren."

"2018 wird ein spannendes Jahr", so Deuber weiter. Im kommenden Jahre werde sich die EZB nämlich zwischen weiterer Stimulierung der Konjunktur oder einer vorausschauenden Geldpolitik entscheiden. Auf Basis des derzeit sehr guten wirtschaftlichen Umfeldes in der Eurozone, global und auch in Osteuropa rechnet Deuber mit einem Ausstieg aus der lockeren Geldpolitik, die etwa von Staatsanleihenkäufen geprägt ist. Dies trotz des derzeit noch geringen Inflationsdruckes in der Eurozone. Der Zeitpunkt sei auch insofern günstig, als man sich bereits in der Spätphase des Konjunkturzyklus befinde. Damit könnten auch Reserven für schlechtere Zeiten aufgebaut werden. Konkrete Pläne dazu dürfte die EZB bereits bei ihrer nächsten Sitzung am 26. Oktober bekannt geben.

Die Wirtschaft der Eurozone sollte laut erhöhter RBI-Prognose in diesem und dem kommenden Jahr um 2,2 Prozent wachsen, 2019 dann um 1,7 Prozent. Die Inflation wird bei 1,5 Prozent, 1,3 Prozent und 1,7 Prozent erwartet.

Die EZB werde aber noch lange Akteur am Finanzmarkt bleiben, erwartet Deuber. Sie werde sich zudem hüten, die gleichen Fehler wie in der Vergangenheit zu machen. Beispielsweise habe sie nach dem Höhepunkt der Finanzkrise im Jahr 2008 die Zinsen zu schnell und zu früh angehoben. Auch 2011 sei ihr das gleiche passiert.

Für ihren "Einstieg zum Ausstieg" aus der lockeren Geldpolitik habe die EZB viele Möglichkeiten. Am wahrscheinlichsten seien drei Optionen, die von Jänner bis September 2018 umgesetzt werden sollten: Einerseits eine monatliche Reduktion der derzeitigen Anleihekäufe in Höhe von 60 Mrd. Euro um 6 Mrd. Euro, eine Reduktion auf monatlich 30 Mrd. Euro oder eine quartalsweise Reduktion auf 40, 30 und 20 Mrd. Euro. Im vierten Quartal 2018 sollte dann Schluss mit den Neukäufen von Anleihen sein. Das Kaufvolumen würde so in diesem Zeitraum auf 270 Mrd. Euro sinken.

In Österreich würden sich im Moment keine Strukturreformen abzeichnen. Hier feiere man im Wahlkampf den aktuellen Aufschwung ab, ohne wirkliche Weichenstellungen zu setzen. "Die Strukturthemen werden nicht angegangen", so Deuber. Auch die EZB-Themen sehe man in Österreich eher unkritisch. Der Ausgang der Wahl werde sowohl im In- als auch im Ausland eher keine Auswirkungen auf die Finanzmarkt haben.

Kritik übte Deuber am Inflationsziel der EZB, das sie derzeit mit nicht über, aber knapp bei 2 Prozent definiert. Sie sollte wieder zur alten Definition von Null bis 2 Prozent für Preisstabilität zurückkehren. Zudem sei die EZB am Konsumentenpreisindex orientiert, mit dem aber nicht alles gemessen werde. Die Entwicklung der Vermögenspreise etwa sei nicht enthalten. Hier könnten Blasen versteckt sein. Die Preisentwicklung müsse breiter gemessen werden, fordert Deuber.

Konkret rechnet Deuber bis September 2018 mit keiner Leitzinserhöhung der EZB. Die Zinslandschaft sollte nachhaltig auf Jahre nach unten verzerrt bleiben. Leicht ansteigen sollten auf Jahressicht und teilweise schon etwas früher etwa der 3-Monats-Euribor von aktuell -0,33 auf -0,25 Prozent. Der 12-Monats-Euribor sollte gerade die Null-Prozent-Marke erreichen (derzeit -0,17 Prozent). Und die Rendite von zehnjährigen deutschen Staatsanleihen sollte von 0,41 auf 0,80 Prozent zulegen.

(Schluss) ggr/ivn

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